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Diensttagebuch Hans Frank: 16.12.1941

Regierungssitzung

[Frank eröffnet die Sitzung mit einer Ehrung des verstorbenen RMin Kerrl, StS Bühler weist auf die Bedeutung der Sitzung hin, die sich in der Einladung des Amtschefs der Gouverneure und der SS- und Polizeiführer ausdrückt. Der geschäftsf. HAbtLtr Naumann referiert über die Versorgungslage des GG. Er weist auf die besonderen Schwierigkeiten des Jahres 1941 hin; trotzdem sei eine Erhöhung der Brotrationen möglich. 1942 werde es zu größeren Versorgungsengpässen auf verschiedenen Ernährungsgebieten kommen. Die Ablieferung von landwirtschaftlichen Produkten hänge wesentlich von der Lieferung gewerblicher Waren ab. Naumann befürchtet, daß in Zukunft vom Reich Getreidelieferungen verlangt würden, Frank glaubt, daß eine "unmittelbare Gefahr in dieser Richtung nicht vorliege". MinDirig Emmerich berichtet über die allgemeine Wirtschaftslage, vor allem über das Kohlenproblem und die Verteilung des Mineralöls. Präs Gerteis erläutert die Transportschwierigkeiten der Ostbahn, die durch den Ostfeldzug hervorgerufen seien.]

Als nächster Redner berichtet Präsident Walbaum über den derzeitigen Stand des Fleckfiebers. Der Höhepunkt des Fleckfiebers liege nicht in den Wintermonaten, sondern im April. Ein Rückgang des Fleckfiebers habe in diesem Winter nicht eingesetzt. Im Juni sei ein gewisser Höchststand erreicht worden. Damals habe an der Grenze im Osten der große Aufmarsch stattgefunden; ein Zusammendrängen der Bevölkerung sei die Folge gewesen, und die Ernährungslage habe sich sehr ungünstig gestaltet. In den nachfolgenden Monaten sei das Fleckfieber nicht zurückgegangen, habe sich aber dank der ergriffenen Maßnahmen auch nicht weiter ausgebreitet. Bis zum November dieses Jahres habe es sich auf der damaligen Höhe gehalten.

Der Redner erläutert an Hand von Fleckfiebertabellen der vergangenen Monate den Stand des Fleckfiebers. Im November aber wäre die Seuche sprunghaft angestiegen. Zu diesem Zeitpunkt sei die Krankheit in den Kriegsgefangenenlagern aufgetreten. Auf Grund der in den Lagern herrschenden hygienischen Verhältnisse müsse eine einmal eingetretene Verseuchung rapide Fortschritte machen. Das Generalgouvernement grenze im Osten an die russischen Gebiete, in denen schon immer Fleckfieber geherrscht habe. Durch die in dieses Land vormarschierenden deutschen Soldaten, die ganz unvermeidlich mit der einheimischen Bevölkerung in Berührung kämen, und durch ihre Verbindungen nach rückwärts sei ebenfalls Fleckfieber im Generalgouvernement verbreitet worden. Dieselbe Erfahrung habe auch der Reichskommissar in Riga gemacht, der in einem Telegramm darauf hingewiesen habe, daß in seinem Gebiet das Fleckfieber von Nordosten nach dem Westen im Vordringen sei. Weiter seien in der russischen Ukraine eine Anzahl ukrainischer Kriegsgefangener entlassen worden. Fast genau der Rückzugsstraße dieser Kriegsgefangenen entsprechend habe sich das Fleckfieber in Galizien verbreitet. Untersuchungen hätten ergeben, daß das Fleckfieber sogar in den Häusern aufgetreten sei, in denen diese Gefangenen übernachtet hätten. Diese Entwicklung habe die Militärverwaltung trotz angestrengtester Gegenmaßnahmen nicht verhindern können, sie sei durch die Kriegsverhältnisse bedingt.

[Präs Walbaum sieht keinen Grund für eine Panik; Frank sagt 30 Mill. Zloty vor allem für den Bau von Entlausungsanstalten zu. Präs Walbaum berichtet über die Herstellung von Fleckfieberimpfstoff, Frank weist auf weitere Maßnahmen hin:]

Eine der Hauptgefahren sei in dem Herumvagabundieren der Bevölkerung zu erblicken. Gegen das Verlassen des Ghettos durch Juden müsse und werde mit aller Schärfe vorgegangen werden. Die aus diesem Grunde gegen Juden verhängte Todesstrafe müsse fürderhin schnellstens vollstreckt werden. Seine Verordnung, nach welcher jeder Jude, der außerhalb des Ghettos angetroffen werde, hinzurichten sei, müsse unbedingt durchgeführt werden. Notfalls müsse eben eine Vereinfachung des Verfahrens vor dem Sondergericht eintreten.

[Walbaum stellt abschließend fest, daß die Lage "zwar ernst, aber nicht verzweifelt" sei.]

Im Anschluß an die Ausführungen des Präsidenten Walbaum gibt Gouverneur Kundt einen Überblick über den Fleckfieberstand und die ergriffenen Bekämpfungsmaßnahmen im Distrikt Radom. Der niedrigste Stand der Erkrankungen sei im Mai erreicht worden. Im Oktober habe ein Anstieg auf die doppelte Zahl der Krankheitsfälle des Mai stattgefunden. Momentan seien im ganzen Distrikt 3082 Fleckfieberfälle festgestellt, Verdachtsfälle mit eingerechnet. Die Fleckfieberlage im Distrikt Radom könne also in keiner Weise als bedrohlich angesehen werden. Nur in Tomaschow seien die Fälle von Fleckfieber sehr zahlreich, dessen Verbreitung durch die Läger der Organisation Todt und der Askania begünstigt worden sei. Dank der ergriffenen Maßnahmen könne man aber auch hier einen Rückgang feststellen.

In den 10 Kreishauptmannschaften des Distrikts seien 32 stabile und 10 fahrbare Entlausungsanstalten vorhanden. In seinem Distrikt habe er den Judenverkehr auf den geringsten Umfang herabgedrückt und die Anweisung gegeben, Bescheinigungen zur Benutzung der Eisenbahn durch die Juden nur in dringenden Fällen zu erteilen. Weiter habe er beantragt, die Farbe der Ausweisscheine zu ändern, da durch eine Fälscherzentrale Ausweisscheine nachgeahmt würden.

Zu einer energischen Bekämpfung des Fleckfiebers gehöre ein rücksichtsloses Vorgehen gegen jene Juden, die die ihnen zugewiesenen Wohnviertel ohne Erlaubnis verließen, und eine verstärkte Disziplin der Deutschen in ihrem privaten Geschäftsverkehr mit den Juden. Gerade in letzter Beziehung könne man am Verhalten vieler Deutscher sehr starke Kritik üben. Jeder Deutsche, der in seinem Distrikt mit Juden Geschäfte machen wolle, werde von der Partei ihm gemeldet und von ihm bestraft. In Tomaschow habe man z. B. festgestellt, daß das Fleckfieber in ein volksdeutsches Dorf durch einen jüdischen Maler verschleppt worden sei, der mit dem Ausmalen eines Hauses beauftragt war.

Der andere wichtige Punkt sei die Verkürzung des Verfahrens gegen Juden, die ohne Erlaubnis ihre Wohnbezirke verließen. Die Todesstrafe, die heute bei unbefugtem Verlassen der jüdischen Wohnbezirke verhängt werde, sei zwar schnell ausgesprochen, jedoch bestehe ein langer Dienstweg bis zur Genehmigung der Durchführung. Er mache daher den Vorschlag, das Verfahren dadurch zu verkürzen, daß man den Gouverneuren die Ermächtigung zur Vollstreckung der Todesurteile übergebe. Die Juden sähen dann, daß es der deutschen Verwaltung mit ihren Maßnahmen ernst sei, und daß von der Ergreifung bis zur Vollstreckung des Todesurteils nur kurze Zeit vergehe. Die Richter hätten in seinem Distrikt Bedenken geäußert mit dem Hinweis, daß die Verordnung ungenau sei, daß in ihr nur vom "Jüdischen Wohnbezirk" die Rede sei. Er habe daraufhin eine Verwaltungsanordnung erlassen, in der er zur Erläuterung dieses Begriffes jeden erlaubten Aufenthaltsort der Juden festgelegt habe. Wenn z. B. ein Jude aus seinem Dorf auf die Landstraße gehe, habe er damit praktisch seinen Wohnbezirk verlassen. Ohne Erlaubnisschein dürfe sich demnach kein Jude auf die Landstraße begeben. Auf diese Weise könne das weitere Verbreiten des Fleckfiebers durch die Juden verhindert werden. Da die Durchführung einer Massenentlausung nicht möglich sei, habe er die Entlausung wenigstens der Polen, die in deutschen Dienststellen arbeiteten, verfügt.

In diesem Zusammenhang erklärt der Herr Generalgouverneur, daß er das ihm vom Führer übertragene Begnadigungsrecht in Fällen, wo Juden von den Sondergerichten und Standgerichten zum Tode verurteilt würden, auf die Gouverneure übertragen werde.

[Von verschiedenen Sitzungsteilnehmern werden u. a. Fragen der Betreuung der Volksdeutschen im Distrikt Radom, insbesondere die Verschickung junger Volksdeutscher in das Reich für mindestens sechs Monate besprochen. HAbtLtr Frauendorfer berichtet über die Tätigkeit d. Abt Arbeit. Das Reservoir an Arbeitskräften sei nicht unerschöpflich, von sämtlichen fremdvölkischen Arbeitskräften im Reich seien 47 % Polen. Die Ursache für die wachsende Schwierigkeit der Arbeitskräfteerfassung seien die ungenügenden Löhne. Präs Spindler referiert über die Finanzlage des GG; die Einnahmesteigerungen hielten an, über die Forderung des Reichsfinanzministeriums auf Leistung eines Reichsverteidigungsbeitrags müsse noch verhandelt werden. LR Schonhals berichtet u. a. über die geplante Meldeordnung und Ausweispflicht.]

Als nächster Redner berichtet der Befehlshaber der Sicherheitspolizei SS-Oberführer Oberst der Polizei Dr. Schöngarth über sein Gebiet. Als die deutsche Wehrmacht mit ihrem Aufmarsch an der Ostgrenze des Reiches begonnen habe, sei man in großer Sorge gewesen, ob dieser sich ohne ernsthafte Störungen vollziehen ließe. Abschließend könne er zu diesem Thema sagen, daß dies vollauf gelungen sei. Wenn auch kleinere Zwischenfälle passiert seien, habe doch nichts den Aufmarsch beeinträchtigen können. Bei Kriegsausbruch habe die Aktivität der Widerstandsbewegung abgenommen, was man auf die großen Waffenerfolge der deutschen Wehrmacht zurückgeführt habe. Diese Annahme sei aber falsch gewesen. Nach wenigen Wochen sei die Widerstandsbewegung wieder aktiver geworden. Im September sei es geglückt, an einer Versammlung der führenden Männer der Widerstandsbewegung teilzunehmen, und da habe man erfahren, daß die englische Regierung vor Beginn des russischen Krieges den Befehl durchgegeben habe, erst das Eindringen des deutschen Heeres in das russische Gebiet abzuwarten und alsdann loszuschlagen. Auf dieser Tagung sei auch eine allgemeine Führung beschlossen worden, die in den Händen eines bis jetzt unbekannten höheren polnischen Offiziers liege. Weiter beschloß man die Aufstellung polnischer Regimenter.

Die Propagandatätigkeit habe einen Umfang erreicht, wie man [ihn] in den letzten zwei Jahren noch nicht erleben konnte. Allein in Warschau bestünden 113 illegale Zeitungen, und 12 periodisch erscheinende Flugblätter. Im September habe man 9, im Oktober 5 und im November 13 ausgezeichnet getarnte Druckereien ausheben können. In Krakau konnte man deutsch geschriebene Zeitschriften und Flugblätter sicherstellen, die hauptsächlich an Soldaten verteilt würden und diese zur Fahnenflucht aufforderten. Das Bekleben von Häusern habe an Umfang ebenfalls zugenommen. Durch rechtzeitige Streifen seien diese Plakate jeweils vor Tagesanbruch beseitigt worden.

Nachdem die berühmte V-Aktion in ihr Gegenteil verkehrt worden sei, habe die Widerstandsbewegung, unterstützt durch Rundfunksendungen verschiedener ausländischer Sender, eine neue Aktion, die sogenannte "Schildkrötenaktion" gestartet. Ihr Zweck sei die Erreichung eines möglichst langsamen und schlechten Arbeitens der polnischen Arbeiter in deutschen Diensten. In den letzten Monaten hätten in Krakau die Sammlungen für polnische Hinterbliebene und Häftlinge in starkem Maße zugenommen. In den Kreisen der polnischen Intelligenz werde Silber gesammelt. Die daraus gearbeiteten Anhänger und Ringe würden an Polen verteilt, die gewillt seien, am Widerstand gegen die Deutschen teilzunehmen.

Man habe herausgefunden, daß hauptsächlich Frauen sich als Kuriere betätigten, da sie außerordentlich geschickt getarnt reisen könnten. Aus dem Auslande ströme ein sehr starker Verkehr ins Generalgouvernement, Kuriere seien gefaßt worden, die sehr viel USA-Dollar bei sich trugen. Die deutsche Polizei habe auch laufend polnische Widerstandsgruppen verhaftet, z. B. in Lublin 176, in Bilgoraj 46, im Kreise Zamosc 13, in Warschau 18 und in Neu-Sandez ebenfalls 18 vereidigte Funktionäre. Die Widerstandsbewegung habe leider auch ihre Leute in den Behörden sitzen.

Die Sabotagefälle hätten sich in den letzten Monaten auf mindestens der gleichen Höhe gehalten wie vor der Zeit des Aufmarsches gegen Rußland. Verschiedene Schadenfeuer, denen Werke und Gehöfte von Volksdeutschen zum Opfer fielen, müsse man auf die Tätigkeit der Widerstandsbewegung zurückführen. Desgleichen seien verschiedene Wehrmachtsbetriebe abgebrannt; als Ursache habe man Brandstiftung festgestellt. Brandsätze habe man aufgefunden. In Krakau habe man sogar polnische Polizeibeamte wegen Teilnahme an der Widerstandsbewegung festnehmen müssen.

Ob die Fälle, die man als Eisenbahnsabotage ansehe, tatsächlich solche wären, sei oft sehr zweifelhaft, da die Beteiligten dabei meistens ums Leben kämen. Aber die Häufigkeit der Eisenbahnunfälle lasse vermuten, daß auch hier fanatische Polen selbst unter Aufopferung ihres Lebens der deutschen Wehrkraft Schaden zufügen wollten. Es lasse sich außerordentlich schwer feststellen, ob Sabotage oder Ermüdungserscheinungen des Personals die Ursache seien. Die deutsche Sicherheitspolizei werde ihre Aufmerksamkeit im besonderen Maße diesem Sektor zuwenden.

Schwer zu beweisen sei auch, inwieweit Jugendliche auf Anstiftung ihrer Angehörigen Sabotageunfälle verursachen. Vor Beginn des russischen Feldzuges habe man auf alle Fälle die Erziehungsberechtigten dieser jungen Leute festgesetzt, um zu vermeiden, daß durch Kinder Unfälle hervorgerufen würden.

In Kinos seien Tränengas- und Stinkbomben geworfen und Flugblätter verteilt worden, wie überhaupt die Versuche zunähmen, die Bevölkerung vom Besuch der Kinos abzuhalten. Auch Deutsche versuche man zu überfallen. So sei am 28. August ein BDM-Mädchen, durch dessen Angaben eine Widerstandsgruppe von 70 Personen habe ausgehoben werden können, überfallen worden. Die Landbevölkerung verfüge heute noch über ganz erhebliche Waffenvorräte. Erst in jüngster Zeit habe die deutsche Polizei ein Waffenlager mit Maschinengewehren, Karabinern und Handgranaten aufgedeckt. Auch auf einem Friedhof sei ein solches Lager sichergestellt worden. Ein weiteres habe man im Distrikt Krakau ausgehoben. Sämtliche Waffen seien außerordentlich gut verpackt, eingefettet und in gebrauchsfertigem Zustand. Die Zahl der augenblicklich in den Gefängnissen befindlichen Personen Wegen Teilnahme an der Widerstandsbewegung sei außerordentlich hoch. Wegen Vergehens gegen die Gewalttatverordnung befänden sich zur Zeit über 7000 Polen in Haft.

Die Sicherheitspolizei habe bis jetzt schon 9 Tote, die an Fleckfieber gestorben seien. Er habe durch die Heeresinspektion Berlin für die einzelnen Bereiche Ampullen verschreiben lassen; ein sehr großer Teil davon sei bereits geliefert; trotzdem sei es ausgeschlossen, daß alle Polizeimänner damit versorgt werden könnten, da das OKW die Abgabe von weiteren Fleckfieberampullen gesperrt habe. Er wäre daher sehr dankbar, wenn die Gesundheitsbehörde eingreifen könnte.

Die Sicherheit des Generalgouvernements sei gewährleistet, wenn man auch damit rechnen müsse, daß die Widerstandsbewegung alles tun werde, um die Nachschubwege nach dem Osten zu stören.

[Gr Dr. Wächter referiert über die Situation im Distrikt Krakau, u. a. über die Ernährungsschwierigkeiten und die Fleckfieberbekämpfung und die Frage einer Einziehung der Baudienstpflichtigen. Gr Zörner berichtet u. a. über die starke Verbreitung des Fleckfiebers im Distrikt Lublin und die Einrichtung eines zweiten Ghettos für Juden, die für deutsche Interessen arbeiten. Gr Lasch berichtet über die Lage im Distrikt Galizien, u. a. über das Ansteigen der Fleckfiebererkrankungen.]

Anschließend äußert sich Amtschef Dr. Hummel anstelle des erkrankten Gouverneurs Dr. Fischer über die Lage im Distrikt Warschau. In der Ernteerfassung habe man im Distrikt Warschau sehr gute Ergebnisse erzielt; es sei gelungen bis Ende November 72000 t Brot- und 17000 t Futtergetreide zu erfassen. Mit diesen Leistungen stehe Warschau an der Spitze aller Distrikte. Bei Brotgetreide seien bereits 65,4% des Solls erreicht.

Dementsprechend sei man auch in der Lage gewesen, der Bevölkerung gegenüber die festgesetzten Rationen einzuhalten; lediglich auf dem Gebiete der Kartoffeln sei man infolge der schlechten Ernte und infolge der Notwendigkeit, daß der Distrikt keine Zufuhren aus den anderen Distrikten erhalten habe, etwas ins Hintertreffen geraten. Statt 80 kg pro Kopf im gleichen Zeitraum des Vorjahres hätten nur 60 kg verteilt werden können. Er müsse aber darauf hinweisen, daß die allgemeine Ernährungslage der Bevölkerung sich stetig verschlechtere. Damit im Zusammenhang stehe ein Absinken der Arbeitsleistung, die klar auf dem Sektor der Rüstungsindustrie zutage trete. Selbstverständlich dürfte bei diesen Erscheinungen auch die sogenannte Schildkrötenaktion eine Rolle spielen. Damit habe sich auch ein Nachlassen im Arbeitstempo bemerkbar gemacht. Weiter hätten sich die Preise so erhöht, daß die Arbeiter in immer größeren Scharen einige Tage ihre Arbeitsstätten verließen und auf dem Lande für sich und ihre Familien Nahrungsmittel besorgten. Hand in Hand mit diesen Vorkommnissen gehe die Tendenz, daß man eine Arbeitsleistung nur gegen Erbringen von Waren vollführe. Ähnliche Erscheinungen hätten sich auch im Reich während der Inflation gezeigt. [...]

Die Gefahren des Fleckfiebers hätten sich infolge Nachlassens der Widerstandskraft der Bevölkerung und insbesondere der der Juden vergrößert. Die Ernährung der Ghettobewohner sei unzureichend. Hinzu komme der Mangel an Reinigungsmitteln und das enge Zusammenwohnen. Der gemeldete Fleckfieberbestand im Ghetto betrage heute 2405 Fälle, der tatsächliche Stand sei aber viel höher. In Warschau habe man 505, in den Kreishauptmannschaften 589 an Fleckfieber erkrankte Polen feststellen können. An sich sei der Zusammenschluß der Juden im Ghetto ein Segen. Wichtig sei jetzt die vollkommene Abschließung des Ghettos. Dankbar habe man einen Schießbefehl der BdO, aufgrund dessen auf Juden auf den Landstraßen geschossen werden dürfe, begrüßt.

Dr. Hummel berichtet dann über die praktische Auswirkung der Verhängung der Todesstrafe bei widerrechtlichem Verlassen der Ghettos. In Warschau habe man bis jetzt trotz Hinzunahme einer dritten Kammer erst 45 Todesurteile fällen können und von diesen wären erst 8 vollstreckt worden; da über jeden einzelnen Fall die Gnadenkommission in Krakau die letzte Entscheidung treffen müsse. Weitere 600 Anträge auf Verurteilung lägen vor. Im Wege des Sondergerichtsverfahrens sei eine wirksame Absperrung der Ghettos unmöglich. Das Verfahren bis zur Liquidierung sei zu langwierig, es sei mit zuviel Formalitäten belastet und müsse vereinfacht werden. [...]

[OberstLt Fischer dankt im Namen der 3 Verbindungsoffiziere der Wehrmacht für die gute Zusammenarbeit von Wehrmacht und Zivilverwaltung. Der Leiter des Arbeitsbereichs GG der NSDAP (Vertreter im Amt) Stahl berichtet über seine Organisation. Frank beschließt die Sitzung mit einer Rede, in der er u. a. die Beziehungen zum Reichsministerium für die besetzten russischen Gebiete behandelt und schärfere Maßnahmen gegen den polnischen Widerstand ankündigt. Zur Behandlung der Juden äußert er:] Mit den Juden – das will ich Ihnen auch ganz offen sagen – muß so oder so Schluß gemacht werden. Der Führer sprach einmal das Wort aus: wenn es der vereinigten Judenschaft wieder gelingen wird, einen Weltkrieg zu entfesseln, dann werden die Blutopfer nicht nur von den in den Krieg gehetzten Völkern gebracht werden, sondern dann wird der Jude in Europa sein Ende gefunden haben. Ich weiß, es wird an vielen Maßnahmen, die jetzt im Reich gegenüber den Juden getroffen werden, Kritik geübt. Bewußt wird – das geht aus den Stimmungsberichten hervor – immer wieder versucht, von Grausamkeit, von Härte usw. zu sprechen. Ich möchte Sie bitten: einigen Sie sich mit mir zunächst, bevor ich jetzt weiterspreche, auf die Formel: Mitleid wollen wir grundsätzlich nur mit dem deutschen Volke haben, sonst mit niemandem auf der Welt. Die anderen haben auch kein Mitleid mit uns gehabt. Ich muß auch als alter Nationalsozialist sagen: wenn die Judensippschaft in Europa den Krieg überleben würde, wir aber unser bestes Blut für die Erhaltung Europas geopfert hätten, dann würde dieser Krieg doch nur einen Teilerfolg darstellen. Ich werde daher den Juden gegenüber grundsätzlich nur von der Erwartung ausgehen, daß sie verschwinden. Sie müssen weg. Ich habe Verhandlungen zu dem Zwecke angeknüpft, sie nach dem Osten abzuschieben. Im Januar findet über diese Frage eine große Besprechung in Berlin statt[1], zu der ich Herrn Staatssekretär Dr. Bühler entsenden werde. Diese Besprechung soll im Reichssicherheitshauptamt bei SS-Obergruppenführer Heydrich gehalten werden. Jedenfalls wird eine große jüdische Wanderung einsetzen.

Aber was soll mit den Juden geschehen? Glauben Sie, man wird sie im Ostland in Siedlungsdörfern unterbringen? Man hat uns in Berlin gesagt: weshalb macht man diese Scherereien; wir können im Ostland oder im Reichskommissariat auch nichts mit ihnen anfangen, liquidiert sie selber! Meine Herren, ich muß Sie bitten, sich gegen alle Mitleidserwägungen zu wappnen. Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen und wo es irgend möglich ist, um das Gesamtgefüge des Reiches hier aufrecht zu erhalten. Das wird selbstverständlich mit Methoden geschehen, die anders sind als diejenigen, von denen Amtschef Dr. Hummel gesprochen hat. Auch die Richter der Sondergerichte können nicht dafür verantwortlich gemacht werden, denn das liegt eben nicht im Rahmen des Rechtsverfahrens. Man kann bisherige Anschauungen nicht auf solche gigantischen einmaligen Ereignisse übertragen. Jedenfalls müssen wir aber einen Weg finden, der zum Ziele führt, und ich mache mir darüber meine Gedanken.

Die Juden sind auch für uns außergewöhnlich schädliche Fresser. Wir haben im Generalgouvernement schätzungsweise 2,5, vielleicht mit den jüdisch Versippten und dem, was alles daran hängt, jetzt 3,5 Millionen Juden. Diese 3,5 Millionen Juden können wir nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber doch Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen, und zwar im Zusammenhang mit den vom Reich her zu besprechenden großen Maßnahmen. Das Generalgouvernement muß genau so judenfrei werden, wie es das Reich ist. Wo und wie das geschieht, ist eine Sache der Instanzen, die wir hier einsetzen und schaffen müssen und deren Wirksamkeit ich Ihnen rechtzeitig bekanntgeben werde.

Die Ukrainer sind nach wie vor ein Problem. In Berlin beschäftigt man sich mit dieser Frage sehr. Bekanntlich ist auch die ukrainische Frage nicht einfach. Wie sich nunmehr im Reichskommissariat Ukraine herausstellt, ist sie auch nicht mit den Mitteln zu lösen, mit denen man etwa früher an die Lösung solcher Probleme herangehen zu können glaubte. Vor allem darf bei den Ukrainern unseres Distriktes Galizien nicht der Eindruck entstehen, als ob wir innerhalb des Großdeutschen Reiches eine Art ukrainischer Eigenstaatlichkeit anerkennen könnten. Im übrigen sehe ich eine Lösung der Ukrainerfrage ebenso wie bei den Polen grundsätzlich darin, daß sie uns in aller Zukunft als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und daraus die Möglichkeit in diesem Bereich geschaffen wird für eine Entwicklung aus eigener Kraft gemäß den Bedürfnissen dieses arbeitenden Volkes, das in den Gesamtzusammenhang des großdeutschen Reichsgefüges einzubauen ist. Im übrigen sind die Ukrainer sehr geeignet, ein Gegengewicht gegen die Polen darzustellen. Trotz alledem muß darauf hingewiesen werden, daß es sich insbesondere bei dem Distrikt Galizien um einen Bestandteil des Großdeutschen Reiches, nicht aber um einen Bestandteil eines irgendwie gearteten, wenn auch nur geistigen Großukrainertums handelt. Der Versuch also, aus Lemberg bzw. den dortigen Instituten im Laufe der Zeit eine Art Ersatz-Kiew zu machen, muß von vornherein völlig unterbunden werden. Das Bestreben aller Dienststellen muß es sein, in gemeinschaftlichem Zusammenwirken auch mit der Wehrmacht zu erreichen, daß derartige Strömungen allmählich verschwinden. Ich würde Sie auch bitten, meine Herren, dafür Sorge zu tragen, daß das Hissen der Ukrainerflagge allmählich auf ein absolutes Minimum reduziert wird. Auch jene eigenen Organisationen der Ukrainer, soweit sie noch bestehen und nicht in ihren das Land erfassenden Nebenerscheinungen notwendig sein sollten, müssen allmählich zum Abklingen gebracht werden, und zwar so, daß man in dieser Beziehung mit einem endgültigen Ergebnis rechnen kann. [...]

Über allem muß aber folgender Gedanke stehen: dieses Gebiet des Generalgouvernements wird unmittelbar nach dem durchgeführten Rückdeutschungsprozeß der Ostgebiete des Reiches der nächste Bestandteil Europas sein, der der absoluten Deutschdurchdringung unterstellt werden wird. Wir werden die großen Reichsautobahnen bauen, die quer durch unser I.and gehen. An diesen Reichsautobahnen werden große Siedlungsdörfer mit Deutschen entstehen. An wohl gewählten strategischen Punkten werden große militärische Zentralen geschaffen werden, um die herum sich in einem weiten Gürtel allmählich das deutsche Leben entwickeln wird. Da wir dann auch die Möglichkeit haben, allenfalls hier nicht mehr benötigtes Fremdvolkstum nach dem Osten abzugeben, wird es nicht zu unüberwindlichen Schwierigkeiten führen, das deutsche Volkselement mehr und mehr verwurzeln zu lassen und das fremdvölkische Element immer mehr abzudrängen.

Daher müssen Sie sich auch jene 5 Thesen, die ich aufgestellt habe, die, von der germanischen Besiedlung dieses Raumes beginnend, bis zum Kriege 1941 eine Aufeinanderfolge von Rechtsansprüchen des Deutschtums auf diesen Raum geben, durchaus zu eigen machen. Denn der Führer hat mir die Befugnisse erteilt, in dieser Richtung Vorbereitungen zu treffen. Weiter im Osten wird einmal der Gotengau entstehen, und das Generalgouvernement wird dann einmal der Vandalengau werden können. Die Vandalen sind bekanntlich der meistverleumdete germanische Stamm gewesen. Hier waren ihre Wohnsitze, hier haben sie die erste germanische Kultur eingebaut. Dieser Vandalengau soll dann auch dazu beitragen, vor der ganzen Welt jene furchtbare Schuld zu tilgen, daß man einen der edelsten germanischen Stämme dauernd so verunglimpft hat, daß seine Bezeichnung geradezu zu einem Schimpfwort wurde, – übrigens ein Meisterstück antideutscher Propaganda durch zwei Jahrtausende hindurch.

Aus alledem wird klar, daß die Aufgabe des Generalgouvernements in dem Gesamtgefüge des Aufbruches nach dem Osten hin weltgeschichtlicher Art ist. Wir sind das Tor, durch das man aus dem Osten wieder nach Deutschland kommt. Auf unserem Gebiet steht die Waage mit den beiden Gewichtsschalen. Daher ist dieser Standplatz "Generalgouvernement" auch vom Führer ausersehen worden in der klaren Erkenntnis, daß der Dienst im Generalgouvernement eine Bewährung hohen Ranges darstellt. Selbstverständlich muß dabei auch in jeder Weise alles berücksichtigt werden, was im Osten an Schwierigkeiten kommen wird. Ich habe vor wenigen Tagen auch mit Reichskomissar Koch über die Lage in seinem Reichskommissariat gesprochen. Meine Herren, ich kann Ihnen sagen: was wir hier 1939 übernommen haben, das war überhaupt ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was man den Männern jetzt da drüben übergibt. Denn dort gibt es überhaupt keine Ansatzpunkte. Zur Zeit ist auch angesichts der Kriegslage und der Notwendigkeit des absoluten Vorranges der kriegerischen Handlungen dort keine Möglichkeit gegeben, eine Ordnung aufzubauen, eine Verwaltungshierarchie zu errichten, einen gewissen Entwicklungsstatus aus eigener Kraft in Gang zu setzen.

[Frank behandelt u. a. noch Lohn- und Ernährungsfragen, spricht sich für eine gute Zusammenarbeit der Behörden aus, berichtet von seinem Besuch bei Hitler, wendet sich gegen den Besuch polnischer Gottesdienste durch deutsche Beamte und dankt abschließend der Wehrmacht für die gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung.]





Anmerkungen:

  1. Gemeint ist die Wannseekonferenz am 20.1.1942 in Berlin

Siehe auch:

Quellen:

  1. Externer LinkDiensttagebuch, S. 452ff
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© Jürgen Langowski 2014