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Diensttagebuch Hans Frank: 24.08.1942

Regierungssitzung

Der Herr Generalgouverneur leitet die Sitzung mit folgenden Ausführungen ein: Meine Herren! Mit besonderer Eile und mit besonderem Nachdruck habe ich Sie heute zusammengebeten, um Ihnen eine außerordentlich wichtige und für die gesamte Arbeit des kommenden Jahres im Generalgouvernement ungewöhnlich entscheidende Maßnahme bekannt zu geben. Was ich Ihnen sage, das sage ich unter dem Siegel strengster Vertraulichkeit. Ich mache darauf aufmerksam, daß jedes Wort, das heute aus dieser Sitzung nicht amtlich weitergegeben wird, eine ungeheure Schädigung unseres Landes bedeuten könnte.

Vor wenigen Tagen hat beim Herrn Reichsmarschall in Berlin eine Sitzung stattgefundcn. Dem Herrn Reichsmarschall haben die Berichte aus dem gesamten Reich über die geradezu katastrophale Entwicklung der Ernährungslage im Deutschen Reich vorgelegen. Nach allen vertraulichen Berichten der Polizei sowohl wie der Gauleiter, die, wie er sich ausgedrückt hat, auch aus seiner eigenen Erfahrung bestätigt werden, sieht die Situation so aus, daß wir binnen kurzem, wenn nicht eine wesentliche Aufbesserung der Lebensmittellage im Deutschen Reich stattfinden kann, vor schwersten gesundheitlichen Schädigungen, vor allem des deutschen arbeitenden Menschen stehen. In Hunderttausenden von Krankheitsfällen zeigt sich bereits die erschütternde Auswirkung nicht nur dieser Beschränkung der Lebensmittel, sondern auch vor allem der gesundheitsgefährdenden Verschlechterung der Lebensmittel. Das gilt besonders für die Qualität des Brotes, das in den letzten Wochen an die deutsche Bevölkerung verteilt worden ist: sie führt zu größten gesundheitlichen Störungen. [...]

Unter diesen Umständen wird es Sie nicht verwundern, daß nunmehr das Wort wahr zu werden beginnt: bevor das deutsche Volk in eine Hungerkatastrophe kommt, sind die besetzten Gebiete und ihre Bevölkerung dem Hunger auszuliefern. In diesem Augenblick muß uns daher auch hier im Generalgouvernement die eiserne Entschlossenheit erfüllen, dem großen deutschen Volke, also unserer Heimat zu helfen. [...]

Für das Generalgouvernement hat sich daraus folgende Schlußfolgerung ergeben: das Generalgouvernement hat sich verpflichtet, zuzüglich zu dem, was wir aus dem Generalgouvernement an Lebensmitteln zur Entlastung der Heimat und für die hier stationierten Verbände der Wehrmacht, Polizei und SS liefern, noch 500000 Tonnen Brotgetreide ins Vaterland abzuführen. Wenn Sie damit das Maß unserer Gesamtleistungen vom vorigen Jahr vergleichen, so können Sie daraus [auf] etwa eine Versechsfachung der für das Generalgouvernement sich ergebenden Leistung schließen.

Die Folgerungen werden ausschließlich auf Kosten der fremdvölkischen Bevölkerung gezogen. Sie müssen eiskalt und ohne Mitleid gezogen werden; denn dieser Beitrag des Generalgouvernements ist heuer umso notwendiger, als die besetzten Ostgebiete — awsi Ukraine, Ostland usw. – noch nicht imstande sein werden, etwas irgendwie Nennenswertes zur Entlastung der Heimat beizutragen. Selbst wenn eine Million Tonnen Brotgetreide aus Ostland und Ukraine geliefert werden könnten, so wäre auch das nur angesichts der Gesamtlage des Reiches ein Tropfen auf den heißen Stein.

Deshalb wollte ich Sie, meine Herren, hier im Regierungsgremium mit den Entschließungen bekannt machen, die ich heute dem Parteigenossen Naumann gegenüber getroffen habe. Sie sehen im wesentlichen eine nachträgliche Erhöhung des abzuliefernden Kontingents und eine Neuregelung der Versorgung der Bevölkerung, insbesondere der Juden und der polnischen Bevölkerung, unter möglichster Aufrechterhaltung der Versorgung der arbeitenden und vor allem der für das deutsche Interesse sich hier betätigenden Bevölkerung vor.

Der Schritt, den wir heute gemeinsam tun, ist insofern einer der entscheidendsten, weil er für die innere Ordnung dieses Landes ganz bestimmt im Januar und Februar nächsten Jahres gewisse Auswirkungen haben wird. Diese Auswirkungen müssen in Kauf genommen werden; denn bevor irgendwie das deutsche Volk verhungert, müssen selbstverständlich andere daran glauben.

[HAbtPräs Naumann referiert über die Auswirkungen des neuen Ernährungsplans:] 1. Getreide.

Nach genauen Überlegungen wird das Getreidekontingent um 25% erhöht, d. h. von 960000 Tonnen auf 1,2 Millionen Tonnen. Die Metze der Selbstversorger, die bisher 30 kg pro Kopf und Jahr betrug, wird auf 50 kg pro Kopf und Jahr erhöht. Das heißt: der Selbstversorger – das sind insgesamt im Generalgouvernement 8,8 Millionen Menschen, die bisher einen Doppelzentner 20 kg Brotgetreide pro Jahr essen durften – wird in Zukunft einen Doppelzentner pro Jahr essen. Mit dieser Maßnahme wird es möglich sein, das Aufkommen bei der Metze von 160000 Tonnen auf 264000 Tonnen zu erhöhen. Das ist die Belastung, die wir der polnischen und ukrainischen Landwirtschaft zumuten und zumuten müssen.

Auf der anderen Seite habe ich in der Ernährungsbilanz von Anfang Juli einen Gesamtbedarf von 670000 Tonnen Brotgetreide für das Generalgouvernement angegeben. Die Anforderungen des Reiches machen es notwendig, daß außerordentliche Einsparungen im Interesse der restlosen Erfüllung der Reichslieferungen durchgeführt werden.

Die Versorgung der bisher mit 1,5 Millionen Juden angenommenen Bevölkerungsmenge fällt weg, und zwar bis zu einer angenommenen Menge von 300000 Juden, die noch im deutschen Interesse als Handwerker oder sonstwie arbeiten. Für diese sollen die jüdischen Rationssätze zuzüglich gewisser Sonderzuteilungen, die sich für die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft als notwendig herausgestellt haben, beibehalten bleiben. Die anderen Juden, insgesamt 1,2 Millionen, werden nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt.

Die nichtdeutschen Normalverbraucher erhalten ab 1. 1. 1943 bis 1. 3. 1943 statt 4,2 kg Brot pro Monat 2,8 kg; vom 1. 3. 1943 bis 30. 7. 1943 wird für diese nichtdeutschen Normalverbraucher die gesamte Brotration gestrichen.

Die Versorgungsberechtigten setzen sich folgendermaßen zusammen. Wir rechnen, daß für die Rüstungsarbeiter, die A- und B-Karteninhaber und deren Angehörige ca. 3 Millionen Personen in Frage kommen, und daß etwas über 3 Millionen Personen nichtdeutsche Normalverbraucher sind, die nicht im deutschen Interesse unmittelbar oder mittelbar arbeiten. Die Rüstungsarbeiter, die A- und B-Karteninhaber und ihre Familienangehörigen, etwa 3 Millionen Menschen, werden aber weiter bis zur Ernte 1943 zu den jetzt gültigen Sätzen versorgt.

[HAbtPräs Naumann gibt weitere Einschränkungsmaßnahmen auf dem Gebiet der Getreide-, Kartoffel- und Fleischversorgung bekannt. Rationserhöhungen für Rüstungsarbeiter oder A- und B-Karteninhaber müßten abgelehnt werden, neue "Bedarfsträger" dürften nicht mehr zugelassen werden. Naumann bittet, Umsiedlungsprojekte zurückzustellen und Polizeischutz für die Lebensmittellager bereitzustellen. Schließlich dürften die neuen Maßnahmen vorläufig "unter allen Umständen geheimgehalten" werden. Frank führt zusammenfassend aus:]

Meine Herren! Sie haben die sehr ernsten Ausführungen des Präsidenten Naumann vernommen. Sie werden daraus auch entnehmen, daß jede Debatte über die von ihm verkündeten Zahlen oder Maßnahmen völlig überflüssig und eigentlich gänzlich sachwidrig wäre. Denn jede Debatte würde den Anschein erwecken lassen, als ob vielleicht noch ein anderer Weg möglich wäre.

Ich muß darauf aufmerksam machen, daß einige Sektoren der Verwaltung das deutlich spüren werden. In erster Linie wird es die Polizei spüren; denn sie wird mit einem erhöhten Umsichgreifen des Schleichhandels und der Verwahrlosung der Ernährungssitten, wenn ich so sagen darf, zu rechnen haben. Ich werde der Polizei gern außerordentliche Vollmachten geben, damit sie mit diesen Schwierigkeiten fertig werden kann.

Die Wirtschaft wird es spüren: Das Absinken der Arbeitsleistung wird in allen Sektoren, Sparten und Bereichen deutlich spürbar werden. Ich nehme auch an, daß es unser Transportwesen spüren wird. Auch für die Eisenbahnarbeiter und die anderen Kategorien wird, da die bisherigen Ernährungssätze schon nicht ausreichend waren, angesichts der Verschlechterung der Lebenslage der Familien eine außerordentliche Erschwernis eintreten. Die Monopole werden es durch eine Verringerung ihrer Einnahmen spüren, weil die für die Erzeugung von Wodka zu Verfügung stehende Kartoffelmenge geringer sein wird.

Nicht spüren sollen es die Deutschen dieses Raumes. Wir wollen trotz dieses neuen Planes daran festhalten, daß die Sätze für die Deutschen durchgehalten werden können. Nicht spüren sollen es die Wehrmacht und die sonstigen kasernierten Verbände in diesem Raum. Wir hoffen, daß es uns möglich ist, hier die vollen Kontingente aufrecht zu erhalten. [Personen, die aus dem GG in das Reich reisen und Lebensmittel mitführen, sollten nicht mehr daraufhin kontrolliert werden.]

Daraus erkennen Sie, wie ernst sich die Lage gestalten wird. Vergessen Sie dabei aber nie, daß die Ernährungslage des Reiches ungünstiger ist. Bei allen Schwierigkeiten, die Sie hier irgendwo in Gestalt von Krankheiten Ihrer Arbeiter, beim Zusammenbrechen Ihrer Genossenschaften usw. feststellen, müssen Sie immer daran denken, daß es noch viel besser ist, wenn ein Pole zusammenbricht, als daß der Deutsche unterliegt. Daß wir 1,2 Millionen Juden zum Hungertod verurteilen, sei nur am Rande festgestellt. Es ist selbstverständlich, daß ein Nichtverhungern der Juden hoffentlich eine Beschleunigung der antijüdischen Maßnahmen zur Folge haben wird.

Daß andererseits aber nun von allen Beteiligten erwartet wird, daß sie für diese Regierungsmaßnahmen Verständnis aufbringen, sei auch nur am Rande betont. Die ursprüngliche Forderung des Reiches an das Generalgouvernement betrug 1 Million Tonnen. Es ist aber doch geglückt, diese Forderung auf die Hälfte zu reduzieren.

(Abschließend werden Einzelfragen besprochen, u. a. Stop des Aufkaufs von Lebensmitteln durch Wehrmacht, SS und Polizei und die Geheimhaltung der Sitzungsergebnisse.]





Siehe auch:

Quellen:

  1. Externer LinkDiensttagebuch, S. 547ff
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