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103-L

Versuche mit Akonitinnitrat-Geschossen

Berlin-Zehlendorf 6, den 12.9.1944

Reichsarzt-SS und Polizei
Der Oberste Hygieniker

Spanische Allee 10 — 12
Tgb.Nr.: Geh. 364/44 Dr.Mru./Eb.

Geheime Kommandosache.

Betrifft: Versuche mit Akonitinnitrat-Geschossen.

An das
Kriminaltechnische Institut
z.Hd. von Herrn Dr. Widmann
Berlin

Im Beisein von SS-Sturmbannführer Dr. Ding, Herrn Dr. Widmann und dem Unterzeichneten wurden am 11.9.44 an fünf zum Tode Verurteilten Versuche mit Akonitinnitrat-Geschossen durchgeführt. Es handelte sich um Geschosse von Kaliber 7,65 mm, welche mit dem Gift in kristalliner Form gefüllt waren. Die Versuchspersonen erhielten im Liegen je einen Schuss in den linken Oberschenkel. Bei 2 Personen wurde der Oberschenkel glatt durchschossen. Es war auch später keine Giftwirkung zu erkennen. Diese beiden Versuchspersonen schieden daher aus.

Der Einschuss zeigte keine Besonderheiten. Bei einer Versuchsperson war offenbar die Arteria femoralis verletzt. Ein heller Blutstrom entsprang der Einschussöffnung. Jedoch stand die Blutung nach kurzer Zeit. Der Blutverlust hat schätzungsweise höchstens 3/4 Liter betragen, war also auf keinen Fall tödlich.

Die drei Verurteilten wiesen in ihren Erscheinungen eine überraschende Übereinstimmung auf. Zunächst zeigten sich keine Besonderheiten. Nach 20 bis 25 Minuten traten motorische Unruhe und ein leichter Speichelfluss auf. Beides ging darauf wieder zurück. Nach 40 bis 44 Minuten setzte starker Speichelfluss ein. Die Vergifteten schlucken häufig, später ist der Speichelfluss so stark, dass er durch Hinunterschlucken nicht mehr bewältigt werden kann. Schaumiger Speichel entfliesst dem Mund. Dann setzen Würgreiz und Erbrechen ein.

Der Puls war bei zwei Personen nach 58 Minuten nicht mehr zu tasten. Der dritte hatte 76 Pulsschläge. Sein Blutdruck betrug nach 65 Minuten 90/60 min.Hg. Die Töne waren ausserordentlich leise. Es bestand also eine deutliche Herabsetzung des Blutdruckes.

In der ersten Stunde des Versuches zeigten die Pupillen keine Veränderungen. Nach 78 Minuten zeigten sie bei allen drei Personen eine mittlere Erweiterung mit einer Trägheit in der Lichtreaktion. Gleichzeitig bestand maximale Atmung mit tiefer ziehender Inspiration. Sie liess nach wenigen Minuten nach. Die Pupillen wurden wieder enger und reagierten besser. Nach 65 Minuten fehlten bei den 3 Vergifteten die Kniesehnen- und Achillessehnen-Reflexe. Bei zweien fehlten auch die Bauchdecken-Reflexe. Bei dem dritten waren die oberen Bauchdecken-Reflexe noch erhalten, die unteren nicht mehr auslösbar.

Nach ungefähr 90 Minuten setzte bei einer Versuchsperson wieder eine tiefe Atmung ein, begleitet von einer zunehmenden motorischen Unruhe. Die Atmung ging dann in eine oberflächliche jagende über. Gleichzeitig bestand ein starker Brechreiz. Der eine Vergiftete versuchte vergebens zu erbrechen. Um dies zu erreichen, steckte er 4 Finger der Hand bis zu den Grundgelenken tief in den Mund. Trotzdem setzte kein Erbrechen ein. Das Gesicht war dabei gerötet.

Die anderen beiden Versuchspersonen zeigten schon früh ein blasses Gesicht. Die übrigen Erscheinungen waren dieselben. Die motorische Unruhe wuchs später so stark, dass sich die Personen aufbäumten, wieder hinwarfen, die Augen verdrehten, sinnlose Bewegungen mit den Händen und Armen ausführten. Schliesslich liess die Unruhe nach, die Pupillen erweiterten sich maximal, die Verurteilten lagen still da. Bei einem von ihnen wurden Masseter-Krampf und Urinabgang beobachtet. Der Tod trat 121, 123 und 129 Minuten nach Erhalten des Schusses ein.

Zusammenfassung: Die mit ungefähr 38 mg. Akonitinnitrat in Substanz gefüllten Geschosse hatten trotz unbedeutender Verletzung nach etwa 2 Stunden eine tödliche Wirkung. Die Vergiftung zeigte sich 20 bis 25 Minuten nach der Verletzung. Im Vordergrund der Erscheinungen standen Speichelfluss, Veränderungen der Pupillen, Verschwinden der Sehnen-Reflexe, motorische Unruhe und starker Brechreiz.

Mrugowsky (Doz.Dr.Mrugowsky)
SS-Oberführer u.
Amtschef.





Quellen:


  1. Externer LinkDer Nürnberger Prozess, Urkunden und anderes Beweismaterial
    Delphin-Verlag, München 1989
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© Jürgen Langowski 2017