Rubriken

Die Affäre Katzenberger

Ein "Angriff auf die Reinheit des deutschen Blutes"

Abschrift
Reg. f. H. V. Sg Nr. 351/41


Urteil

Im Namen des deutschen Volkes!

Das Sondergericht

für den Bezirk des Oberlandesgerichts Nürnberg bei dem
Landgericht Nürnberg-Fürth erkannte in der Strafsache gegen

K a t z e n b e r g e r Lehmann Israel, gen. Leo, Kaufmann
und Vorstand der israelischen Kultusgemeinde in Nürnberg und

S e i l e r, Irene, Photogeschäftsinhaberin in Nürnberg,
beide in Untersuchungshaft, wegen Rassenschande und Meineids
in öffentlicher Sitzung am 13. März 1942, wobei zugegen
waren:[1]

Der Vorsitzer: Landgerichtsdirektor Dr. Rothaug,
die Beisitzer: Landgerichtsräte Dr. Ferber u. Dr. Hoffmann,
der Staatsanwalt für das Sondergericht: Staatsanwalt Markl,
und als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle: Justizsekretär Raisin

zu Recht wie folgt:
Katzenberger Lehmann Israel, gen. Leo, Rasse- und
Bekenntnisjude, geb. am 25. November 1873 in Maßbach, verh.
Kaufmann in Nürnberg.

S e i l e r, Irene, geb. Scheffler geb. am 26. April 1910 in
Guben, verh. Photogeschäftsinhaberin in Nürnberg.

beide in dieser Sache in Untersuchungshaft werden verurteilt:

Katzenberger:

wegen eines Verbrechens nach § 2, rechtlich zusammentreffend
mit einem Verbrechen nach § 4 der VO. gegen Volksschädlinge
in Verbindung mit einem Verbrechen der Rassenschande.

                          zum Tode

unter Aberkennung der in §§ 32-34 des StGB bezeichneten
Rechte auf Lebenszeit.

Seiler:
wegen eines Verbrechens des Zeugenmeineides

                  zur Zuchthausstrafe von zwei Jahren

unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer
von zwei Jahren.

Drei Monate der erlittenen Untersuchungshaft werden auf die
Strafe der Angeklagten Seiler angerechnet.

Die Angeklagten tragen die Kosten.


Gründe:

I.

1.) Der Angeklagte Katzenberger ist staatsangehöriger
Volljude; er gehört der jüdischen Religionsgemeinschaft an.

Nach der Abstammungsseite ergibt ein Auszug aus dem Geburts-
Register für die jüdische Gemeinde in Maßbach, daß der
Angeklagte am 25. November 1873 als Sohn des Handelsmannes
Louis David Katzenberger und seiner Ehefrau Helene, geb.
Adelberg, geboren wurde. Der am 30. Juni 1838 in Maßbach
geborene Vater des Angeklagten war nach einem Auszug aus der
Judematrikel Thundorf der eheliche Sohn des Kunstwebers
David Katzenberger und seiner Ehefrau Karoline Lippig; die
am 14. Juni 1847 in Aschbach geborene Lena Adelberg - Mutter
des Angeklagten - war nach einem Auszug aus der
Geburtsmatrikel der israelitischen Kultusgemeinde Aschbach
die eheliche Tochter des Händlers Adelberg Lehmann und
seiner Ehefrau Lea. Die Eltern des Angeklagten wurden
ausweislich eines Auszuges aus der Judenmatrikel Thundorf am
3. Dezember 1867 vom Distriktsrabbiner in Schweinfurt
verehelicht. Die Großeltern des Angeklagten väterlicherseits
schlossen nach einem Auszug aus der Judenmatrikel Thundorf
am 3. April 1832 in Werneck die Ehe; die Großeltern
mütterlicherseits verehelichten sich nach einem Auszug aus
dem Trauregister der israel. Kultusgemeinde Aschbach am 14.
August 1836.

Dem Auszug aus dem Trauregister der israelitischen
Kultusgmeinde Aschbach über die Eheschließung der Großeltern
mütterlicherseits ist zu entnehmen, daß die im Jahr 1809 in
Aschbach geborene Bela = Lea Seemann der jüdischen
Religionsgemeinschaft angehört hat. Nach der Bekenntnisseite
geben die erwähnten Abstammungsurkunden keine weiteren
Auskünfte darüber, daß Eltern- oder Großelternteile sich zu
dem mosaischen Glauben bekannt haben.

Der Angeklagte selbst erklärt, daß er mit Sicherheit sagen
könne, daß alle seine 4 Großelternteile dem mosaischen
Glauben angehört haben. Seine Großmütter habe er noch
persönlich gekannt; die beiden Großväter seien auf jüdischen
Friedhöfen beerdigt. Ebenso wie er selbst, gehörten seine
beiden Eltern der mosaischen Religionsgemeinschaft an.

Das Gericht sieht keinen Anlaß, in die Richtigkeit dieser
bestimmten Angaben, die durch die vorliegenden Auszüge aus
ausschließlich Judenmatrikeln voll gestützt werden, Zweifel
zu setzen. Trifft es aber zu, daß alle 4 Großelternteile dem
mosaischen Glauben angehört haben, so gelten die Großeltern
nach der Beweiserleichterungsvorschrift im § 5 Abs. 1 in
Verb. mit § 2 Abs. 2 S. 2 der VO. zum ReichsBG. v. 14. Nov.
1935 - RGBL I, S. 1333 - als Volljuden. Danach ist der
Angeklagte selbst Volljude im Sinne des Blutschutzgesetzes.
Daß er selbst dieser Überzeugung gewesen ist, ergibt seine
eigene Einlassung.

Der Angeklagte Katzenberger kam im Jahre 1912 nach Nürnberg.
Hier betrieb er zusammen mit seinen Brüdern David und Max
bis zum November 1938 einen Schuhhandel. Seit 1906 ist der
Angeklagte verheiratet, er hat 2 Kinder im Alter von 30 und
34 Jahren.

Dem Angeklagten und seinen Brüdern David und Max gehörte bis
zum Jahre 1938 das Anwesen Spittlertorgraben Nr. 19 in
Nürnberg; im Hofgebäude des Anwesens waren Büro- und
Lagerräume eingerichtet, das Hauptgebäude an der Straße
dient als Wohnhaus mit mehreren Stockwerkwohnungen.

Im Jahre 1932 kam die Mitangeklagte Irene Seiler als
Mieterin in das Haus Spittlertorgraben Nr. 19 in Nürnberg;
seitdem ist der Angeklagte Katzenberger mit ihr bekannt.

2. Die Irene Seiler, geborene Scheffler, ist deutsche
Staatsangehörige deutschen Blutes.

Ihre Abstammung ist durch Urkunden über alle 4
Großelternteile belegt; sie selbst, ihre Eltern und alle
Großelternteile gehören dem evangelisch-lutherischen
Bekenntnis an. Diese Feststellung nach der Bekenntnisseite
beruht auf den vorliegenden Geburts- und Heiratsurkunden der
Familie Scheffler, die zum Gegenstand der Hauptverhandlung
gemacht wurden. Nach der Abstammungsseite hin kann folglich
an der Deutschblütigkeit der Irene Seiler, geh. Scheffler,
kein Zweifel bestehen.

Der Angeklagte Katzenberger war davon, daß Irene Seiler
deutschen Blutes und deutsche Staatsangehörige ist,
überzeugt.

Irene Scheffler heiratete am 29. Juli 1939 den
Handelsvertreter Johann Seiler. Die Ehe blieb bisher
kinderlos.

Die Angeklagte besuchte in ihrem Geburtsort Guben Lyzeum und
Realschule bis zur Unterprima; anschließend in Leipzig 1
Jahr die staatliche Akademie für Kunst- und Buchgewerbe.

Im Jahre 1932 kam sie nach Nürnberg; hier war sie in der
photographischen Werkstätte ihrer Schwester Hertha, die
diese seit dem Jahre 1928 als Mieterin im Hause
Spittlertorgraben 19 unterhielt, tätig. Am 1. Januar 1938
übernahm sie das Geschäft ihrer Schwester selbstständig auf
eigene Rechnung. Am 24. Februar 1938 legte sie die
Meisterprüfung ab.

3. Dem Angeklagten Katzenberger liegt zur Last, fortgesetzt
als Jude mit der Irene Seiler, geb. Scheffler, einer
Staatsangehörigen deutschen Blutes, außerehelichen Verkehr
gepflogen zu haben; er soll bis März 1940 sehr oft in die
Wohnung der Seiler im Hause Spittlertorgraben gekommen sein
und bis zum Herbst 1938 sehr oft die Besuche der Seiler in
den im Hinterhaus des Anwesens befindlichen Geschäftsräumen
empfangen haben. Die Seiler, die durch Annahme von
Geldgeschenken und langfristige Stundung der Monatsmieten in
eine starke Abhängigkeit zu dem Angeklagten Katzenberger
nach und nach gekommen sei, sei dem Katzenberger in
geschlechtlicher Hinsicht zugänglich gewesen. So sei es
zwischen beiden zu geschlechtlicben Annäherungen aller Art,
insbesondere auch zu Geschlechtsverkehr gekommen. Beide
sollen sich, bald in der Wohnung der Seiler bald in den
Geschäftsräumen des Katzenberger gegenseitig geküßt haben.
Seiler habe sich sehr oft dem Katzenberger auf den Schoß
gesetzt; hierbei soll Katzenberger die Seiler in der
Absicht, sich dadurch eine geschlechtliche Befriedigung zu
verschaffen, über den Kleidern an den Oberschenkeln
getätschelt und gestreichelt haben. Bei solchen
Gelegenheiten habe sich Katzenberger eng an die Seiler
angeschmiegt und hierbei seinen Kopf an den Busen der Seiler
gelegt.

Dem Angeklagten Katzenberger liegt zur Last, diese
Rassenschande unter Ausnützung der Kriegslage begangen zu
haben; der Mangel an Aufsichtskräften sei ihm zustatten
gekommen, umsomehr, als er seine Besuche bei der Seiler im
Schurze der Verdunkelung ausgeführt habe. Zudem sei der
Ehemann Seiler zur Wehrmacht eingezogen, so daß auch
Überraschungen durch den Ehemann ausgeschlossen gewesen
seien.

Der Angeklagten Irene Seiler liegt zur Last, gelegentlich
ihrer Einvernahme durch den Ermittlungsrichter bei dem
Amtsgericht Nürnberg am 9. 7. 1941 bewußt der Wahrheit
zuwider angegeben und mit einem Eide bekräftigt zu haben,
diesen Annäherungen hätten jegliche geschlechtliche
Beweggründe gefehlt, insbesondere glaube sie, daß dies auch
bei Katzenberger der Fall gewesen sei.

Seiler soll sich hierdurch des Zeugenmeineids schuldig
gemacht haben.

Die Angeklagten führen zu ihrer Verteidigung an:

Die Augeklagte S e i l e r : Als sie im Jahre 1932 im Alter
von 22 Jahren in die photographische Werkstätte ihrer
Schwester nach Nürnberg gekommen sei, sei sie auf sich
selbst gestellt gewesen; ihre Schwester Hertha sei nach
Guben zurückgekehrt und habe dort ein Atelier eröffnet. Ihr
Vater habe sie an den Vermieter, den Angeklagten
Katzenberger empfohlen, diesen gebeten, auf sie ein
fürsorgliches Augenmerk zu haben und ihr mit Rat und Tat zur
Seite zu stehen. So sei sie mit dem Juden Katzenberger näher
bekannt geworden.

In der Folgezeit sei Katzenberger auch tatsächlich ihr
Berater geworden; insbesondere sei er ihr in ihrer mißlichen
finanziellen Lage helfend zur Seite gestanden. In ihrer
Freude über die ihr seitens Katzenberger erwiesene
Freundschaft und Güte habe sie nach und nach in ihm nur noch
den väterlichen Freund gesehen; es sei ihr gar nicht mehr
zum Bewußtsein gekommen, daß sie in Katzenberger einen Juden
vor sich habe. Es sei richtig, daß sie im Schuhlager des
Katzenberger im Hinterhalt ein- und ausgegangen sei; wenn
sie dies nach Büroschluß getan habe, so deshalb, weil sie
dann Schuhe habe besser aussuchen können. Auch sei es
vorgekommen, daß sie dem Katzenberger bei solchen Besuchen
und beim Verweilen des Katzenberger in ihrer Wohnung
gelegentlich mal einen Kuß gegeben und zugelassen habe, daß
Katzenberger sie küßte. Hierbei habe sie sich auch öfters
dem Katzenberger auf den Schoß gesetzt; das sei so ihre Art,
da denke sie sich nichts dabei. Keineswegs sei etwa in
geschlechtlichen Beweggründen der Ausgangspunkt für ihr
Handeln zu suchen. Sie habe stets auch angenommen, daß
Katzenberger keine anderen als nur fürsorglich väterliche
Gefühle zu ihr beherrschen.

Auf diese Annahme gestützt, habe sie am 9. Juli 1941 dem
Ermittlungsrichter die mit ihrem Eid bekräftigte Aussage
gemacht, daß sie glaube, daß die ausgetauschten
Zärtlichkeiten auch bei Katzenberger keinen erotischen
Gefühlen entsprungen seien.

Der Angeklagte K a t z e n b e r g e r : Er will sich nicht
strafbar gemacht haben. Er schützt vor, nur sehr
freundschaftlich mit Frau Seiler Umgang gepflogen zu haben;
die Familie Scheffler in Guben habe sein Verhältnis zur Frau
Seiler auch nur als weitestgehend freundschaftlich gewertet.

Wenn er über die Jahre 1933, 1935 und 1938 hinaus seinen
Umgang mit Frau Seiler fortgesetzt habe, so sei dies
vielleicht nach der Auffassung der NSDAP ein Unrecht; die
Tatsache der Fortführung sei aber ein Zeichen für sein gutes
Gewissen.

Nach der Judenaktion im Jahre 1938 seien zudem die
Zusammenkünfte seltener geworden. Nach der Verehelichung der
Frau Seiler im Jahre 1939 sei auch der Ehemann Seiler
oftmals überraschend nach Hause gekommen, als er -
Katzenberger - bei der Frau Seiler in der Wohnung anwesend
gewesen sei. Niemals habe jedoch der Ehemann Seiler ihn in
einer verfänglichen Situation mit seiner Frau angetroffen.
Im Januar oder Februar 1940 sei er auf Wunsch des Ehemannes
Seiler zweimal in die Wohnung der Seiler gekommen, um den
Eheleuten bei der Abgabe von Steuererklärungen behilflich zu
sein. Die letzte Unterredung in der Wohnung der Eheleute
Seiler habe er im März 194o geführt. Damals habe Frau Seiler
ihm nahegelegt, die Besuche wegen der ihr seitens der NASDAP
gemachten Vorhalte einzustellen; in Gegenwart ihres Mannes
habe Frau Seiler ihm zum Abschied einen Kuß gegeben.

Irgendwelche erotische Absichten habe er bei Frau Seiler
niemals befolgt. Deshalb könne er auch keine Kriegslage und
keine Verdunkelung ausgenützt haben.

II.

Das Gericht hat die Ausflüchte des Angeklagten Katzenberger
und die Einschränkungen, mit denen die Angeklagte SeiIer
ihre Zugeständnisse abzuschwächen versucht hat, wie folgt
gewürdigt:

Als die Angeklagte Seiler im Jahre 1932 nach Nürnberg
übersiedelte, war sie im Alter Von 22 Jahren ein
vollaufgewachsenes, geschlechtsreifes Mädchen. Sie zeigte
sich auch nach ihren eigenen, insoweit glaubhaften Angaben -
im Umgang mit Freunden geschlechtlicher Hingabe nicht
unzugänglich.

In Nürnberg trat sie als Nachfolgerin ihrer Schwester in der
photographischen Werkstätte im Anwesen Spittlertorgraben Hs.
Nr. 19 in den Bannkreis des Angeklagten Katzenberger. Im
Umgang mit diesem ließ sie sich innerhalb eines Zeitraumes
von fast zehn Jahren nach und nach zum Austausch von
Zärtlichkeiten herbei, wobei, - nach dem Geständnis beider
Angeklagten - Situationen geschaffen wurden, die keineswegs
als Auswirkungen nur väterlicher Freundschaft gewertet
werden können. Seiler setzte sich oft bei Zusammenkünften
mit Katzenberger, sei es in dessen Geschäftsräumen im
Hinterhaus, sei es in ihrer Wohnung, dem Katzenberger auf
den Schoß und küßte ihn unbestritten auf Mund und Wangen.
Bei diesen Gelegenheiten erwiderte Katzenberger, wie er
zugibt, diese Zärtlichkeiten mit eigenen Küssen, schmiegte
seinen Kopf an den Busen der Seiler und tätschelte und
streichelte deren Oberschenkel über den Kleidern ab.

Die Annahme, diese zugegebenen wechselseitig getauschten
Zärtlichkeiten seien bei Katzenberger der Ausdruck nur
väterlicher Empfindungen, bei der Seiler nur stark
gefühlsbetonte Handlungen aus kindlichem Gefühl gewesen, die
sich aus der Situation unwillkürlich ergeben hätten,
widerspricht jeder Erfahrung des täglichen Lebens. Die
Ausflüchte der Angeklagten nach dieser Richtung erachtet das
Gericht als nichts anderes, als den plumpen Versuch, die
geschlechtsbetonten Handlungen auf das Gebiet des Gemütes,
frei von jeder Geschlechtslust abzuschieben. Das Gericht hat
in Ansehung der Persönlichkeit der beiden Angeklagten und
auf Grund der Beweisaufnahme die sichere Überzeugung
gewonnen, daß in geschlechtlichen Beweggründen der
Ausgangspunkt für die Zärtlichkeiten der beiden Angeklagten
zu suchen ist.

Seiler befand sich meist in finanziellen Schwierigkeiten.
Katzenberger nahm diesen Umstand zum Anlaß, der Seiler
häufig Geldgeschenke zu machen; er gab ihr wiederholt
Geldbeträge von einer bis zu zehn Reichsmark. Außerdem
stundete er ihr in seiner Eigenschaft als Hausverwalter des
Anwesens, in dem die Seiler wohnte und das der Firma, bei
der er Teilhaber war, gehörte, die geschuldeten Mieten sehr
lange. Vielfach schenkte Katzenberger der Seiler Zigaretten,
Blumen und Schuhe.

Die Angeklagte Seiler räumt auch ein, daß sie durchaus
darauf bedacht war, sich die Gunst des Katzenberger, mit dem
sie sich duzte, zu erhalten.

Nach den in der Hauptverhandlung getroffenen Feststellungen
boten beide Angeklagte ihrer näheren Umwelt vornehmlich der
Hausgemeinschaft im Anwesen Spittlertorgraben Nr. 19 das
Gesamtlebensbild eines intimen Verhältnisses.

Von den Zeugen Kleylein Paul und Babette, Mäsel Johanna,
Heilmann Johann und Leibner Georg wurde wiederholt
beobachtet, daß Katzenberger und Seiler sich gegenseitig
zuwinkten, wenn Seiler von einem nach dem Rückgebäude zu
gelegenen Fenster ihrer Wohnung den Katzenberger in seinen
Büroräumen sah. Den Zeugen waren die beobachteten häufigen
Besuche der Seiler in den Geschäftsräumen des Katzenberger
nach Geschäftsschluß und auch Sonntags sowie das längere
Verweilen dort besonders auffallend. Die Tatsache, daß
Seiler den Katzenberger stets um Geld anging, war im Laufe
der Jahre der ganzen Hausgemeinschaft bekanntgeworden; es
bildete sich auf Grund dieser Wahrnehmungen die Überzeugung,
daß Katzenberger als jüdischer Gläubiger diese Zwangslage
der deutschblütigen Frau Seiler geschlechtlich ausnütze,
wobei der Zeuge Heilmann gelegentlich einer Unterhaltung mit
dem Zeugen Paul Kleylein diese seine Auffassung in den
Worten ausdrückte, der Jude könne das gegebene Geld bei der
Seiler billig abarbeiten.

Beide Angeklagten faßten auch selbst die gegenseitigen
Besuche und wechselseitigen Zärtlichkeiten keineswegs nur so
als gelegentliche Harmlosigkeiten des alltäglichen Lebens
auf.

Nach den Bekundungen der Zeugen Kleylein Babette und Paul
beobachteten diese, daß Katzenberger sich sichtlich
erschrocken zeigte, als er wahrnahm, daß von diesen Zeugen
sein Verweilen in der Wohnung der Seiler noch im Jahre 1940
entdeckt wurde. Die Zeugen beobachteten auch, daß
Katzenberger sich in der letzten Zeit mehr in die Wohnung
der Seiler schlich, als unbekümmert einging.

Im August 1940 mußte die Angeklagte Seiler sich gefallen
lassen, daß gelegentlich eines Fliegeralarms im
Luftschutzraum ihr der Hauseinwohner Oestreicher in Gegenwart
der übrigen Hausbewohner auf eine Anrede erwiderte: "Du
Judenmensch, Dir helfe ich noch!" Seiler veranlaßte zu ihrer
Verteidigung gegen diesen Vorwurf in der Folgezeit nichts;
sie nahm nur Veranlassung, den Vorfall kurz darauf dem
Katzenberger zu berichten. Seiler ist jede auch war
einigermaßen glaubhafte Angaben darüber schuldig geblieben,
warum sie gegenüber solch stärkster Verdachtsäußerung so
auffallende Zurückhaltung geübt hat. Mit dem Hinweis allein,
daß ihr über 70 Jahre alter Vater ihr von einem Vorgehen
gegen Oestreicher abgeraten habe, kann bei der Schwere des
in aller Öffentlichkeit erhobenen Vorwortes ihre
Zurückhaltung nicht verständlich gemacht werden.

Nach den Darlegungen des Zeugen Krim.Ob.Ass. Haus Zeuschel
ist es auch nicht so, daß beide Angeklagten auf Vorhalt die
geschaffenen sexuellen Situationen gleich von Anfang an als
Harmlosigkeiten zugegeben haben. Daraus, daß Seiler erst
nach eindringlichen Vorhalten nähere Zugeständnisse über
ihre dem Katzenberger erwiesenen Zärtlichkeiten machte, und
daraus, daß Katzenberger gelegentlich seines
Beschuldigtenverhörs bei der Polizei erst dann mit der
Sprache herausrückte, als ihm die Angaben der Seiler
vorgehalten wurden, muß gefolgert werden, daß beide ihre
Handlungen, wegen deren sie sich verantworten sollten, doch
als wert erachteten, geheimgehalten zu werden. Nach diesem
Sachzusammenhang ist das Gericht der Überzeugung, daß die von
den beiden Angeklagten abgegebenen Erklärungen nichts
anderes sind, als nur Zugeständnisse aus Gründen der
Zweckmäßigkeit dazu bestimmt, eine durch Zeugenaussagen
erhärtete Situation zu entgiften und zu verharmlosen.

Seiler hat auch zugegeben, daß de ihrem Ehemann keineswegs
die vor ihrer EheschlieBung mit Katzenberger ausgetauschten
Zärtlichkeiten geoffenbart habe; sie habe nur berichtet, daß
Katzenberger ihr schon viel geholfen habe. Nach ihrer im
Juli 1939 erfolgten Eheschließung habe sie auch nur einmal
in Gegenwart ihres Mannes dem Katzenberger einen
"Freundschaftskuß" auf die Wange gegeben; im übrigen habe
man es vermieden, sich gegenseitig im Beisein des Ehemannes
Seil zu küssen.

Das Gericht ist auf Grund des wiederholt charakterisierten
Verhaltens der Angeklagten zueinander davon überzeugt, daß
es sich bei dem l0 Jahre lang gepflogenen Verhältnis des
Katzenberger zur Seiler um Beziehungen ausschließlich
geschlechtlicher Natur handelte. Nur so kann deren
vertrauter Umgang erklärt werden. Bei der Unmenge von
verführerischen Gelegenheiten kann kein Zweifel bestehen,
daß der Angeklagte Katzenberger mit der Seiler in
fortgesetzter Geschlechtsverbindung stand. Die gegenteiligen
Behauptungen des Katzenberger, er habe kein geschlechtliches
Interesse an der Seiler gehabt, hält das Gericht für unwahr;
die den Angeklagten Katzenberger in seiner Verteidigung
unterstützenden Angaben der Angeklagten Seiler erachtet das
Gericht jeder Lebenserfahrung widersprechend, sie sind
offenbar in der Absicht gemacht, den Angeklagten
Katzenberger der Strafe zu entziehen.

Das Gericht ist deshalb überzeugt, daß Katzenberger mit der
Seiler nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze bis zum
März 1940 an nicht mehr feststellbaren Tagen und in nicht
bestimmter Zahl wiederholt Geschlechtsverkehr hatte.

Unter außerehelichem Geschlechtsverkehr im Sinne des
Blutschutzgesetzes ist neben dem Beischlaf jede Art
geschlechtlicher Betätigung mit einem Angehörigen des
anderen Geschlechts zu verstehen, die nach der Art ihrer
Vornahme bestimmt ist, anstelle des Beischlafs der
Befriedigung des Geschlechtstriebes mindestens des einen
Teiles zu dienen. Die von den Angeklagten zugegebenen
Handlungen, die bei Katzenberger darin bestanden, daß er die
Seiler an sich heranzog, küßte, an den Schenkeln über den
Kleidern tätschelte und streichelte, charakterisieren sich
dahin, daß Katzenberger damit das an der Seiler in
gröblicher Form ausgeführt hat, was der Volksmund als
"Abschmieren" bezeichnet. Daß nur in geschlechtlichen
Beweggründen der Ausgangspunkt für solches Handeln zu suchen
ist, ist offenkundig. Hätte der Jude an der Seiler nur diese
sog. "Ersatzhandlungen" vorgenommen, so hätte er schon
dadurch den vollen gesetzlichen Tatbestand der Rassenschande
erfüllt.

Darüber hinaus ist aber das Gericht überzeugt, daß
Katzenberger, der zugegebenermaßen noch heute in der Lage
ist, den normalen Beischlaf auszuüben, während der gesamten
Dauer des Verhältnisses regelmäßig mit der Seiler den
Beischlaf ausgeführt hat. Es ist nach der Lebenserfahrung
ausgeschlossen, daß Katzenberger es im Laufe von fast 10
Jahren bei dem oft bis zu 1 Stunde währenden Zusammensein
mit der Seiler es bei solchen, das Gesetz für sich allein
schon erfüllenden Ersatzhandlungen hat bewenden lassen.


III.

Der Angeklagte Katzenberger ist sonach überführt, nach dem
Inkrafttreten des Blutschutzgesetzes, das ist nach § 7
dieses Gesetzes nach dem 17. Sept. 1935, als Jude mit einer
Staatsangehörigen deutschen Blutes außerehelichen Verkehr
gepflogen zu haben. Er hat auf Grund eines einheitlichen,
von Anfang an auf Wiederholung gerichteten Vorsatzes
gehandelt. Katzenberger ist mithin eines - fortgesetzten -
Verbrechens der Rassenschande nach §§ 2 und 5 Aber II des
Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen
Ehre vom 15. September 1935 schuldig zu sprechen.

Die rechtliche Würdigung des festgestellten Sachverhalts
ergibt, daß der Angeklagte Katzenberger bei seinem Treiben
darüber hinaus allgemein die außergewöhnlichen, durch den
Kriegszustand verursachten Verhältnisse ausgenutzt hat.
Stadt und Land sind weithin ohne Männer, die infolge ihrer
Einberufung zum Heere oder für andere Zwecke der Wehrmacht
verhindert, zu Hause tätig zu sein und so für
Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Diese allgemeinen
Verhältnisse, diese durch den Krieg veränderten Umstände hat
sich der Angeklagte zunutze gemacht. Der Angeklagte stellte,
als er seine Besuche bei der Seiler in deren Wohnung bis zum
Frühjahr 1940 fortsetzte, in Rechnung, daß bei dem gegebenen
Ausfall irgendwelcher eingehenderen Kontrollmaßnahmen seine
Machenschaften nicht oder doch nur sehr schwer durchschaut
werden können. Die durch die Einziehung des Ehemannes Seiler
zum Heeresdienst veränderten häuslichen Umstände
erleichterten sein Treiben.

Unter diesem Gesichtspunkt gesehen, ist das Verhalten des
Katzenberger besonders verwerflich. In Verbindung mit dem
Verbrechen der Rassenschande war er sonach auch wegen eines
Verbrechens nach § 4 der VO. gegen Volksschädlinge schuldig
zu sprechen. Hierbei ist zu beachten, daß die
Volksgemeinschaft eines wesentlich erhöhten strafrechtlichen
Schutzes gegen alle Verbrechen bedarf, die ihre innere
Geschlossenheit zu zerstören oder zu zersetzen suchen.

In mehreren Fällen schlich sich der Angeklagte Katzenberger
seit Kriegsausbruch 1939 nach Einbruch der Dunkelheit in die
Wohnung der Seiler. In diesen Fällen wurde der Angeklagte im
Schutze der zur Abwehr von Fliegergefahr getroffenen
Maßnahmen tätig, indem er die Verdunkelung ausnutzte. Das
Fehlen der in Friedenszeiten vorhandenen helleuchtenden
Straßenbeleuchtung am Straßenzug des Spittlertorgrabens gab
dem Angeklagten größere Sicherheit. Diesen Umstand nützte er
jedesmal in voller Erkenntnis seiner Bedeutung aus;
instinktiv entzog er sich bei seinen Unternehmungen so der
Beobachtung durch die Straßenbenutzer.

Die im Schutze der Verdunkelungsmaßnahmen ausgeführten
Besuche des Katzenberger bei der Seiler dienten mindestens
dazu, das Verhältnis warm zu halten. Es kann dahin gestellt
bleiben, ob bei diesen Besuchen auch tatsächlich
außerehelicher Geschlechtsverkehr stattfand oder nur
Unterhaltungen gepflogen wurden, weil der Ehemann Seiler
anwesend war, wie Katzenberger geltend machte. Der Antrag
auf Vernehmung des Ehemannes Seiler wurde deshalb auch
abgelehnt. Das Gericht ist der Auffassung, daß die in dem
einheitlichen Lebensvorgang eingeordneten zweckbestimmten
Handlungen des Angeklagten ein Verbrechen gegen den Leib im
Sinne des § 2 der VO. gegen Volksschädlinge darstellen. Das
Gesetz vom 15. September 1935 ist erlassen zum Schutze des
deutschen Blutes und der deutschen Ehre. Die Rassenschande
des Juden stellt einen schweren Angriff auf die Reinheit des
deutschen Blutes dar, der rassenschändende Angriff ist gegen
den Leib der deutschen Frau gerichtet. Das allgemeine
Schutzbedürfnis läßt insoweit das Verhalten des anderen an
der Rassenschande Beteiligten, aber nicht strafbaren Teiles
unbeachtlich erscheinen. Daß der rassenschänderische Verkehr
der Angeklagten noch bis mindestens 1939/1940 gepflogen
wurde, ergibt die von dem Zeugen Zeuschel bekundete
Tatsache, daß die Angeklagte Seiler wiederholt und immer
gleichbleibend zugegeben hat, daß sie Ende 1939, Anfang 1940
sich dem Juden auf den Schoß gesetzt und die dargelegt
Zärtlichkeiten ausgetauscht hat.

Mithin hat sich der Angeklagte auch nach § 2 der Verordnung
gegen Volksschädlinge verfehlt.

Der Angeklagte ist auch nach seiner Persönlichkeit ein
Volksschädling; sein seit vielen Jahren ausgeführtes
rasseschänderisches Treiben wuchs sich unter Ausnutzung der
durch den Kriegszustand geschaffenen Gesamtlage zu
volksfeindlicher Einstellung aus, zu einem Angriff gegen die
Sicherheit der Volksgemeinschaft in der Kriegsgefahr.

Daher war der Angeklagte Katzenberger in Verbindung mit
einem Verbrechen der Rassenschande wegen eines Verbrechens
nach § 2 und § 4 der VO. gegen Volksschädlinge in
rechtlichem Zusammentreffen nach § 73 StGB zu verurteilen.

Die Angeklagte Seiler hat nach der Überzeugung des Gerichts
erkannt, daß die seitens Katzenberger mit ihr fortlaufend
vorgenommene Betätigung eine geschlechtliche Betätigung
gewesen ist; das Gericht ist überzeugt, daß Seiler sich dem
Katzenberger zum Geschlechtsverkehr hingegeben hat. Demnach
war der von ihr abgegebene Zeugeneid wissentlich und gewollt
falsch, sie hat sich eines Verbrechens des Meineids nach §§
154, 153 StGB. schuldig gemacht.


IV.

Bei der Strafbemessung haben das Gericht folgende Erwägungen
bestimmt:

Die nationalsozialistische politische Lebensform des
deutschen Volkes hat ihre Grundlage im Gemeinschaftsleben.
Eine Grundfrage dieses völkischen Gemeinschaftslebens ist
die Rassenfrage. Die Rassenschande im Verkehr des Juden mit
einer deutschen Frau schändet die deutsche Rasse, stellt
einen schweren Angriff auf die Reinheit des deutschen Blutes
im rassenschändenden Angriff auf die deutsche Frau dar. Das
Schutzbedürfnis ist ein besonders großes.

Katzenberger unterhält sein rassenschänderisches Treiben
seit Jahren. Er kannte den Standpunkt des völkisch
empfindenden deutschen Menschen in der Rassenfrage genau, er
war sich bewußt, daß er mit seinem Verhalten dem völkischen
Empfinden des deutschen Volkes ins Gesicht schlug. Weder die
nationalsozialistische Revolution 1933, noch der Erlaß des
Blutschutzgesetzes 1935, weder die Judenaktion 1938, noch
der Kriegsausbruch 1939 bewirkten bei ihm eine Umkehr.

Das Gericht erachtet es für geboten, als einzige mögliche
Antwort auf die Frivolität des Angeklagten gegen ihn die in
Anwendung des § 4 der VO. gg. Volksschädlinge vorgesehene
schwerste Strafe, die Todesstrafe auszusprechen. Insoweit
der Angeklagte in Verbindung mit dem Verbrechen der
Rassenschande auch wegen eines Verbrechens nach § 2 der
Volksschädlings VO. zu verurteilen war, gewinnt seine Tat
unter Berücksichtigung der Person des Angeklagten und der
Häufung der Ausführungshandlungen das Gewicht eines
besonders schweren Falles. Daher muß den Angeklagten insoweit
die vom Gesetz für einen solchen Fall allein vorgesehene
Todesstrafe treffen.

Der Sachverständige Medizinalrat Dr. Baut bezeichnet den
Angeklagten als voll verantwortlich.

Dementsprechend erkannte das Gericht auf die Todesstrafe.

Gleichzeitig war geboten, die in §§ 32-34 des StGB
bezeichneten Rechte ihm auf Lebenszeit abzuerkennen.

Bei der Bemessung der Strafe für die Angeklagte Seiler war
deren Persönlichkeitsbewertung in den Vordergrund zu
stellen. Seiler hat viele Jahre hindurch das schändliche
Liebesverhältnis mit dem Juden Katzenberger unterhalten. Ihr
schimpfliches Verhältnis wurde nicht berührt durch die
völkische Erneuerung des deutschen Volkes seit dem Jahre
1933, die Verkündung des Gesetzes zum Schutz des deutschen
Blutes und der deutschen Ehre am 15. September 1935 machte
keinen Eindruck auf sie. Die Tatsache, daß sie im Jahre 1937
Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt hat und die
Parteigenossenschaft erwarb, bedeutet in diesem Zusammenhang
eine frivole Herausforderung.

Als mit der Einleitung des Ermittlungsverfahrens gegen
Katzenberger dem deutschen Volk für den rasseschändenden
Angriff des Juden Genugtuung gebracht werden sollte,
ignorierte die Angeklagte Seiler die allgemeinen Belange der
mißachteten Staatsautorität sowie die Volksinteressen
vollständig; sie stellte sich schützend vor den Juden.

Unter Berücksichtigung dieser gesamten Umstände erachtete
das Gericht eine Zuchthausstrafe von vier Jahren von der
Angeklagten an und für sich da verwirkt.

Strafermäßigend kommt in Betracht, daß die Angeklagte jedoch
im Eidesnotstand ihr wissentlich falsches Zeugnis mit einem
Eid bekräftigt hat; die Angabe der Wahrheit konnte gegen sie
eine Verfolgung wegen Ehebruchs und Begünstigung nach sich
ziehen. Das Gericht ermäßigte deshalb die an sich verwirkte
Strafe auf die Hälfte und erkannte auf zwei Jahre Zuchthaus
als schuldangemessene Strafe. § 157 Abs. 1 Nr. i StGB.

Wegen der durch die Tat erwiesene Ehrlosigkeit mußten ihr
auch die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt werden. Es ist
dies auf die Dauer von zwei Jahren geschehen.

Anrechnung der Untersuchungshaft: § 60 StGB.

Kostenentscheidung: § 465 StPO.

        gez. Rothaug      Dr. Ferber       Dr. Hoffmann


Zur Beglaubigung:

Nürnberg, den 23. März 1942

Der Urkundsbeamte der
Geschäftsstelle des Sondergerichts für den Bezirk des
Oberlandesgerichtes Nürnberg bei dem
Landgericht Nürnberg-Fürth
gez. Unterschrift Justiz-Inspektor

[Stempel:]
Landgericht
Nürnberg-Fürth


Eidesstattliche Erklärung Ich, Dr. Karl Ferber, Landgerichtsdirektor a. D., Nürnberg, erkläre hiermit an Eidesstatt: 1.) Mit dem Fall Katzenberger wurde ich zum erstenmal bekannt, als der Staatsanwalt Markl etwa Ende Juli oder Anfang August 1941 gegen Katzenberger wegen Zuwiderhandlung gegen das Gesetz vom 15.9.1935 Anklage zur Strafkammer erhoben hatte. Nach meiner Erinnerung war nur Katzenberger allein angeklagt, nicht auch Seiler wegen Meineids. Über die Haftbeschwerde Katzenbergers sollte entschieden werden im Zusammenhang mit der Eröffnung des Hauptverfahrens. Demnach stand also die rechtliche Prüfung bevor, ob das Verfahren gegen Katzenberger auszusetzen sei, bis im Wege eines ordentlichen Strafkammerverfahrens die Zwischenfrage beantwortet ist ob Seiler sich eines Meineids schuldig gemacht habe oder nicht. 2.) Noch bevor ich dazu kam, überhaupt eine Sachentscheidung der 4. Strafkammer im Falle Katzenberger herbeizuführen, hat an demselben Tag Staatsanwalt Markl bei mir die Anklage zurückgenommen. Auf meine Frage, warum, erklärte mir Markl a) diese Zurücknahme sei keine Weisung des Ministeriums, sondern b) die Forderung Rothaugs weil c) von Rothaug angenommen sei, eine Sonderdiskriminierung des Katzenberger nach der VSchädl. VO. vorzunehmen. d) Rothaug hat sodann die Haftbeschwerde des Katzenberger verworfen; dies erfuhr ich durch Zurückgabe einer von mir dem Verteidiger Herz zuvor behändigten Sprechkarte. 3.) Als bei Rothaug in jenen Tagen zum erstenmal die Sprache auf den Fall Katzenberger kam, machte ich sofort meine Bedenken wegen der Hereinnahme der VSchädl. VO. geltend. a) im Schrifttum war zu jener Zeit heftig umstritten, ob ehewidriges Verhalten - Ehebruch - mit der Frau eines Frontsoldaten unter Anwendung der VSchädl. VO. als Verbrechen bestraft werden könne. Die Frage wurde grundsätzlich verneint. b) Ich habe auch darauf hingewiesen, daß die Meineidssache Seiler durch die zuständige Strafkammer zuerst entschieden werden müsse. 4.) Rothaug proklamierte sofort mit aller ihm eigenen Fertigkeit: a) diese Tat Katzenberger liegt im Bereich der Gesamtheit des Volkes, d.h. hier ist "nach gesundem Volksempfinden" (und das war abgeleiteter Führerbefehl) eine Volksschädlingstat gegeben, im Gegensatz zu sonstigen ehebrecherischen Beziehungen eines Deutschen zur Frau eines Frontsoldaten; b) daß in diesem Zusammenhang die Stellungnahme des Ministeriums ihn nicht interessieren könne, sei selbstverständlich. Der Gesamteindruck, der durch die Redensarten Rothaugs, mit denen er eine Strafsache für das Sondergericht hier als gegeben darstellte, vermittelt wurde, war folgender: Rothaug stellte darauf ab, den Fall Katzenberger in Vergleich zu bringen zu der grundsätzlichen staatspolizeilichen Sonderbehandlung der Polen und poln. Juden, die in irgendwie geschlechtlich geartete Verbindungen mit Deutschen traten. "Der Sektor Justiz (eine beliebte Rothaugsche Bezeichnung) hat hier eine Aufgabe, die politisch zu lösen ist." In diesen Zusammenhängen veranlaßte Rothaug auch die Durchfühung eines Meineidverfahrens gegen Seiler als Sondergerichtssache und erließ einen Haftbefehl gegen Seiler. 5.) Die Erhebungen wegen des Verdachts des Meineids i. R. gegen Seiler verzögerten sich. Deshalb kam auch die Anklage gegen Katzenberger und gegen Seiler Zum Sondergericht etwa erst im Februar 1942 in Einlauf. Ich erinnere mich, daß von einer "Großaufnahme" im Sitzungssaal 600 gesprochen wurde, wobei Rothaug eine Befriedigung darüber anzumerken war, daß ihm dieser Fall zur Behandlung zustand. Markl war - wie er mir s. Zt. sagte - von seinem Behördenleiter Schroeder eröffnet worden, daß er einen Rothaugs Forderungen entsprechenden Antrag in der Sitzung vertreten solle. 6.) Die Veränderung der Zuständigkeit - von Strafkammer zum Sondergericht - war also veranlaßt durch Rothaug, die Erweiterung der Anklage gegen Seiler zum Sondergericht beruhte auf einer Forderung Rothaugs; die Verbindung der beiden Verfahren zu einer Verhandlung entsprach dem Verlangen Rothaugs. Nachdem die Sache bei Rothaug anhängig war, wurde von ihm eine besondere Betriebsamkeit entwickelt. Der SD und die Gauleitung zeigten sich durch Telefonanrufe auffällig häufig interessiert. Ich erfuhr, daß es sich um die Vorbereitung der Sitzung in größtem Rahmen handelte. In Gesprächen gab Rothaug der Sache eine politische Umrahmung durch schärfste Formulierung. 7.) Zur Sitzung i. SS. 600 erschienen die politischen Stellen in bedeutender Aufmachung. Rothaug war es gelungen, auch die Anwesenheit des Reichsinspekteurs Oexle zur Sitzung zu erreichen. Ich erinnere mich, daß Karten zur Sitzung ausgegeben wurden und daß ein Bestand von "reservierten Plätzen" Herrn Rothaug für die Partei zur Verfügung zu stellen war. Die Bemühungen Rothaugs waren erkennbar darauf abgestellt, unter dem Schein des Rechts einen Vorwand zu geben und die Voraussetzung zu schaffen, Katzenberger als Juden zu vernichten. 8.) Die Hauptverhandlung wurde von Rothaug dazu benutzt, den Zuhörern eine nat. soz. Lektion zum Thema der sog. Judenfrage zu erteilen. Angeklagte und Zeugen wurden als Ausfrage-Objekte das Mittel zu diesem Zweck. Was Rothaug im einzelnen alles vorgetragen hat, weiß ich nicht mehr. Es ist bei mir der Eindruck haften geblieben, daß es sich um sattsam bekannte allgemeine Redensarten nach "Stürmer-Façon" gehandelt hat. Rothaug als Verhandlungsleiter redete und redete immer wieder, indeß die Zeugen das Wenige, das sie überhaupt zur Sache zu sagen wußten, damit bekundeten, daß sie auf entsprechenden Vorhalt ihre Aussagen bei der Polizei wiederholten. Hierbei war den Zeugen anzumerken, wie sehr sie unter dem Zwang der Situation standen, der ihnen dadurch auferlegt war, daß sie in einen groß angelegten Schauprozeß hineingestellt wurden. Nach Form und Inhalt seiner Verhalte an Angeklagte und Zeugen während der Verhandlung verwirklichte Rothaug die NS- Programmforderung der rücksichtslosen Judenbekämpfung im Dienste des Reichssicherheitshauptamtes. Jedem aufmerksamen, politisch unverbildeten Zuhörer - auch die Behördenchefs der Nürnberger Gerichte waren anwesend - mußte klar werden, daß hier im Falle Katzenberger formelles Recht im Dienste politischer Gewalten sich durch den Mund Rothaugs kundgab. Die Bewertung des Sachverhalts im Sinne einer Urteilsfindung griff Rothaug während der Dauer der Beweisaufnahme durch seine eigene Meinungsäußerung ständig vor. Dadurch bereitete er den Boden, der ein anderes Urteil als ein Todesurteil gegen Katzenberger gar nicht mehr erwarten ließ. Nach Durchführung der Beweisaufnahme war Pause, in der der Sitzungsstaatsanwalt Markl im Beratungszimmer erschien, um sich bei Rothaug zu vergewissern, daß von ihm als Antrag des Staatsanwalts gegen Katzenberger die Todesstrafe u. gegen Seiler eine Zuchthausstrafe - über die Höhe wurde auch gesprochen - erwartet werde. Mit Rücksicht auf die im Sitzungssaal anwesende Parteiführerschaft hielt Rothaug es auch für geboten, Markl einige Andeutungen zu machen, mit welchen wesentlichen Hinweisen er seine Ausführungen ausstatten solle. 9.) Die Prozeßvorbereitung und die Verhandlungsleitung durch Rothaug bedeuteten nach Form und Inhalt eine Vergewaltigung meiner freien richterlichen Entschließung als Beisitzer. Es war deutlich geworden, wie stark Rothaug als Willensvollstrecker für den Vernichtungswillen der Parteiinstanzen aufzutreten, gesonnen war. Ich habe während der Beratung nicht versäumt, erneut wiederholt darauf hinzuweisen, daß es mir nicht zusage, daß vor der Hauptverhandlung in einer so wichtigen Sache die Akten dem Reichsjustizministerium noch nicht in Vorlage gebracht waren. Ich unterstrich mit diesem Hinweis meine von Anfang an geltend gemachten rechtlichen Bedenken gegen eine Beständigkeit einer Verurteilung nach der VoIksschädlingsverordnung und meine Bedenken wegen der ungewöhnlichen Verbindung des Verfahrens gegen Seiler mit dem Verfahren gegen Katzenberger. Ich machte darauf aufmerksam, daß die Möglichkeit einer Rechtsanwendung nach der Volksschädlings VO. auf den festgestellten Sachverhalt über den Fall waren Rothaug ja diese Bedenken hinlänglich bekannt.[sic!] Meine Hinweise genügten, um Rothaugs schärfsten Widerspruch herauszufordern. "Ein Meineidsverfahren gegen Seiler vor der zweiten oder dritten Strafkammer hätte doch die ganze Sache in den Dreck gefahren," "nach den Meinungen des Ministeriums haben wir uns nicht zu richten." 10.) Mit dem Abschluß der Verhandlungen ließ Rothaug nicht davon ab, auf den ferneren Gang der zu treffenden Entscheidungen einzuwirken. Das Reichsjustizministerium forderte fernmündlich nach Bekanntgabe der Entscheidung die Akten zur Überbringung durch Sonderboten an. Deshalb mußte das Urteil mit besonderer Eile niedergeschrieben werden, wobei die von Rothaug zur mündlichen Urteilsverkündung handschriftlich zu den Akten gefertigten Aufzeichnungen im wesentlichen verwendet wurden. Kurze Zeit darauf hörte ich, daß der Oberstaatsanwalt Dr. Engert von der Behörde des Generalstaatsanwalts mit den Akten bei Staatssekretär Freisler in Berlin war und dort keine günstige Aufnahme des Urteils feststellte. Die Aufhebung des Urteils durch Nichtigkeitsbeschwerde, zum mindesten eine Lösung des Falles durch Gnadenentsschließung, war zu erwarten. Umsomehr überraschte die nach mehreren Monaten vom Ministerium angeordnete Vollstreckung der Todesstrafe. Ende Juli 1942 war ich Teilnehmer an einer strafrechtswissenschaftlichen Fortbildungswoche in Straßburg; dort sprach mich Staatssekretär Freisler auf den Fall Katzenberger an und machte auf die rechtliche Bedenklichkeit der auf die Volksschädllings VO. gestützten Verurteilung aufmerksam. Ich hielt entgegen, daß die Anordnung der Vollstreckung destomehr verwunderlich sei. Freisler gab hierauf keinen Aufschluß. Zurückgekehrt nach Nürnberg, habe ich sofort Herrn Rothaug dieses Gespräch mit Freisler mitgeteilt. Rothaug quittierte den Bericht mit zynischem Lächeln und den Worten: "die hätten sich nach einmal unterstehen sollen, den Katzenberger zu begnadigen." Damit stand und steht für mich fest, daß Rothaug federführend über den Parteiapparat (SD, Gauleitung und Parteikanzlei) tätig geworden und Einfluß gegen das Reichsjustizministerium dahin genommen hat, daß das von ihm unter unerhörtem Terror provozierte Todesurteil Katzenberger auch tatsächlich vollstreckt wurde. Den Einfluß konnte Rothaug leicht gewinnen, nachdem Reichsimpektor Oexle ja in der Sitzung anwesend war. Diese Angaben entsprechen der Wahrheit und wurden ohne jeglichen Zwang gegeben. Ich habe sie gelesen, unterschrieben und an Eidesstatt erklärt. Nürnberg, den 24. Januar 1947 gez. Dr. Karl Ferber Landgerichtsdirektor a. D. Unterschrieben und beschwören: Nürnberg, den 24. Januar 1947




Anmerkung:

  1. Laut der Dokumentation des OLG Nürnberg zum Fall Katzenberger ist die Datierung falsch, da die Urteilsverkündung nicht am 13. März 1942, sondern einen Tag später erfolgt sei.

Quelle:

  1. Poliakov/Wulf
    Externer LinkDas Dritte Reich und seine Diener, S. 255-270

Siehe auch:


nach oben

© Jürgen Langowski 2016