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Diensttagebuch Hans Frank: 02.08.1943

Besprechungen und Empfänge

Der Herr Generalgouverneur empfängt in Anwesenheit des Staatssekretärs Dr. Boepple SS-Obergruppenführer von dem Bach, der als Sonderbevollmächtigter des Reichsführers SS Himmler die Ergebnisse der Sicherheits- und Umsiedlungsaktionen im Generalgouvernement mit dem Generalgouverneur bespricht.

Der Herr Generalgouverneur gibt dabei seiner ungeheuren Enttäuschung Ausdruck über die Ergebnisse, die die bisherigen Sicherheitsaktionen gezeitigt haben. Er weist darauf hin, daß die Umsiedlungssituation im Distrikt Lublin einer Katastrophe gleicht und betont, daß es völlig unmöglich ist, die bisher gehandhabte Methode weiter inne zu halten. Er verlangt die sofortige Abstellung dieser Zustände.

SS-Obergruppenführer von dem Bach sagt unter Billigung der Meinung des Herrn Generalgouverneurs, daß diese ganzen Sicherheitsaktionen nicht geklappt hätten, Abhilfe im weitesten Umfange zu und übermittelt auch den ausdrücklichen Wunsch des Reichsführers SS Himmler, daß diese Fragen in persönlicher Aussprache und im vollen Einvernehmen zwischen der Regierung des Generalgouvernements und den Polizei- und Sicherheitsorganen geklärt werden sollen. [...]

Für uns im Generalgouvernement ist die Tatsache außerordentlich wichtig, daß die Position dieses Landes infolge der Entwicklung der Kriegs- und Weltlage aus einem Randgebilde mehr oder weniger zu dem Herzstück wird. Daß wir ein Herzstück werden, prägt sich bereits in vielem aus: der gesamte Verkehr zwischen dem Reich und dem Osten geht zu vier Fünfteln über das Generalgouvernement. Warschau ist die größte Etappenstadt der Weltgeschichte. [...]

Daß es uns geglückt ist, mit knapp eineinhalb Prozent deutschen Anteils an der Bevölkerung eine deutsche Führung durchzuhalten, ist nationalsozialistisch. Ich betone dies besonders, denn wir sind hier weder eine Dependance der Berliner Reichsstellen noch sind wir eine Dependance des Oberkommandos der Wehrmacht. Wir sind hier ein völlig eigenes Gebilde, das ich als völlig originär aufgebaut habe, wobei der Führer als Pate über diesem Werk stand und es durch die Nervenkrisis durchgehalten hat. Das Generalgouvernement hat sich als Einheitsstaat gebildet und als Nebenland des Großdeutschen Reiches völlig autark entwickelt. Ich kann mit Stolz sagen, daß die wenigen hiesigen Parteigenossen eine eigenartige [einzigartige?] Position ausüben. Die Feststellung, daß das Generalgouvernement im vorigen Jahr dem Reich 760000 t Getreide zur Verfügung gestellt hat, erfüllt uns mit Stolz. Diese Leistung steht tatsächlich einzig da. Wenn Sie weiter bedenken, daß wir in der Arbeiterablieferung an das Reich auch an der Spitze stehen und in allen anderen Funktionen immer mehr in den Blickpunkt rücken, daß wir z. B. bei der Industrieverlagerung das große Aufnahmebecken werden, erkennen Sie die Wichtigkeit des Generalgouvernements. Der Osten wird in Zukunft nicht das agrarmäßige Arbeiterreservoir des industrialisierten Westens sein, sondern binnen kurzem eines der größten Industriegebiete. Es werden Firmen wie Krupp, Henschel, Opel, MAN hier hereinkommen und große Werke entstehen. Die NSDAP des Reiches soll daher auf das Generalgouvernement schauen und mit an dieser Arbeit ihren Anteil nehmen.

Unsere schweren Sorgen sollen Ihnen nicht verheimlicht werden. Die schwerste Sorge ist mir, daß ich überhaupt nicht spüre, daß in den Zentralen mancher großen Reichsverwaltungen eine Vorstellung von dem besteht, was Adolf Hitler mit dem deutschen Weltreich im Osten will. Wir haben ständig die kleinsten Herrschgesichtspunkte zu bekämpfen, um arbeiten zu können.

Ein weiteres ist die weltpolitische Schwierigkeit, daß die Unruhe des Ostens auch nach dem Generalgouvernement gebracht werden könnte. Sie kennen meinen persönlichen Standpunkt genau, so daß ich ihn hier nicht ausführlich darzulegen brauche. Ich huldige einer Anschauung, die die Autorität des Reiches und die Potenz der Macht des Staates mit dem Recht kombiniert. Seit 20 Jahren führe ich diesen Kampf, zuerst im Dienste der Bewegung; ich weiß, daß eines der Hauptprobleme, mit denen wir innenpolitisch fertig werden müssen, die Befriedigung des altgermanischen Rechtsbewußtseins unseres Volkes ist. Autorität ist nicht identisch mit Gewalt. Die Gewalt ist das kleine ABC; jenseits der Gewalt beginnt erst die Staatsführungskunst.

In diesem Raum sind wirklich positive Ergebnisse nur zu erzielen, indem wir uns zunächst sagen: im Krieg gilt nur eines, nämlich der Sieg. Was dem Siege dient, ist richtig, was ihn erschwert, ist falsch, ganz gleich, mit welch hohlem Pathos es sich ankündigt. Wenn ich in diesem Raum mit knapp 3000 Mann mit 16 Millionen Fremdvölkischer etwas fertig bringen muß, dann muß ich mich auf das hier lebende Volk und seine Kraft stützen, dann darf ich dieses Volk nicht vernichten wollen. Es ist wahnsinnig, wenn in diesem Land mit Sensen gemäht wird. Ich sage: wenn

gemäht wird, dann nicht die Köpfe, sondern die Felder. Was nach dem Sieg mit diesem Volk geschieht, ist jetzt gleichgültig, aber was jetzt geschieht, ist wichtig. Es ist daher klar, daß die reinen Terrormethoden, die Kollektivjustiz falsch sind und einfach einen Stoß gegen den Sieg bedeuten. Denn gerät dieses Land in Aufruhr, dann können wir nicht wie mancher Großsprecher einfach sagen: der deutsche Herrenmensch wird auch damit fertig. Hier stehen ein paar Deutsche einer Masse gegenüber. Ich trage die Verantwortung, daß mit 150000 polnischen Eisenbahnern der Transport im Lande aufrecht erhalten wird. Mir hilft es nichts, wenn einer sagt, die Polen müssen ausgerottet werden, sie sind falsch und sie müssen weg. Ich bin heute auf den schmierigsten Polacken, der mir die Züge an die Ostfront fährt, angewiesen. Die Dinge sehen in der Praxis anders aus als in der Theorie. Wir wissen alle, daß dieses Land einmal deutsch wird, daß wir die Polacken hier nicht dulden werden. Aber dazu kommt die Zeit, wenn wir den Krieg gewonnen haben. Jetzt siedeln zu wollen und das Land dadurch in Aufruhr zu bringen, ist unmöglich.

Was ich Ihnen jetzt sagte, habe ich ununterbrochen gelehrt, und es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich mich durchgesetzt habe. Die Folgen spüren wir jetzt durch das Hereinbrechen von großen Unsicherheitsfaktoren. Nun zeigt sich, was ich prophezeit habe, daß nämlich unsere staatliche Autorität zu klein ist, um fertig zu werden. Wenn man Gewaltpolitik wie die Sowjetrussen mit Terror und Ausrottung machen will — gut — dann aber muß eine Bedingung erfüllt sein. Dann muß ich sagen, schickt mir wie die Sowjetrussen statt 200 Tschekisten 200 deutsche Polizisten in jedes Dorf; Gewaltpolitik aber propagieren und in einzelnen Exempeln zu treiben und dann die Polizei aus dem Lande zu ziehen, ist Wahnsinn. So ist es möglich, daß hier durch das Land eine sowjetrussische Bande unter einem General Kolpak schon 4 Wochen zieht, und hoffentlich gelingt es, sie in dieser Woche zu schnappen. Ein solches Ereignis ist aber in diesem Land für die deutsche Autorität schädlicher als alles, was Sie sich denken können. So wirkt sich die bisherige falsche Politik immer wieder aus. Ich bin aber der Meinung, daß dies zu bereinigen ist, und wir werden mit diesen Dingen fertig werden. Aber es kostet eine unheimliche Kraft, in einem Status zu verharren, wenn man genau sieht, daß der falsche Weg mit Gewalt durchgesetzt werden soll. Seit meiner persönlichen Aussprache mit Reichsführer SS Himmler sind diese Dinge programmatisch bereinigt, persönlich werden sie bereinigt werden. Sie gelten aber für die Vergangenheit und sind eine heilsame Lehre für die Zukunft.

Das Generalgouvernement ist gerüstet für seine Aufgaben. Ich habe auch die fremdvölkische Bevölkerung auf eine einigermaßen anständige Ernährungsbasis gesetzt und die sogenannten Warthegausätze eingeführt und hoffe, daß es dadurch möglich ist, die Hunderttausende des fremden Volkstums, die uns unter den schwierigsten Umständen bisher die Treue gehalten haben, bei der Stange zu halten. Ich werde dafür sorgen, daß die einheitliche Führung dieses Raumes mit dem ganzen Gewicht der Autorität des Führers durchgehalten wird.

[Das GG stelle das "einzige straff organisierte Land innerhalb des großdeutschen Machtbereichs" dar, dies hätten auch StS Stuckart und RFSS Himmler bestätigt.] Wir schauen in das deutsche Land mit dem Gefühl, daß wir in seinem Interesse hier eine Heimat aufzubauen beginnen. Dies ist die Aufgabe der NSDAP. Ich will hier keine Schieber und Spießer, und ich hoffe, daß es gelingt, auch die letzten dieser Burschen hier noch zu beseitigen. Ich muß Ihnen schon sagen, daß ich manchmal den Eindruck habe, daß uns aus den amtlichen Ministerien mit amtlichen "Zertifikaten versehene Generaldirektoren und mancherlei Volks hereingeschickt werden, die unter dem Deckmantel großer kriegsnotwendiger Geschäfte genau so schieberische Privateigentumsgeschäfte machen wollen wie manche Kleinen. Gerade im Zusammenhang mit dem Komplex der Erdölwerke in Galizien habe ich Erfahrungen gesammelt, die geradezu grauenhaft zeigen, wieviel plutokratisches Zeugs wir in Deutschland zu dulden haben. Hier liegt eine große Aufgabe und ich sage, der Staat steht über der Wirtschaft. Ich lasse mir da nicht mit großen Namen imponieren. Diesen Raum haben deutsche Soldaten mit dem Einsatz ihres Blutes erobert, dieser Raum wird von mir gehalten, treuhänderisch verwaltet und eines Tages den deutschen Soldaten zur Verfügung gestellt, wenn sie heimkehren können. Dieser mein Grundsatz gilt auch für Gesellschaften und mögen sie noch so großkotzig tun. [...]

Bei uns stehen die Dinge ganz klar. Einem, der sagt, was mag mit der NSDAP werden, können wir erwidern: die NSDAP wird den Juden bestimmt überleben. Hier haben wir mit dreieinhalb Millionen Juden begonnen, von ihnen sind nur noch wenige Arbeitskompanien vorhanden, alles andere ist — sagen wir einmal — ausgewandert.

Seien Sie überzeugt, meine Parteigenossen, und gehen Sie an Ihre Arbeit ins Reich zurück, denken Sie dabei an die Burg in Krakau, an diesen Saal, von dem aus die polnischen Könige durch Jahrhunderte hindurch ihre antideutsche Politik geführt haben. Von hier aus kann man weit ins Land sehen, das einmal ein Stück deutscher Heimat und nationalsozialistisches Gebiet werden wird.

(Großer Beifall)





Siehe auch:

Quellen:

  1. Externer LinkDiensttagebuch, S. 712ffff
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