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5.11.1937

Die Hoßbach-Niederschrift

Anwesend:[1]

Der Führer und Reichskanzler, der Reichskriegsminister 
Generalfeldmarschall von Blomberg, der Oberbefehlshaber des 
Heeres Generaloberst Freiherr von Fritsch,

der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Generaladmiral Dr. h. c. 
Raeder,

der Oberbefehlshaber der Luftwaffe Generaloberst Göring, der 
Reichsminister des Auswärtigen Freiherr von Neurath, Oberst 
Hoßbach

Der Führer stellte einleitend fest, daß der Gegenstand der 
heutigen Besprechung von derartiger Bedeutung sei, daß dessen 
Erörterung in anderen Staaten wohl vor das Forum des 
Regierungskabinetts gehörte, er - der Führer - sähe aber gerade 
im Hinblick auf die Bedeutung der Materie davon ab, diese in 
dem großen Kreise des Reichskabinetts zum Gegenstand der 
Besprechung zu machen. Seine nachfolgenden Ausführungen seien 
das Ergebnis eingehender Überlegungen und der Erfahrungen 
seiner viereinhalbjährigen Regierungszeit; er wolle den 
anwesenden Herren seine grundlegenden Gedanken über die 
Entwicklungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten unserer 
außenpolitischen Lage auseinandersetzen, wobei er im Interesse 
einer auf weite Sicht eingestellten deutschen Politik seine 
Ausführungen als seine testamentarische Hinterlassenschaft für 
den Fall seines Ablebens anzusehen bitte.

Der Führer führte sodann aus:

Das Ziel der deutschen Politik sei die Sicherung und die 
Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung. Somit handele es 
sich um das Problem des Raumes.

Die deutsche Volksmasse verfüge über 85 Millionen Menschen, die 
nach der Anzahl der Menschen und der Geschlossenheit des 
Siedlungsraumes in Europa einen in sich so fest geschlossenen 
Rassekern darstelle, wie er in keinem anderen Land wieder 
anzutreffen sei und wie er andererseits das Anrecht auf 
größeren Lebensraum mehr als bei anderen Völkern in sich 
schlösse. Wenn kein dem deutschen Rassekern entsprechendes
politisches Ergebnis auf dem Gebiet des Raumes vorläge, so sei 
das eine Folge mehrhundertjähriger historischer Entwicklung und 
bei Fortdauer dieses politischen Zustandes die größte Gefahr 
für die Erhaltung des deutschen Volkstums auf seiner jetzigen 
Höhe. Ein Aufhalten des Rückganges des Deutschtums in 
Österreich und in der Tschechoslowakei sei ebenso wenig möglich 
als die Erhaltung des augenblicklichen Standes in Deutschland 
selbst. Statt Wachstum setze Sterilisation ein, in deren Folge 
Spannungen sozialer Art nach einer Reihe von Jahren einsetzen 
müßten, weil politische und weltanschauliche Ideen nur solange 
von Bestand seien, als sie die Grundlage zur Verwirklichung der 
realen Lebensansprüche eines Volkes abzugeben vermöchten. Die 
deutsche Zukunft sei daher ausschließlich durch die Lösung der 
Raumnot bedingt, eine solche Lösung könne naturgemäß nur für 
eine absehbare, etwa 1-3 Generationen umfassende Zeit gesucht 
werden.

Bevor er sich der Frage der Behebung der Raumnot zuwende, sei 
die Überlegung anzustellen, ob im Wege der Autarkie oder einer 
gesteigerten Beteiligung an der Weltwirtschaft eine 
zukunftsreiche Lösung der deutschen Lage zu erreichen sei.

Autarkie: Durchführung nur möglich bei straffer 
nationalsozialistischer Staatsführung, welche die Voraussetzung 
sei, als Resultat der Verwirklichungsmöglichkeit sei 
festzustellen:

A. Auf dem Gebiet der Rohstoffe nur bedingte, nicht aber totale 
Autarkie.

1. Soweit Kohle zur Gewinnung von Rohprodukten in Betracht 
komme, sei Autarkie durchführbar.

2. Schon auf dem Gebiet der Erze Lage viel schwieriger. 
Eisenbedarf = Selbstdeckung möglich und Leichtmetall, bei 
anderen Rohstoffen - Kupfer, Zinn dagegen nicht.

3. Faserstoffe - Selbstdeckung, soweit Holzvorkommen reicht. 
Eine Dauerlösung nicht möglich.

4. Ernährungsfette möglich.

B. Auf dem Gebiet der Lebensmittel sei die Frage der Autarkie 
mit einem glatten 'nein' zu beantworten.

Mit der allgemeinen Steigerung des Lebensstandards sei 
gegenüber den Zeiten vor 30-40 Jahren eine Steigerung des 
Bedarfs und ein gesteigerter Eigenkonsum auch der Produzenten, 
der Bauern, Hand in Hand gegangen. Die Erlöse der 
landwirtschaftlichen Produktionssteigerung seien in die Deckung 
der Bedarfssteigerung übergegangen, stellten daher keine 
absolute Erzeugungssteigerung dar. Eine weitere Steigerung der 
Produktion unter Anspannung des Bodens, der infolge der 
Kunstdüngung bereits Ermüdungserscheinungen aufweise, sei kaum 
noch möglich und daher sicher, daß selbst bei höchster 
Produktionssteigerung eine Beteiligung am Weltmarkt nicht zu 
umgehen sei. Der schon bei guten Ernten nicht unerhebliche 
Ansatz von Devisen zur Sicherstellung der Ernährung durch 
Einfuhr steigere sich bei Mißernten zu katastrophalem Ausmaß. 
Die Möglichkeit der Katastrophe wachse in dem Maße der 
Bevölkerungszunahme, wobei der Geburtenüberschuß von jährlich 
560 000 auch insofern einen erhöhten Brotkonsum im Gefolge
habe, da das Kind ein stärkerer Brotesser als der Erwachsene
sei.

Den Ernährungsschwierigkeiten durch Senkung des Lebensstandards 
und durch Rationalisierung auf die Dauer zu begegnen, sei in 
einem Erdteil annähernd gleicher Lebenshaltung unmöglich. 
Seitdem mit Lösung des Arbeitslosenproblems die volle 
Konsumkraft in Wirkung getreten sei, wären wohl noch kleine 
Korrekturen unserer landwirtschaftlichen Eigenproduktion, nicht 
aber eine tatsächliche Änderung der Ernährungsgrundlage 
möglich. Damit sei die Autarkie sowohl auf dem Ernährungsgebiet 
als auch in der Totalität hinfällig.

Beteiligung an der Weltwirtschaft: Ihr seien Grenzen gezogen, 
die wir nicht zu beheben vermöchten. Einer sicheren Fundierung 
der deutschen Lage ständen die Konjunkturschwankungen entgegen, 
die Handelsverträge böten keine Gewähr für die praktische 
Durchführung. insbesondere sei grundsätzlich zu bedenken, daß 
seit dem Weltkrieg eine Industrialisierung gerade früherer 
Ernährungsausfuhrländer stattgefunden habe. Wir lebten im 
Zeitalter wirtschaftlicher Imperien, in welchem der Trieb zur 
Kolonisierung sich wieder dem Urzustand nähere; bei Japan und 
Italien lägen dem Ausdehnungsdrang wirtschaftliche Motive zu 
Grunde ebenso wie auch für Deutschland die wirtschaftliche Not 
den Antrieb bilden würde. Für Länder außerhalb der großen 
Wirtschaftsreiche sei die Möglichkeit wirtschaftlicher 
Expansion besonders erschwert.

Der durch die Rüstungskonjunkturen verursachte Auftrieb in der 
Weltwirtschaft könne niemals die Grundlage zu einer 
wirtschaftlichen Regelung für einen längeren Zeitraum bilden, 
welch letzterer vor allem auch die vom Bolschewismus 
ausgehenden Wirtschaftszerstörungen im Wege stünden. Es sei 
eine ausgesprochene militärische Schwäche derjenigen Staaten, 
die ihre Existenz auf dem Außenhandel aufbauten. Da unser 
Außenhandel über die durch England beherrschten Seegebiete
führe, sei es mehr eine Frage der Sicherheit des Transportes
als eine solche der Devisen, woraus die große Schwäche unserer 
Ernährungssituation im Kriege erhelle. Die einzige, uns 
vielleicht traumhaft erscheinende Abhilfe läge in der Gewinnung 
eines größeren Lebensraumes, ein Streben, das zu allen Zeiten 
die Ursache der Staatenbildungen und Völkerbewegungen gewesen 
sei. Daß dieses Streben in Genf und bei den gesättigten Staaten 
keinem Interesse begegne, sei erklärlich. Wenn die Sicherheit 
unserer Ernährungslage im Vordergrund stände, so könne der 
hierfür notwendige Raum nur in Europa gesucht werden, nicht 
aber ausgehend von liberalistisch-kapitalistischen Auffassungen 
in der Ausbeutung von Kolonien. Es handele sich nicht um die 
Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich 
nutzbarem Raum. Auch die Rohstoffgebiete seien zweckmäßiger im 
unmittelbaren Anschluß an das Reich in Europa und nicht in 
Übersee zu suchen, wobei die Lösung sich für ein bis zwei 
Generationen auswirken müsse. Was darüber hinaus in späteren 
Zeiten notwendig werden sollte, müsse nachfolgenden 
Geschlechtern überlassen bleiben. Die Entwicklung großer 
Weltgebilde gehe nun einmal langsam vor sich, das deutsche Volk 
mit seinem starken Rassekern finde hierfür die günstigsten 
Voraussetzungen inmitten des europäischen Kontinents. Daß jede 
Raumerweiterung nur durch Brechen von Widerstand und unter 
Risiko vor sich gehen könne, habe die Geschichte aller Zeiten - 
Römisches Weltreich, Englisches Empire - bewiesen. Auch 
Rückschläge seien unvermeidbar. Weder früher noch heute habe es 
herrenlosen Raum gegeben, der Angreifer stoße stets auf den 
Besitzer.

Für Deutschland laute die Frage, wo größter Gewinn unter 
geringstem Einsatz zu erreichen sei.

Die deutsche Politik habe mit den beiden Haßgegnern England und 
Frankreich zu rechnen, denen ein starker deutscher Koloß 
inmitten Europas ein Dorn im Auge sei, wobei beide Staaten eine 
weitere deutsche Erstarkung sowohl in Europa als auch in 
Übersee ablehnten und sich in dieser Ablehnung auf die 
Zustimmung aller Parteien stützen könnten. In der Errichtung 
deutscher militärischer Stützpunkte in Übersee sähen beide 
Länder eine Bedrohung ihrer Überseeverbindungen, eine Sicherung 
des deutschen Handels und rückwirkend eine Stärkung der 
deutschen Position in Europa.

England könne aus seinem Kolonialbesitz infolge des 
Widerstandes der Dominien keine Abtretungen an uns vornehmen. 
Nach dem durch Übergang Abessiniens in italienischen Besitz 
eingetretenen Prestigeverlust Englands sei mit einer Rückgabe 
Ostafrikas nicht zu rechnen. Das Entgegenkommen Englands werde 
sich bestenfalls in dem Anheimstellen äußern, unsere kolonialen 
Wünsche durch Wegnahme solcher Kolonien zu befriedigen, die 
sich z.Z. in nicht englischem Besitz befänden z. B. Angola -. 
In der gleichen Linie werde sich das französische 
Entgegenkommen bewegen.

Eine ernsthafte Diskussion wegen der Rückgabe von Kolonien an 
uns käme nur zu einem Zeitpunkt in Betracht, in dem England 
sich in einer Notlage befände und das deutsche Reich stark und 
gerüstet sei. Die Auffassung, daß das Empire unerschütterlich 
sei, teile der Führer nicht. Die Widerstände gegen das Empire 
lägen weniger in den eroberten Ländern als bei den 
Konkurrenten. Das Empire und das Römische Weltreich seien 
hinsichtlich der Dauerhaftigkeit nicht vergleichbar; dem 
letzteren habe seit den punischen Kriegen kein machtpolitischer 
Gegner ernsthafteren Charakters gegenüber gestanden. Erst die 
vom Christentum ausgehende auflösende Wirkung und die sich bei 
jedem Staat einstellenden Alterserscheinungen hätten das alte 
Rom dem Ansturm der Germanen erliegen lassen.

Neben dem englischen Empire ständen schon heute eine Anzahl ihm 
überlegener Staaten. Das englische Mutterland sei nur im Bunde 
mit anderen Staaten, nicht aus eigener Kraft in der Lage, 
seinen Kolonialbesitz zu verteidigen. Wie solle England allein 
z. B. Kanada gegen einen Angriff Amerikas, seine ostasiatischen 
Interessen gegen einen solchen Japans verteidigen!

Das Herausstellen der englischen Krone als Träger des 
Zusammenhaltes des Empire sei bereits das Eingeständnis, daß 
das Weltreich machtpolitisch auf die Dauer nicht zu halten sei. 
Bedeutungsvolle Hinweise in dieser Richtung seien:

a) Das Streben Irlands nach Selbständigkeit.

b) Die Verfassungskämpfe in Indien, wo England durch seine 
halben Maßnahmen den Indern die Möglichkeit eröffnet habe, 
späterhin die Nichterfüllung der verfassungsrechtlichen 
Versprechungen als Kampfmittel gegen England zu benutzen.

c) Die Schwächung der englischen Position in Ostasien durch 
Japan.

d) Der Gegensatz im Mittelmeer zu Italien, welches - unter 
Berufung auf seine Geschichte, getrieben aus Not und geführt 
durch ein Genie - seine Machtstellung ausbaue und sich 
hierdurch in zunehmendem Maße gegen englische Interessen wen
den müsse. Der Ausgang des abessinischen Krieges sei ein 
Prestigeverlust Englands, den Italien durch Schüren in der 
mohammedanischen Welt zu vergrößern bestrebt sei.

In summa sei festzustellen, daß trotz aller ideeller Festigkeit 
das Empire machtpolitisch auf die Dauer nicht mit 45 Millionen 
Engländern zu halten sei. Das Verhältnis der Bevölkerungszahl 
des Empires zu der des Mutterlandes von 9 : 1 sei eine Warnung
für uns, bei Raumerweiterungen nicht die in der eigenen 
Volkszahl liegende Plattform zu gering werden zu lassen.

Die Stellung Frankreichs sei günstiger als die Englands. Das 
französische Reich sei territorial besser gelagert, die 
Einwohner seines Kolonialbesitzes stellten einen militärischen 
Machtzuwachs dar. Aber Frankreich gehe innenpolitischen 
Schwierigkeiten entgegen. Im Leben der Völker nehmen die 
parlamentarische Regierungsform etwa 10%, die autoritäre etwa 
90% der Zeit ein. Immerhin seien heute in unsere politischen 
Berechnungen als Machtfaktoren einzusetzen: England, 
Frankreich, Rußland und die angrenzenden kleineren Staaten.

Zur Lösung der deutschen Frage könne es nur den Weg der Gewalt 
geben, dieser niemals risikolos sein. Die Kämpfe Friedrichs 
d.Gr. um Schlesien und die Kriege Bismarcks gegen Österreich 
und Frankreich seien von unerhörtem Risiko gewesen und die 
Schnelligkeit des preußischen Handelns 1870 habe Österreich vom 
Eintritt in den Krieg ferngehalten. Stelle man an die Spitze 
der nachfolgenden Ausführungen den Entschluß zur Anwendung von 
Gewalt unter Risiko, dann bleibe noch die Beantwortung der 
Fragen 'wann' und wie. Hierbei seien drei Fälle zu entscheiden:

Fall 1: Zeitpunkt 1943-1945.

Nach dieser Zeit sei nur noch eine Veränderung zu unseren 
Ungunsten zu erwarten.

Die Aufrüstung der Armee, Kriegsmarine, Luftwaffe sowie die 
Bildung des Offizierkorps seien annähernd beendet. Die 
materielle Ausstattung und Bewaffnung seien modern, bei 
weiterem Zuwarten läge die Gefahr ihrer Veraltung vor. 
Besonders der Geheimhaltungsschutz der 'Sonderwaffen' ließe 
sich nicht immer aufrecht erhalten. Die Gewinnung von 
Reserven beschränke sich auf die laufenden Rekrutenjahrgänge, 
ein Zusatz aus älteren unausgebildeten Jahrgängen sei nicht 
mehr verfügbar.

Im Verhältnis zu der bis dahin durchgeführten Aufrüstung
der Umwelt nähmen wir an relativer Stärke ab. Wenn wir bis 
1943/45 nicht handelten, könne infolge des Fehlens von Reserven 
jedes Jahr die Ernährungskrise bringen, zu deren Behebung 
ausreichende Devisen nicht verfügbar seien. Hierin sei ein 
'Schwächungsmoment des Regimes' zu erblicken. Zudem erwarte die 
Welt unseren Schlag und treffe ihre Gegenmaßnahmen von Jahr zu 
Jahr mehr. Während die Umwelt sich abriegele, seien wir zur 
Offensive gezwungen.

Wie die Lage in den Jahren 1943/45 tatsächlich sein würde, 
wisse heute niemand. Sicher sei nur, daß wir nicht länger 
warten können.

Auf der einen Seite die große Wehrmacht mit der Notwendigkeit 
der Sicherstellung ihrer Unterhaltung, das Älterwerden der 
Bewegung und ihrer Führer, auf der anderen Seite die Aussicht 
auf Senkung des Lebensstandards und auf Geburteneinschränkung 
ließen keine andere Wahl als zu handeln. Sollte der Führer noch 
am Leben sein, so sei es sein unabänderlicher Entschluß, 
spätestens 1943/45 die deutsche Raumfrage zu lösen. Die 
Notwendigkeit zum Handeln vor 1943/45 käme im Fall 2 und 3 in 
Betracht.

Fall 2:

Wenn die sozialen Spannungen in Frankreich sich zu einer 
derartigen innenpolitischen Krise auswachsen sollten, daß durch 
letztere die französische Armee absorbiert und für eine 
Kriegsverwendung gegen Deutschland ausgeschaltet würde, sei der 
Zeitpunkt zum Handeln gegen die Tschechei gekommen.

Fall 3:

Wenn Frankreich durch einen Krieg mit einem anderen Staat so 
gefesselt ist, daß es gegen Deutschland nicht 'vorgehen' kann.

Zur Verbesserung unserer militär-politischen Lage müsse in 
jedem Fall einer kriegerischen Verwicklung unser 1. Ziel sein, 
die Tschechei und gleichzeitig Österreich niederzuwerfen, um 
die Flankenbedrohung eines etwaigen Vorgehens nach Westen 
auszuschalten. Bei einem Konflikt mit Frankreich sei wohl nicht 
damit zu rechnen, daß die Tschechei am gleichen Tage wie 
Frankreich uns den Krieg erklären würde. In dem Maße unserer 
Schwächung würde jedoch der Wille zur Beteiligung am Kriege in 
der Tschechei zunehmen, wobei ihr Eingreifen sich durch einen 
Angriff nach Schlesien, nach Norden oder nach Westen bemerkbar 
machen könne.

Sei die Tschechei niedergeworfen, eine gemeinsame Grenze 
Deutschland-Ungarn gewonnen, so könne eher mit einem neutralen 
Verhalten Polens in einem deutsch-französischen Konflikt 
gerechnet werden. Unsere Abmachungen mit Polen behielten nur 
solange Geltung als Deutschlands Stärke unerschüttert sei. bei 
deutschen Rückschlägen müsse ein Vorgehen Polens gegen 
Ostpreußen, vielleicht auch gegen Pommern und Schlesien in 
Rechnung gestellt werden.

Bei Annahme einer Entwicklung der Situation, die zu einem
planmäßigen Vorgehen unsererseits in den Jahren 1943/45 führe, 
sei das Verhalten Frankreichs, Englands, Italiens, Polens, 
Rußlands voraussichtlich folgendermaßen zu beurteilen:

An sich glaube der Führer, daß mit hoher Wahrscheinlichkeit 
England, voraussichtlich aber auch Frankreich die Tschechen 
bereits im Stillen abgeschrieben und sich damit abgefunden 
hätten, daß diese Frage eines Tages durch Deutschland bereinigt 
würde. Die Schwierigkeiten des Empire und die Aussicht in einen 
lang währenden europäischen Krieg erneut verwickelt zu werden, 
seien bestimmend für eine Nichtbeteiligung Englands an einem 
Kriege gegen Deutschland. Die englische Haltung werde gewiß 
nicht ohne Einfluß auf die Frankreichs sein. Ein Vorgehen 
Frankreichs ohne die englische Unterstützung und in der 
Voraussicht, daß seine Offensive an unseren Westbefestigungen 
sich festlaufe, sei wenig wahrscheinlich. Ohne die Hilfe 
Englands sei auch nicht mit einem Durchmarsch Frankreichs durch 
Belgien und Holland zu rechnen, der auch bei einem Konflikt mit 
Frankreich für uns außer Betracht bleiben müsse, da es in jedem 
Fall die Feindschaft Englands zur Folge haben müßte. Naturgemäß 
sei eine Abriegelung im Westen in jedem Fall während der 
Durchführung unseres Angriffs gegen die Tschechei und 
Österreich notwendig. Hierbei sei zu berücksichtigen, daß die 
Verteidigungsmaßnahmen der Tschechei von Jahr zu Jahr an Stärke 
zunähmen und daß auch eine Konsolidierung der inneren Werte der 
österreichischen Armee im Laufe der Jahre stattfände. Wenn auch 
die Besiedelung insbesondere der Tschechei keine dünne sei, so 
könne die Einverleibung der Tschechei und Österreichs den 
Gewinn von Nahrungsmitteln für 5-6 Millionen Menschen bedeuten 
unter Zugrundelegung, daß eine zwangsweise Emigration aus der 
Tschechei von zwei, aus Österreich von einer Million Menschen 
zur Durchführung gelange. Die Angliederung der beiden Staaten 
an Deutschland bedeute militär-politisch eine wesentliche 
Entlastung infolge kürzerer, besserer Grenzziehung, Freiwerdens 
von Streitkräften für andere Zwecke und der Möglichkeit der 
Neuaufstellung von Truppen bis in Höhe von etwa 12 Divisionen, 
wobei auf 1 Million Einwohner eine neue Division entfalle.

Von der Seite Italiens sei[en] gegen die Beseitigung der 
Tschechei keine Einwendungen zu erwarten, wie dagegen seine 
Haltung in der österreichischen Frage zu bewerten sei, entziehe 
sich der heutigen Beurteilung und sei wesentlich davon 
abhängig, ob der Duce noch am Leben sei.

Das Maß der Überraschung und der Schnelligkeit unseres Handelns 
sei für die Stellungnahme Polens entscheidend. Gegen ein 
siegreiches Deutschland wird Polen - mit Rußland im Rücken - 
wenig Neigung haben, in den Krieg einzutreten.

Einem militärischen Eingreifen Rußlands müsse durch die 
Schnelligkeit unserer Operationen begegnet werden; ob ein 
solches überhaupt in Betracht kommen werde, sei angesichts der 
Haltung Japans mehr als fraglich.

Trete der Fall 2 - Lahmlegung Frankreichs durch einen 
Bürgerkrieg - ein, so sei infolge Ausfall des gefährlichsten 
Gegners die Lage jederzeit zum Schlag gegen die Tschechei 
auszunutzen.

In gewissere Nähe sähe der Führer den Fall 3 gerückt, der sich 
aus den derzeitigen Spannungen im Mittelmeer entwickeln könne 
und den er eintretendenfalls zu jedem Zeitpunkt, auch bereits 
im Jahre 1938, auszunutzen entschlossen sei ...

Wenn Deutschland diesen Krieg zur Erledigung der tschechischen 
und österreichischen Frage ausnutze, so sei mit 
Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß England - im Kriege mit 
Italien liegend - sich nicht zu einem Vorgehen gegen 
Deutschland entschließen würde. Ohne die englische 
Unterstützung sei eine kriegerische Handlung Frankreichs gegen 
Deutschland nicht zu erwarten.

Der Zeitpunkt unseres Angriffs auf die Tschechei und österreich 
müsse abhängig von dem Verlauf des italienisch-
englischfranzösischen Krieges gemacht werden und läge nicht 
etwa gleichzeitig mit der Eröffnung der kriegerischen 
Handlungen dieser drei Staaten. Der Führer denke auch nicht an 
militärische Abmachungen mit Italien, sondern wolle in eigener 
Selbständigkeit und unter Ausnutzung dieser sich nur einmal 
bietenden günstigen Gelegenheit den Feldzug gegen die Tschechei 
beginnen und durchführen, wobei der Überfall auf die Tschechei 
'blitzartig schnell' erfolgen müsse.

Feldmarschall von Blomberg und Generaloberst von Fritsch
wiesen bei der Beurteilung der Lage wiederholt auf die Not- 
wendigkeit hin, daß England und Frankreich nicht als unsere 
Gegner auftreten dürften, und stellten fest, daß durch den 
Krieg gegen Italien das französische Heer nicht in dem Umfange 
gebunden sei, daß es nicht noch mit Überlegenheit all unserer 
Westgrenze auf den Plan treten könne. Die mutmaßlich an der 
Alpengrenze gegenüber Italien zum Einsatz gelangenden fran- 
zösischen Kräfte veranschlagte Generaloberst von Fritsch auf 
etwa 20 Divisionen, so daß immer noch eine starke französische 
Überlegenheit an unserer Westgrenze bliebe, der als Aufgabe 
nach deutschem Denken der Einmarsch in das Rheinland zu 
unterstellen sei, wobei noch besonders der Vorsprung Frank- 
reichs in der Mobilmachung in Rechnung zu stellen und zu 
berücksichtigen sei, daß abgesehen von dem ganz geringen Wert 
unseres derzeitigen Standes der Befestigungsanlagen - worauf 
Feldmarschall von Blomberg besonders hinwies - die für den 
Westen vorgesehenen vier mot[orisierten] Divisionen mehr oder 
weniger bewegungsunfähig seien. Hinsichtlich unserer 
Offensive nach Südosten machte Feldmarschall von Blomberg 
nachdrücklich auf die Stärke der tschechischen Befestigungen 
aufmerksam, deren Ausbau den Charakter einer Maginot-Linie 
angenommen hätte und unseren Angriff aufs Äußerste erschwere.

Generaloberst von Fritsch erwähnte, daß es gerade Zweck einer 
durch ihn angeordneten Studie dieses Winters sei, die 
Möglichkeiten der Führung der Operationen gegen die Tschechei 
unter besonderer Berücksichtigung der Überwindung des 
tschechischen Festungssystems zu untersuchen; der Generaloberst 
brachte ferner zum Ausdruck, daß er unter den obwaltenden 
Verhältnissen davon absehen müsse, seinen am 10. 11. 
beginnenden Auslandsurlaub durchzuführen. Diese Absicht lehnte 
der Führer mit der Begründung ab, daß die Möglichkeit des 
Konfliktes noch nicht als so nahe bevorstehend anzusehen sei. 
Gegenüber dem Einwand des Außenministers, daß ein italienisch-
englisch-französischer Konflikt noch nicht in so greifbarer 
Nähe sei als es der Führer anzunehmen schiene, stellte der 
Führer als den ihm hierfür möglich erscheinenden Zeitpunkt den 
Sommer 1938 hin. Zu den seitens des Feldmarschalls von Blomberg 
und des Generalobersten von Fritsch hinsichtlich des Verhaltens 
Englands und Frankreichs angestellten Überlegungen äußerte der 
Führer in Wiederholung seiner bisherigen Ausführungen, daß er 
von der Nichtbeteiligung Englands über zeugt sei und daher an 
eine kriegerische Aktion Frankreichs gegen Deutschland nicht 
glaube. Sollte der in Rede stehende Mittelmeerkonflikt zu einer 
allgemeinen Mobilmachung in Europa fuhren, so sei unsererseits 
sofort gegen die Tschechei anzutreten, sollten dagegen die am 
Kriege nicht beteiligten Mächte ihr Desinteressement erklären, 
so habe sich Deutschland diesem Verhalten zunächst 
anzuschließen.

Generaloberst Göring hielt angesichts der Ausführungen des 
Führers es für geboten, an einen Abbau unseres militärischen 
Spanienunternehmens zu denken. Der Führer stimmt dem insoweit 
zu, als er den Entschluß einem geeigneten Zeitpunkt vorbehalten 
zu glauben solle.

Der zweite Teil der Besprechungen befaßte sich mit
materiellen Rüstungsfragen.

Für die Richtigkeit:*
Oberst d. G.
                                          gez. Hoßbach




Anmerkung:

  1. Zu der manchmal von Rechtsextremisten geäußerten Behauptung, die Hoßbach-Niederschrift sei eine Fälschung, siehe z.B. Armin Pfahl-Traughber, Externer LinkRevisionistische Behauptungen und historische Wahrheit

Quellen:

  1. Bernd-Jürgen Wendt
    Externer LinkGroßdeutschland, S. 192-202
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© Jürgen Langowski 2014