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Oskar Strawczynski

Zehn Monate in Treblinka

Aus dem Amerikanischen von Frank Beer

Das jiddische Manuskript stammt aus dem Jahr 1944

Quelltext für die Übersetzung: Israel Cymlich, Oskar Strawczynski, Escaping Hell in Treblinka, New York und Jerusalem, 2007, S. 127 - 182.

Kursiv gesetzte Wörter deutsch im Original


Im Gedenken an meine unvergessene Frau Anka, meine beiden lieben Kinder Guta und Abus, sowie meine liebevollen Eltern Josef und Malka, die in der fürchterlichen "Fabrik" Treblinka am 5. Oktober 1942 umgekommen sind.

Meine liebste Anka!

Mehr als 18 Monate sind vergangen, seit wir auf brutalste Weise voneinander getrennt wurden. Während dieser ganzen Zeit habe ich nicht aufgehört, nach einer Möglichkeit zu streben und zu suchen, Dir zumindest in einem kleinen Rahmen meine traurigen Erfahrungen in all den dunklen Monaten seit unserer Trennung zu berichten. Eine viel zu schwierige Aufgabe für meine verschlissene Lebenskraft, aber ich glaube, dass Du mehr spüren wirst als das, was Du in meinen Zeilen lesen kannst.

Zehn Monate lang war ich in Treblinka ständig von Fremden umgeben und konnte keinen Stift zur Hand nehmen. Später war es während der Wintermonate in dem engen und dunklen Versteck unmöglich, etwas zu tun. Jetzt, da ich im Wald unter den warmen Strahlen der Sonne sitze, muss ich die Gelegenheit ergreifen, obwohl ich bereits bei den ersten Worten fühle, wie die Wunden, die sowieso niemals heilen werden, wieder aufreißen und bluten wie in den ersten Tagen.

Aber ich wünsche mir, dass dieses in Blut und Tränen getränkte Bündel von Erinnerungen für Dich, meine Liebste, und für unsere Kinder, Eltern, Brüder, Schwestern und die Millionen von Männern, Frauen und Kindern, die mit Dir gemeinsam ermordet wurden, als ewiger Grabstein dienen wird.

April 1944

Kapitel 1

Die Ankunft in Treblinka

Es war der Tag nach Sukkot, am 5. Oktober 1942. Der Morgen war heiter und sonnig. Obwohl wir nach 24 Stunden in den vollgestopften Viehwaggons völlig erschöpft waren, zitterten wir vor Schreck, als der Zug hielt und wir ein schreckliches Gebrüll hörten: "Raus! Raus! ..." Peitschen fliegen über unsere Köpfe … In den Augen meiner Frau erkenne ich, dass auch sie endlich bereit ist, die schrecklichen Gerüchte über die Gasfabrik hinter Malkinia zu glauben. Ich kann sehen, dass sie jetzt bereut, meinen Plan, uns mit den Kindern im Versteck unseres Nachbarn zu verbergen, verworfen zu haben. Sie hatte sich nicht überwinden können, all das bösartige Gerede zu glauben. Sie hatte glauben wollen, dass sie oder unsere lieben Kinder nichts Böses treffen könnte, solange wir zusammen waren.

Wir laufen hinaus, so schnell wir können, um den auf unsere Köpfe einschlagenden Peitschen zu entgehen, und gelangen auf einen langen, schmalen Bahnsteig, der völlig überfüllt ist. Überall bekannte Gesichter - Nachbarn und Bekannte. Der Staub ist so gewaltig, er verdunkelt das Sonnenlicht. Ein Geruch von verbranntem Fleisch erstickt den Atem. Unversehens werfe ich einen Blick auf die Berge von Kleidung, Schuhen, Bettwäsche und allen Arten von Waren, die man hinter dem Zaun sehen kann. Aber es bleibt keine Zeit, um nachzudenken … Die dichte Menschenmenge wird in Richtung eines Tores geschoben und durch dieses hindurch gepresst.

In diesem Moment habe ich nur einen Gedanken - meine Liebsten in all diesem Chaos nicht zu verlieren. Es gelingt mir, meine Frau, meine beiden schönen Kinder, meine Mutter und meinen Vater beieinander zu halten. Ich ahne nicht, dass dies unsere letzten gemeinsamen Augenblicke sind, dass wir hinter diesem Tor auseinandergerissen werden und einander nie mehr wiedersehen sollen.

In diesem großen Tumult bemerke ich nicht, dass die Arbeit auf dem Bahnsteig - d. h. die Menschen und das zurückgelassene Gepäck aus den Zügen laden, die Menge antreiben und zu dem Tor drängen - von einem Trupp von etwa 30 jüdischen Männern, die blaue Armbinden tragen, ausgeführt wird. Das ist das Kommando der "Blauen", das von Kapo Mayer angeführt wird. Auf dem Bahnsteig befinden sich auch SS-Männer, die ukrainischen "Wachmänner" von Treblinka und auch die Polizisten und die Eskorte, die den Zug begleitet haben. Wenn der Letzte aus dem Transport durch das Tor gegangen ist und die Waggons entleert worden sind, begibt sich die Eskorte zu ihrem Waggon, und der Zug verlässt das Lager. Dies alles geschieht sehr schnell, und ich habe die Einzelheiten erst während meiner späteren Arbeit in Treblinka bemerkt.

Hinter dem Tor treten wir auf einen recht großen Platz. Auf beiden Seiten des Platzes stehen Baracken. Gegenüber dem Zaun und dem Tor, durch das wir gegangen sind, befindet sich eine Umzäunung mit einem kleinen Eingang in der Ecke. Dies ist das Tor zur "Todesstraße", die zu den "Bädern" im Lager 2 führt. Auf dieser Allee treten sie ihren letzten Gang an: meine geliebte Frau und die Kinder, Vater, Mutter, Geschwister, zusammen mit Millionen von jüdischen Männern und Frauen … Sie kamen nie aus dem "Bad" zurück. Ihre geheiligten Leichname wurden auf Tragbahren geladen und in die höllischen Flammen geworfen.

Als ich später auf den Dächern von Treblinka arbeitete, hatte ich oft Gelegenheit, unsere nackten, unglücklichen Menschen auf ihrem letzten Weg zu sehen: Mütter, die ihre Kleinen in den Armen hielten, ältere Kinder an ihrer Seite, junge Mädchen mit bereits geschorenen Haaren, die ihre Brüste mit den Händen bedeckten; oder mehrere zusammen, mit untergehakten Armen, die alle so schnell wie möglich durch die Reihe der Deutschen und Ukrainer rannten, die sie auslachten und verspotteten. Oft wurde das eine oder andere Opfer mit einer Peitsche oder dem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen und brach in einem Strom von Blut zusammen. Es waren schreckliche Szenen aus der Hölle.

Ich kehre zu dem Augenblick zurück, in dem wir den sogenannten Umschlagplatz betreten. Wie wir dort laufen, hören wir Gebrüll, das unser Blut gefrieren lässt. Ich höre auf zu denken oder zu fühlen. Wir wissen nur eins: Das sind unsere letzten Momente zusammen. Das Gebrüll wird immer lauter und durchdringender: "Männer auf die eine Seite, Frauen auf die andere."

Wir sind völlig verwirrt von dem blitzschnellen Tempo und dem schrecklichen Lärm. Ich kann nicht einmal ein einziges Wort, nicht einmal ein Lebewohl zu meinen Lieben sagen. Ich höre nur das Seufzen meiner geliebten Frau und ihre letzten Worte: "Das war es dann." Niemand kann begreifen, wie viel Verzweiflung und Angst diese Worte enthalten. Für mich sind sie der Abgrund an Kummer. Ich höre noch immer die Worte in meinen Ohren, und ich werde sie sicherlich bis an mein Lebensende nicht vergessen.

Während ich diese Zeilen niederschreibe, erlebe ich noch einmal den Schmerz unserer Trennung. Ich kann die Gefühle, die in mir toben, nicht beschreiben. Frische Tränen fließen, und der warme Waldboden saugt den heißen Strom aus meinen Augen auf.

Aber dort auf jenem traurigen Umschlagplatz gibt es keine Zeit für Tränen oder Gefühle. Ich habe kaum Zeit, um meiner Frau die sorgfältig versteckte Decke für die Kinder zu geben. Eine brutale Hand ergreift meine Schulter, und ich fliege auf die andere Seite des Platzes. Ich schaffe es, mit meinem gelassenen Vater zusammenzubleiben. Der Platz ist voller Menschen. Auf der einen Seite sind Frauen mit kleinen Kindern, auf der gegenüberliegenden Seite Männer, die gezwungen werden, sich hinzuknien. In der Mitte stehen SS-Männer, Ukrainer mit Waffen in den Händen, sowie eine Gruppe von etwa 40 Männern mit roten Armbinden. Das sind Juden - das Kommando der "Roten". Im Treblinkajargon nennt man sie die "Hevra Kadisha" [aramäisch für "heilige Gesellschaft", steht für jüdische Totenbestatter].

Kapo Jurek, der Anführer der "Roten", war ein Warschauer Rikschafahrer und derart korrupt und verdorben, dass ihm keine Tat zu schmutzig war. Dieser Rohling zögerte gewöhnlich nicht, sich ein Mädchen zu nehmen, das schon nackt auf seinem Marsch zum "Bad" war. Mit dem Versprechen, sie zu retten, tat er ihr das Schlimmste an, und schob sie dann wieder zurück in den Strom. Er war elegant gekleidet, wie es sich diese Art von Leuten in Treblinka leicht leisten konnte. Er schlug mit seiner Peitsche häufig und mit Begeisterung auf jüdische Köpfe ein. So niederträchtig und korrupt wie er war, seine Sprache war noch schlimmer. Der Jargon der Warschauer Unterwelt war nichts Neues in Treblinka. Es gab große Könner auf diesem Gebiet, aber niemand konnte Jurek übertreffen. Kurzum, er war ein ziemlich bemerkenswertes Mitglied der Treblinka-Aristokratie. Die meisten "Roten" wurden aus der Warschauer Unterwelt rekrutiert und konnten ihrem Kapo fast das Wasser reichen.

Auf dem Platz ragt unter allen ein deutscher Offizier heraus, ein stämmiger Mann mit sauberem Bart, der auf einem schönen braunen Pferd sitzt. Hochmütig reitet er in die Mitte des Platzes. In einem bestimmten Moment dreht er sich in Richtung der knienden Männer und ruft: "Handwerker, raus!" Eine Reihe von Männern tritt vor. Die meisten von ihnen werden jedoch zurückgeschickt. Nur wenige werden beiseite genommen, wo ein SS-Mann eine weitere Auswahl trifft und die restlichen Männer in Gruppen von je drei aufteilt. Ich knie derweil neben meinem Vater. Mein Verstand ist völlig leer. Kein Gefühl, kein Gedanke. Ich weiß nicht einmal ein einziges Wort mit meinem Vater zu wechseln.

Unter den Männern mit den roten Armbinden entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Anfangs kann ich mich nicht erinnern, wer er ist, aber dann erkenne ich ihn. Es ist Aaron Berliner, ein Arbeiter aus der jüdischen Gemeinde von Tschenstochau. Auch er hat mich bemerkt. Er winkt mir zu, damit ich zu ihm herüberkomme. Ich stehe auf, nehme die Hand meines Vaters und versuche auch, mein Bündel aufzunehmen. Aaron befiehlt mir, das Bündel zurückzulassen, und meinem Vater, nach wie vor zu knien. Aaron führt mich zu dem Deutschen auf dem Pferd. Der Deutsche mustert mich und fragt: "Was bist du von Beruf?" "Klempner", antworte ich. Er winkt mich zu der ausgewählten Gruppe, zu der Aaron mich führt. Jetzt stehe ich ganz allein da, auch von meinem Vater getrennt, ohne einen Kuss, ohne einen einzigen Abschiedsgruß …

Die Gruppe wächst auf etwa 60 Männer an, es sind keine Frauen darunter. Ein Mann in den Dreißigern nähert sich uns. Er ist groß und breitschultrig, mit stark muskulösen Beinen und schwarzen Haaren, ein junger Riese. Dies ist Kapo Rakowski. Er ruft einen Befehl und führt uns in militärischer Formation weg. Während wir durch die verbleibende Masse von Menschen marschieren, suche ich die Seite der Frauen ab. Vielleicht kann ich einen letzten Blick auf meine Lieben werfen, vielleicht werde ich meine zwei kleinen Engel wiedersehen. Ich finde sie nicht. Wahrscheinlich sind sie in der Baracke.

Wir werden zu einem riesigen Platz geführt, auf dem Berge von Bündeln angehäuft sind. In der Ferne befindet sich ein großer Erdwall, auf dem ein Wächter hin und her schlendert, sein Gewehr im Anschlag. Hinter dem Erdwall bricht dichter Rauch hervor wie aus einem Vulkan.

Mein Verstand ist noch immer vernebelt. Ich sehe und höre wie in einem Traum. Es gibt keine Menschen auf dem Platz außer uns. Kapo Rakowski führt uns zu einem Berg von Kleidung. Wir brechen an dem Berg zusammen, erschöpft und niedergeschlagen. Der Kapo hält einen Vortrag. Die Worte prallen an meinen Ohren ab. Er spricht über Geld: "Ihr solltet es verschenken. Hier braucht ihr kein Geld. Man kann damit sowieso nichts kaufen." Ich sehe Menschen, die ihr Geld herausnehmen und es in Koffer werfen. Meine Gedanken sind noch verworren. Sie kehren zurück zu den am Umschlagplatz Zurückgelassenen. Plötzlich breche ich in hysterisches Weinen aus. Ich vergrabe meinen Kopf in den Bergen von Kleidung und bleibe dort schluchzend für lange Zeit.

Auf dem bis jetzt ruhigen Platz wird es plötzlich sehr laut. Ich hebe den Kopf, schaue mich um und sehe ein höchst bizarres Bild: Nackte Männer mit an ihre Leiber gepressten Bündeln rennen durch eine Reihe von Wachen, die sie mit der Peitsche zum Schweinsgalopp antreiben. Die Opfer springen ulkig hoch, wenn ihr Weg durch einen Stock versperrt ist, oder wenn sie auf ihren Hintern gepeitscht werden.

Die Route führt vom Umschlagplatz zum großen Sortierungsplatz. Die Opfer laufen um einen der Kleiderberge, werfen ihre Bündel darauf und rennen, ohne anzuhalten, zurück zum Umschlagplatz. Dieser Totentanz dauert schon seit über 15 Minuten an. Aus der Ferne erkenne ich meine Nachbarn bei dem Totentanz. Ich sehe meinen Nachbarn Palacz, wie er zum Lazarett geführt wird, von wo kurz darauf ein Schuss zu hören ist. Palacz, ein eher schwacher, zarter junger Mann, hat offenbar das "Training" nicht bestehen können. Meinen Vater oder andere Männer seines Alters sehe ich nicht unter den Läufern.

Nachdem sie ihre Bündel abgelegt haben, werden die atemlosen Männer mit erhobenen Händen über den Köpfen durch das kleine Tor in die "Straße des Todes" geführt. Am Tor steht eine kleine Bude. Dort nehmen die "Goldjuden" den Opfern Wertsachen, Geld und Dokumente "nur zur Hinterlegung" ab - bis sie wieder aus dem "Bad" zurückkehren. Ein besonderes Schild verkündet, dass es keine Beschränkungen für Beträge in ausländischer Währung gibt.

Die Menge geht vorbei, und es tritt für ein paar Minuten Stille ein. Plötzlich ist aus der Ferne ein erstickter Schrei der Massen zu hören, "Ah-ah-ah...." Das Schreien hält nicht lange an, es wird schwächer und schwächer, bis es abstirbt. Ich weiß instinktiv, dass dies der letzte Schrei der unglücklichen, verdammten Opfer ist, darunter meine eigenen, meine Lieben. Wieder breche ich in hysterisches Weinen aus.

Nach jedem Transport hörte ich den gleichen letzten Schrei, der mein Blut in den Adern gefrieren lässt.

Kapitel 2

Das Leben im Lager

Es ist ein Uhr mittags. Eine große Menschenmenge marschiert auf den Platz. Geführt wird sie von einigen Männern mit breiten gelben Armbinden, auf denen "Kapo" steht, und einigen anderen mit schmaleren, auf denen "Vorarbeiter" steht. Sie tragen Peitschen wie die Deutschen. Die Menge von ein paar hundert Männern kehrt vom Mittagessen zurück und fängt sofort an zu arbeiten. Wir, die Neuen, werden verschiedenen Gruppen zugeteilt. Ich komme zu Vorarbeiter Neumark, einem anständigen jungen Mann aus Tschenstochau, mit dem mein Bruder Zygmunt und ich später sehr gut auskommen.

Auf dem Platz wird es sehr laut, und er erscheint jetzt ganz anders. Decken und Tischdecken liegen auf dem Boden ausgebreitet, und alle Arten von Gütern werden auf ihnen gesammelt. Es gibt eine riesige Menge und eine erstaunliche Vielfalt: von den teuersten importierten Textilien bis zu den billigsten Baumwollsachen, von den elegantesten Anzügen bis zu billigsten abgetragenen Lumpen. Es gibt Reihen von Koffern und darin alles nur Erdenkliche: Kurzwaren, Kosmetika, Medikamente - es scheint keinen Artikel auf der Welt zu geben, der hier nicht gefunden werden kann. Die sortierten Gegenstände werden auf eine Seite des Platzes gebracht, wo sie in großen Bergen gestapelt werden. Es gibt auch eine enorme Menge an Nahrungsmitteln und anderen Waren: getrocknete Nudeln, Zucker, Seife, Kerzen, Streichhölzer, Zigaretten und Süßigkeiten. Es herrscht kein Mangel an den teuersten Konserven, an Tee und Kaffee, aber es gibt auch verschimmelte Brotkrusten. Einige arme Juden haben sogar ein paar Kartoffeln mitgebracht.

Eine besondere Stelle ist für Koffer mit Wertsachen vorgesehen. Sie sind gefüllt mit kostbarem Gold, Schmuck, Ketten und Uhren, Armbändern, Diamantringen und schlichten Goldringen, die meisten davon Trauringe. Es gibt Schätze an Devisen, Gold- und Papierdollars, Pfund Sterling und alte russische Goldmünzen. Polnisches Geld ist kaum der Rede wert, es wird in Bergen gestapelt. Von Zeit zu Zeit erscheinen die "Goldjuden", die diese Art von Schätzen sortieren. Sie bringen die gefüllten Koffer weg und ersetzen sie durch leere. Auch diese sind schnell gefüllt. Von Zeit zu Zeit kommen die Wachen vorbei. Sie schauen sich verstohlen um, und wenn kein Deutscher in Sicht ist, leeren sie hastig den Inhalt eines Koffers in ihre Taschen. Der ganze Platz vermittelt den Eindruck eines riesigen Basars. Es gibt einen besonderen Bereich für Flaschen und Geschirr. Auch hier kann man alles von teuren Nickel- und Aluminiumutensilien bis hin zu alten zerbrochenen Töpfen finden.

Ich gehöre zu einer Gruppe von etwa 20 Männern, von denen die meisten Bekannte sind, die mit früheren Transporten aus Tschenstochau angekommen sind. Unter ihnen treffe ich Israel Einschindler, er ist ein guter Freund aus Lodz. Während der Arbeit beklagen wir unser bitteres Los. Er versucht so weit wie möglich, mir bei der Arbeit zu helfen, mit der ich noch nicht vertraut bin. Sie haben uns dazu abgestellt, einen Stapel tschechisches Gepäck zu sortieren. Ich öffne ein Paket, das Unterwäsche, Strümpfe, Anzüge, Schuhe und verschiedene andere Gegenstände enthält. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin immer noch verwirrt von dem, was ich gerade erlebt habe, und weiß nicht, welche Stücke auf welchen Haufen gehören: Seide, Baumwolle, Wolle, etc. ... Zum Glück habe ich Israel in der Nähe. Ich gebe ihm jedes Stück hinüber. Man muss schnell sein und die ganze Zeit in Bewegung bleiben, man darf sich nicht hinsetzen oder ausruhen, man könnte dafür sehr teuer bezahlen. Neumark geht vor seiner Gruppe hin und her, bewegt seine Peitsche, und schreit ständig: "Tempo! Tempo!" Bewegung ist essentiell. Nähert sich ein Deutscher, so ruft er: "Kameraden - Kiewe!" [Spitzname für Kurt Küttner] oder "Krummer Kopf!" [August Miete] Hier hat jeder Deutsche seinen Spitznamen.

Der Name "Lalka" [polnisch für Puppe, der Spitzname für Kurt Franz] entsetzt die Menge am meisten. Sobald Lalka am Horizont auftaucht, bricht der gesamte Platz in fieberhafte Aktivität aus. Jeder wirft, trägt, läuft ... Lalka ist der böse Geist des Lagers. Ein Blick aus seinen scharfen, blitzenden Augen jagt einem Schauer über den Rücken. Untersturmführer Lalka ist der Vertreter des Lagerkommandanten. Er ist groß, stark, muskulös und gutaussehend, mit einem runden Puppengesicht und einem Paar glänzender Augen. Wiegenden Schritts, hochmütig und selbstzufrieden, schreitet er einher. Barry, sein großer zotteliger Hund, trottet träge hinterdrein. Aber wehe, wenn Lalka auf jemanden zeigt und sagt: "Barry, pack ihn." Barrys Zähne haben viele jüdische Hinterteile gekostet … Lalka geht nie weg, ohne jemandem ein Abschiedsgeschenk zu hinterlassen. Es ist einfach, jemanden für etwas zu beschuldigen, aber eigentlich ist der Grund egal ... Lalka ist der unbestrittene Meister der "25" oder "50" [Schläge]. Er arbeitet mit Lust und gemächlich. Er hat seine eigene Technik, die Peitsche zu schwingen und dann zuzuschlagen. Nicht einmal der Chef [von Lager 1], Scharführer Kiewe, der darin ebenfalls ein anerkannter Fachmann ist, kann ihm darin das Wasser reichen. Lalka ist auch ein guter Boxer. Um sich den Appetit auf seine Mahlzeit zu erarbeiten, braucht er Bewegung. Und natürlich gibt es für diesen Zweck keinen Mangel an jüdischen Köpfen. Er packt sein Opfer, hält mit einer Hand den Kopf gerade, um besser zu zielen, und trifft sein Ziel ziemlich genau. Man kann sich leicht vorstellen, wie der Kopf nach Lalkas Training aussieht.

Eines Tages macht Lalka einen Spaziergang entlang des Bahnsteiges, selbstzufrieden und arrogant wie gewohnt, über der Schulter ein Jagdgewehr. Barry folgt ihm träge. Wie es sich trifft, bemerkt er einen Juden, Herrn Sztajer, einen meiner Nachbarn aus Tschenstochau. Ohne einen weiteren Gedanken legt er mit seinem Gewehr auf das jüdische Gesäß an. Sztajer stürzt hin und schreit vor Schmerzen. Lalka nähert sich ihm, lacht und befiehlt ihm, aufzustehen und die Hosen herunter zu ziehen, damit er sein Ziel überprüfen kann. Der Mann krümmt sich vor Schmerzen. Blut strömt aus seinem mit Blei gefüllten Hintern. Aber Lalka ist nicht zufrieden. Mit einem enttäuschten Achselzucken murmelt er: "Verdammt! Ich hab die Eier verfehlt!" Er setzt seinen Rundgang auf der Suche nach einem neuen Ziel fort.

Der "Krumme Kopf", Unterscharführer [August] Miete, ist fast ebenso bösartig. Er ist Treblinkas Todesengel. Er geht ruhig über den Platz und mustert jeden sorgfältig. Wenn er jemanden bemerkt, der nicht wohlauf, müde oder schwach ist, zwinkert er ihm zu: "Komm her." Er freut sich besonders, ein Gesicht nach Lalkas Training zu sehen, oder einfach nur nach einem deutschen Auspeitschen. Seine Freude kennt keine Grenzen: "Komm schon ..." Und schon gehen sie mit ihm zum Lazarett, wo Kapo [Zwi] Kurland alle Hände voll zu tun hat.

Das berüchtigte Lazarett liegt in der hintersten Ecke des Platzes. Es ist umgeben von einem Stacheldrahtzaun, in den grüne Zweige eingeflochten sind. Die Ersten, die man dort hinbringt, sind diejenigen aus den Transporten, die nicht selbstständig das "Bad" erreichen können: die Alten, die Kranken, die Krüppel, unbegleitete Kinder, sowie die "Schuldigen" aus dem Lager. Die Opfer werden in ein kleines Zimmer gebracht und sitzen auf einer langen, mit Samt bezogenen Bank. Kapo Kurland spricht zu ihnen und tröstet sie. Es ist sein besonderes Privileg, dies zu tun. Er hilft ihnen, sich auszuziehen. Nackt gehen sie durch eine schmale Tür in den nächsten Raum, angeblich zu einer ärztlichen Untersuchung. Dort wartet ein Deutscher mit einem Maschinengewehr auf sie, und mit einer Salve befreit er sie alle von ihrem Elend. Sie fallen in einen riesigen, brennenden Graben, der den Großteil der Fläche einnimmt. Zwei Helfer Kurlands versuchen, die Leichenberge so anzuordnen, dass sie schnell und vollständig verbrennen, um Platz für die neuen Opfer zu schaffen, die ständig hereinströmen.

Kurland ist ein kleiner, magerer Kerl, wahrscheinlich über 50 Jahre alt. Er trägt eine Brille auf seiner spitzen Nase und eine breite Armbinde mit einem roten Kreuz und dem Schriftzug "Kapo". Als wir uns zum ersten Mal begegnen, macht er einen sehr schlechten Eindruck auf mich. Ich kann nicht verstehen, wie ein Mann mit einem menschlichen Herzen und Gefühlen in einer solchen Hölle arbeiten kann. Als ich ihn später ein wenig besser kennenlerne, sehe ich in ihm einen ganz intelligenten und gebildeten Mann. Er ist Warschauer Holzhändler gewesen. Auf meine Frage: "Was hat Sie bewogen, solch einen schrecklichen Posten zu übernehmen?" antwortet er: "Ich wollte das Leid der unglücklichen Patienten lindern und die Wachen davon abhalten, sie zu foltern." Er spricht den Opfern zu und tröstet sie. Die Deutschen behandeln ihn außergewöhnlich gut. Sie bringen ihm Essen, Trinken und Zigaretten. Außerdem erhält er von ihnen Zeitungen, die wir sehr sorgfältig verstecken müssen.

Als die "Hochsaison" nachließ und er einige freie Zeit allein in seinem "Wohnsitz" hatte, begann er zu schreiben. Am Abend las er gewöhnlich sein tägliches Werk einer kleinen Gruppe von uns vor. Es gab Geschichten und kurze Theaterstücke, die vor der Kulisse des Lazaretts spielten. Seine Reime hatten keinen großen literarischen Wert. Aber es gab keinen Mangel an Material, mit dem er arbeiten konnte. Er sah mehr als genug dort, im Lazarett … In den letzten Monaten nahm er aktiv an den Vorbereitungen für den Aufstand in Treblinka teil.

Nicht weit vom Lazarett lodert ein weiteres Feuer. Hier verbrennen sie keine Menschen, sondern deren Dokumente und Fotos, die bei verschiedenen Anlässen in ihrem Leben gemacht worden sind. Wenn man diese Berge von Fotografien, buchstäblich Millionen davon, sieht, kann man deutlich den gewaltigen Horror und die Brutalität spüren und verstehen, was gerade abläuft. All diese Menschen, die einem aus den Fotos entgegenblicken - es ist nur eine kurze Weile her, da sie noch gelebt haben und voller Hoffnung gewesen sind. All dieses Leben hat sich plötzlich in Asche verwandelt … Es ist schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Die Deutschen wachen besonders streng darüber, dass alle Dokumente und Fotografien sorgfältig verbrannt werden, damit keine Beweise ihrer ungeheuren Verbrechen erhalten bleiben. Auf dem Platz ist alles in ständiger Bewegung: Wir bei der Arbeit, und dort bei dem ständig wachsenden Kleiderberg laufen noch immer nackte Männer mit ihren Bündeln herum. Sobald eine Gruppe den Platz verlassen hat, trifft eine andere ein und beginnt zu laufen, und so weiter, endlos bis zum Abend. Es ist sechs Uhr abends, als ein Pfiff ertönt. Alle stellen die Arbeit sofort ein und gehen auf den Bahnsteig, wo wir in Fünferreihen entlang der Rampe ausgerichtet werden. Die Kapos zählen ihre Männer und machen dem Lagerältesten, Ingenieur Galewski, davon Meldung. Der ist ein großer, gut aussehender Mann von etwa 40 Jahren. Er trägt einen braunen Sportanzug. Etwas stimmt nicht, und sie zählen endlos. Schließlich kommt der Befehl: "Achtung!", und Ingenieur Galewski macht dem Chef-Scharführer Kiewe Meldung. Kiewe ist groß und schlank, hat eine strenge und ernste Miene: ein Amtsträger, der sich seinem Dienst widmet, dabei energisch und sehr agil ist. Er ist Lalka ebenbürtig in der Kunst des Folterns und Prügelns, ein Sadist ohne einen Funken von Mitgefühl. Während meiner 10 Monate in Treblinka sah ich mehr als genug von seinen blutigen Darbietungen, die alle im Namen von Ordnung und Disziplin geschahen.

Schließlich wird der Appell abgeschlossen, und wir marschieren zur Küche, wo wir Kaffee bekommen. Es gibt Berge von Brot; jeder nimmt so viel er will. Nach dem Essen werden wir zum Umschlagplatz zurückgeführt und in eine leere Baracke hineingelassen. Wir zählen mehrere hundert. Die Baracke ist bis zum Anschlag belegt. Einige Kameraden zünden Kerzen an, die sie vom Platz mitgebracht haben, und wir versuchen, uns zum Schlafen einzurichten. Wir liegen auf dem Sandboden praktisch einer auf dem anderen, unfähig, uns zu bewegen. Die Türen sind offen, aber es ist verboten, hinauszugehen. Draußen gehen die Wachen Streife, und auf dem Dach uns gegenüber befindet sich eine Wache mit einem Maschinengewehr im Anschlag.

Es ist noch dunkel, als wir aufstehen. Ein Brunnen liegt im Hof, aber nur wenige von uns schaffen es, sich dort zu waschen. Wir bekommen wieder Brot und Kaffee in der Küche. Von dort marschieren wir auf die Rampe zum nächsten Zählappell. Wir werden für verschiedene Aufgaben in Gruppen unterteilt. Das Tor öffnet sich, und die ersten Transporte werden hineingeschoben. Ein paar Gesichter drängen sich hinter den kleinen, verdrahteten Fenstern. Voller Neugier und Entsetzen betrachten sie uns auf der anderen Seite. Wir verdrücken uns schnell. Nur die "Blauen" und die Deutschen bleiben dort. Besen stehen entlang der Längsseite des Bahnsteigs bereit. Es dauert nicht lange, bis der Totentanz erneut beginnt, und er geht kontinuierlich weiter bis zum Abend. Die Transporte kommen aus Städten und Gemeinden in ganz Polen, einige auch aus Deutschland und der Tschechoslowakei. Diese Juden von außerhalb Polens genießen einen besseren Transport als die polnischen Juden. Statt in überfüllten Viehwaggons wie wir kommen sie in Reisezugwagen mit nummerierten Sitzplätzen und Sondergepäckwaggons. Im Gegensatz zu den polnischen Juden haben diese Menschen nicht die geringste Ahnung, welche Art von Ort Treblinka ist.

Im Durchschnitt kommen täglich drei Transporte an, und man "kümmert" sich um sie, 6.000 Menschen jeden Tag. Jeder Zug hält am Bahnhof Treblinka, etwa drei Kilometer vom Lager entfernt. Die Gefangenen werden in drei Gruppen eingeteilt, und jede Gruppe wird getrennt ins Lager gebracht.

Mit wenigen Ausnahmen sind die Menschen ruhig und haben resigniert; kein Anzeichen von Widerstand oder Aufruhr. Sie gehen wie Schafe zur Schlachtbank. Dies ist wahrscheinlich auf die Jahre des Terrors und die Macht der Deutschen zurückzuführen, sowie auf die Tatsache, dass bis zum letzten Moment niemand glauben will, dass man ihn in den Tod führt. Der Funke der Hoffnung flackert in jedem Herzen bis zum letzten Moment.

Allerdings gab es einige Fälle, wo Menschen im Alleingang die Deutschen angriffen. Eine Frau griff mit einem Messer einen der "Roten" an. Er wurde verwundet und starb bald danach. In einem anderen Fall schlug ein junger Mann einen Deutschen mit einer Flasche auf den Kopf. Nach einiger Zeit im Krankenhaus kehrte der Deutsche geheilt zurück, um sein Handwerk weiter zu praktizieren. Einmal warf jemand eine Granate, die sofort eine deutsche Wache tötete und viele "Rote" verwundete, einige von ihnen schwer.

Die Transporte aus Bialystok und Grodno waren eine Ausnahme von der Regel. Diese Leute waren wagemutig und militant. Einmal wäre ihnen fast die Sprengung des gesamten Lagers gelungen, und nur durch Verrat der "Roten" scheiterten sie. Dies geschah Ende Dezember. Gewöhnlich wurden die Transporte während des Tages abgefertigt. Dieses Mal jedoch brachten die Deutschen einen Teil des Transports im Laufe des Abends herein. Die Arbeiter waren bereits in ihrer Baracke eingeschlossen worden. Nur die "Blauen" waren auf dem Bahnsteig und die "Roten" allein auf dem Umschlagplatz. Es war ein Transport aus Bialystok, Männer und Frauen, groß und stark. "Sagt uns die Wahrheit", baten sie die "Blauen". Und später auf dem Platz baten sie die "Roten": "Ihr seid Juden wie wir. Ist das hier Treblinka? Gehen wir hier in den Tod? Wir sind bereit. Wir werden uns alle befreien." Anstatt ihnen die Wahrheit zu sagen, sie zu ermutigen und vielleicht zu helfen, sagten die "Roten" nur, dass dies ein Durchgangslager sei, und dass sie morgen in andere Lager zum Arbeiten gebracht werden würden. Mit großer Mühe überzeugten die "Roten" sie, sich auszuziehen. Erst als die meisten aus der Menge durch das kleine Tor zum Lager 2 gegangen waren, erkannten diejenigen, die zurückgeblieben waren, zusammen etwa 40 Männer, dass sie betrogen worden waren. Aber es war zu spät. Mit bloßen Händen stürzten sie sich auf die Deutschen, die Ukrainer und die "Roten". Große Aufregung und Schießen folgten. Am Ende wurden sie in Lager 2 geschoben, und alles war still …

Danach durften am Abend keine weiteren Transporte eingelassen werden.

Es ist um die Mittagszeit. Ein plötzlicher Aufruhr bricht auf dem Platz los. Die Kapos rufen: "Alles zu den Viehwaggons!" Niemand will gehen. Die Leute verstecken sich in der Baracke und vergraben sich in den Lumpenhaufen, wo sie nur können. Aber es nützt nichts. Die Kapos und Vorarbeiter sind mit ihren Peitschen hinter uns her. Schon sehe ich die ersten Menschen in Vierergruppen zurücklaufen, sie ziehen Bettdecken, Decken, sogar Tischdecken, auf allen türmen sich Leichen. Sie laufen über den Platz zum Lazarett. Die Szene lässt mein Blut gefrieren. Ich versuche, mich zu verstecken, werde aber entdeckt, und so muss auch ich zu den Waggons laufen. Ich komme zum Bahnsteig: der Horror, Leichen stapeln sich eine auf der anderen, ihre Kleidung zerrissen und mit Exkrementen verschmutzt. Mir ist schlecht. Dieser Transport kommt von weit her. Die meisten der Opfer treffen tot ein, nachdem sie in den Viehwaggons 48 Stunden lang ohne Nahrung oder Wasser und ohne Luft eingepfercht worden sind! Die Deutschen und die Kapos brüllen: "Schneller, schneller!", und ihre Peitschen fliegen über unsere Köpfe. Ich schnappe mir ein Ende einer Decke, die bereits gefüllt ist, und renne zum Lazarett. Wir werfen die Leichen in das große Feuer. Der große Graben ist bereits voll. Leichenhaufen werden aufgetürmt, die Männer auf die Frauen und Kinder. Eine echte Hölle! Der Kapo und seine Helfer laufen herum und befehlen: "Werft sie hier rein! Werft sie dort rein!" Sie arbeiten, um das Feuer am Brennen zu halten, da es ständig von den frisch hineingeworfenen Leichen erstickt wird. Die Arbeit auf dem Platz macht mich krank. Die Aufgabe der Sortierung der Lumpen ist mir fremd, und das Schleppen der Leichen erfüllt mich mit Abscheu und Entsetzen.

Zu dieser Zeit gab es ein paar kleine Werkstätten in Treblinka: Schneider, Schuhmacher, Zimmermann, Schlosser und ein Schmied. Die Handwerker in diesen Läden waren meist Leute aus den benachbarten Orten: Kossow, Stoczek, Wegrow, und anderen. Sie wurden hereingebracht, bevor die regelmäßigen Transporte anliefen. Sie waren es, die beim Aufbau des "Bades" halfen, und sie bildeten eine Art privilegierte Kaste, die Hofjuden genannt wurde. Sie wurden mit einem gelben Dreieck auf dem rechten Hosenbein gekennzeichnet. Sie lebten in einer Baracke mit Stockbetten und elektrischem Licht. Ihre Versorgung mit Lebensmitteln war besser, und sie erhielten auch wöchentlich saubere Kleidung aus der jüdischen Wäscherei. Sie mischten sich nicht unter den Rest der arbeitenden Juden auf dem Platz und sahen etwas auf sie herab, als ob Treblinka irgendwie ihr Eigentum wäre …

Es gibt keine Klempnerwerkstatt. Ich spreche mit Ingenieur Galewski über die Möglichkeit, in meinem Beruf beschäftigt zu werden. Er denkt nach, und da alle Barackendächer schadhaft und bei Regen undicht sind, schlägt er vor, dass er mit dem Hauptscharführer sprechen wird, ob mir die Reparaturen überlassen würden. Am nächsten Morgen gehe ich nach dem Appell, wenn allen die unterschiedlichen Aufgaben zugewiesen werden, nicht zurück auf den Platz. Man schickt mich in die Schmiede, um die notwendigen Werkzeuge und Materialien für meine Tätigkeit zu holen. Es herrscht kein Mangel an Werkzeugen, aber es gibt überhaupt kein Material. Was soll ich tun? Wie kann ich ohne einen einzigen Nagel anfangen zu arbeiten? Ich will nicht zurück auf den Platz. Ich kann sehen, dass die Arbeiter hier in Frieden leben, und sie haben weniger Angst vor der Peitsche. Die Deutschen kommen nur selten hierher, und wenn sie es tun, ist ihre Einstellung zu den Leuten hier eine andere als zu denen auf dem Platz. Es ist ruhig hier, niemand schreit, niemand drängt einen zur Eile. Ein Deutscher kommt herein, bestellt, was er braucht, und geht wieder. Damals arbeiteten vier Leute in der Schmiede: Efraim Bodnik und sein Bruder Leibish aus Nowy Dwor, Yitzhak-David und Jossel aus Stoczek. Sie nehmen mich nicht allzu freundlich auf. Sie wollen nicht, dass ich ihnen bei der Klempnerarbeit helfe, von der sie nicht viel verstehen. Wahrscheinlich haben sie Angst vor Konkurrenz.

Ich mache mich auf den Dächern an die Arbeit. Wie ich bereits erwähnte, gibt es kein Material, aber dennoch bin ich nicht bereit, die Arbeit aufzugeben. Ich habe keine Alternative: Ich ziehe Nägel aus einem Teil des Daches und hämmere sie in den anderen, um mit etwas beschäftigt zu sein. Dies verschafft mir ein paar Tage Luft. Inzwischen ergehen verschiedene Klempneraufträge an die Schmiede. Die Menschen dort haben vor allem mit dem Löten Probleme, und, ob freiwillig oder nicht, sie geben mir diese Aufträge. Der Bau in Treblinka boomt, jeden Tag gibt es neue Arbeit. Nach kurzer Zeit bekomme ich einen Platz zum Einrichten einer Klempnerwerkstatt zugewiesen. Auch ich werde ein "Hofjude", das ist ein großer Erfolg in Treblinka. Ich kann jetzt auch meine Helfer selbst aussuchen.

Inzwischen kommen dort draußen kontinuierlich Transporte aus Radomsko, Piotrkow, Opatow, sowie ein weiterer aus Tschenstochau an. Der enthält die letzten der Tschenstochauer Juden, die von der jüdischen Polizei, der sie vertraut haben und die sie verraten hat, aus ihren Verstecken geholt worden sind. Einige besaßen Spezialpapiere von Degenhart selbst, dem Chef der Tschenstochauer Gestapo. Mein Vermieter Miska hatte zum Beispiel eine Bescheinigung, die ihn und seine Familie von der "Umsiedlung" befreite. Darunter ist sogar Weinryb, der als Aufseher für die Gestapo und SS arbeitete, ebenso sind die meisten jüdischen Polizisten und ihre Familien dabei. Schließlich noch all die Menschen aus dem Versteck, in das meine Frau sich zu gehen geweigert hat.

Zylberberg, der zusammen mit 30 anderen Leuten aus dem Versteck kam, ist den Werkstätten zugewiesen worden. Ich bin neugierig zu erfahren, wie das so gut getarnte Versteck entdeckt worden ist. Er erzählt mir die Geschichte: "Wie du weißt, hatten wir eine Abmachung mit Shmuel Miska, einem Polizisten und hohen Tier bei der Gestapo. Er versprach, uns für 30.000 Zloty herauszuschaffen und uns nach Abschluss der Aktion einen legalen Status zu besorgen. Ein paar Tage später kommt er zurück, bricht die Wand auf, und ruft: "Kameraden, kommt heraus! Ihr seid gerettet!" Sobald wir herauskamen, wurden wir von deutscher und jüdischer Polizei umstellt und mit den anderen zu den Zügen gebracht."

Radziejewski war ein Freund Zylberbergs und wusste nur zu gut, wohin sie unterwegs waren. Er zerbrach das kleine Fenster im Waggon, warf als Erstes sein Kind hinaus und sprang dann selbst aus dem fahrenden Zug. Zylberberg erzählte mir auch, dass der Verräter Miska bemerkt hatte, dass ich nicht mit meiner Familie dort gewesen war. In dem Glauben, ich hielte mich noch immer versteckt, brach er in mein Haus ein und durchsuchte es gründlich.

Zylberberg wurde Vorarbeiter, aber er hielt nicht lange durch. Er erkrankte und wurde im Lazarett umgebracht.

Es ist Sonntag, der 10. Oktober. Die Arbeit in Treblinka geht weiterhin ihren gewohnten Gang. Wir können uns nicht einen Ruhetag leisten. Die Transporte treffen ohne Unterbrechung ein. Gegen Abend kommt ein weiterer Transport aus Radomsko. Ich bin in meiner Werkstatt und will nicht wissen, was da draußen los ist. Am Ende des Arbeitstages ertönt der Pfiff. Israel Einschindler kommt in den Betrieb gerannt, sichtlich geschockt und verängstigt. Auf mein "Was ist passiert?" antwortet er: "Zygmunt ist hier!" Ich kann es nicht glauben! Mein Bruder Zygmunt? Der Mann, von dem ich glaubte, er könne, komme, was da wolle, verschont bleiben? Derjenige, der in den Zügen wie ein freier Mann reisen konnte, der immer genug Geld und Verbindungen hatte? Ich habe nie damit gerechnet, dass er in Treblinka enden könnte. Ich bin darauf nicht vorbereitet. Ich laufe mit Israel hinüber. Auf dem Platz sehe ich ihn, meinen geliebten Bruder! Wie schrecklich er aussieht, sein Gesicht lang und dünn, die Augen rot von Tränen, völlig deprimiert und gebrochen. Wir fallen einander in die Arme und weinen und weinen....

Ich nehme ihn mit in meine Werkstatt, und er erzählt seine tragische Geschichte. Nachdem er den Brief erhalten hatte, den ich von Tschenstochau während der Zeit der Aktion geschickt hatte, begann er zusammen mit Mitgliedern der Familie seiner Frau und einigen Freunden mit dem Bau eines riesigen Verstecks. Es wurde jedoch verraten, noch bevor es fertiggestellt war. Sie hatten Angst, sich auf den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Gutstadt, zu verlassen. Daher gelang es ihnen mit großem Aufwand und unter hohen Kosten, Genehmigungen für Bahnfahrten für sich und für die Frauen und Kinder zu erhalten. Ihr Ziel war Bochnia, wo die Aktion vorbei war und wo sie gehofft hatten, einen legalen Status zu erwerben, dies wiederum für einen sehr hohen Preis. Während der Fahrt jedoch geschah etwas, das sie erschreckte, und sie stiegen in einer kleinen Stadt aus dem Zug. Sie hatten vor, am nächsten Tag in eine andere Richtung weiterzufahren. Doch während der Nacht wurde die Stadt umstellt, und alle Juden wurden nach Radomsko abtransportiert und dort geradewegs in die Waggons nach Treblinka gebracht. Zygmunts Frau und seine kleine Tochter, sein Schwager Daniel Eichner und dessen Familie gingen alle direkt in das "Bad". Zygmunt selbst, Hershel Kaczkewicz, Jakob Goncarski und Chaskiel blieben auf dem Platz zurück, um zu arbeiten. Zwei Tage später kamen auch Zygmunts Schwiegermutter und Schwiegervater, die im Versteck ausgeharrt hatten, in Treblinka an.

Kapitel 3

Der Tod im Lager und Hoffnung auf eine Flucht

Am nächsten Tag ging Zygmunt auf dem Platz arbeiten. Ich war in Panik, dass ihm etwas Schlimmes zustoßen könnte. Sie holten ständig Leute vom Platz für die Arbeit im "Totenlager". Das fürchtete ich am meisten, weil es den Tod bedeutete. Wir konnten keinen Kontakt mit Lager 2 aufnehmen, und die Arbeiter dort hielten nicht lange durch. Ich wollte, dass er bei mir in der Werkstatt arbeitet. Ab dem ersten Tag seiner Ankunft dachte er jedoch an nichts anderes als Flucht. Zu jener Zeit existierten mehrere Möglichkeiten. Menschen bildeten kleine Gruppen bei der Arbeit, und während sie die sortierten Kleidungsstücke aufhäuften, gruben sie Löcher inmitten der Berge von Kleidung. Am Abend versteckten sie sich dort. Ein guter Freund deckte sie zu, und mitten in der Nacht kam die Gruppe heraus, sprang über den Zaun und hinaus in die "Welt". Andere verließen das Lager während der Arbeit, wenn sie die Züge mit der Kleidung beluden.

Zum Beispiel entkam Einschindler auf folgende Weise: Wir standen nach Kaffee an. Es war am frühen Morgen und noch dunkel. Er glaubte fest daran herauszukommen. Er wolle sich an die Bretterwand stehlen, erzählte er mir, um zu sehen, ob es möglich sei, das Lager auf diesem Weg zu verlassen. Er ging hin und sah wohl eine Öffnung, zögerte nicht lange und verschwand.

Ein paar Tage später kam Chaskiel herüber, um sich zu beraten. Was sollte er tun? Er wollte mit Zygmunt gehen, und es eröffnete sich am nächsten Tag eine Gelegenheit dafür. Wir gaben ihm den Rat, nicht zu warten, wenn er entschlossen und es wirklich eine gute Chance sei. Er ging tatsächlich am nächsten Morgen.

Damals flohen etwa 30 - 40 Menschen täglich. Die meisten von ihnen kehrten jedoch nach Treblinka zurück, nachdem sie bei Aktionen in verschiedenen Städten und Gemeinden erneut aufgegriffen worden waren. Ich hatte eine Reihe von Freunden, die mit großen Geldsummen entkamen. Aber einmal draußen, wurden sie wieder der Angst ausgesetzt, zogen von Ort zu Ort und fanden keinen Schutz. Zwangsläufig wurden sie wieder nach Treblinka gebracht. Aber sie waren mit der Lagerorganisation vertraut und wussten, wie man sich unter die Arbeiter mischen und dem "Bad" entgehen konnte.

Zu dieser Zeit war das alles noch möglich. Treblinka steckte noch in den Kinderschuhen, und es herrschte noch nicht so viel Ordnung und Disziplin im Lager. Wenn einer der Lagerältesten merkte, dass einige "Gäste" fehlten, schmuggelte er selbst Neuankömmlinge aus den Transporten hinein, um die Lücken zu füllen. Alle Energie der Lagerleitung richtete sich auf die "Fabrik", damit diese reibungslos lief. Es gab nur wenig Interesse an den Arbeitern im Lager. Wie bereits erwähnt, wurden jeden Tag große Gruppen erschossen oder an Lager 2 überstellt, und an ihrer Stelle wurden Neuankömmlinge eingesetzt. Es gab keine Sorgen über einen Mangel an "Material". Daher waren wir Bedingungen ausgesetzt schlimmer als bei Schweinen, ohne Wasser, sich zu waschen, und oft keines zu trinken. Wir erhielten keinerlei medizinische Versorgung. Wenn jemand erkrankte oder sich eine Infektion zuzog, musste er es im Gegenteil sorgfältig verheimlichen.

Als die Fluchten überhandnahmen und den Deutschen auffiel, dass der Stacheldraht jeden Tag an einer anderen Stelle durchgeschnitten war, begannen sie allerdings, verschiedene Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Sie machten sich nicht wirklich große Sorgen um die wenigen ausgerissenen Juden. Sie besaßen keine genaue Kenntnis, wie viele Ausreißer es waren. Obendrein wussten sie, dass die meisten von ihnen früher oder später zurückkommen würden. Ihr Hauptanliegen war etwas anderes - dass das Geheimnis der "umgesiedelten" Juden in der Welt draußen nicht bekannt würde.

Wie allgemein bekannt ist, hatten die Deutschen Gerüchte gestreut, dass die "umgesiedelten" Juden in die Ukraine zur Landarbeit verschickt würden. Zu Beginn gab es sogar eine Tafel in Treblinka zu diesem Zweck. Sobald die "Maschinerie" gut arbeitete und die Transporte schnell liquidiert wurden, bestand keine weitere Notwendigkeit für diese Täuschung, und die Tafel verschwand. Wenn den verbliebenen Juden die Wahrheit dämmerte, könnten diese sich zerstreuen, versuchen, sich zu verstecken oder, noch schlimmer, versuchen, Widerstand zu organisieren - und so die Arbeit, die bis jetzt schon so glatt gegangen war, für die "armen" Deutschen viel schwieriger machen.

Zuerst probierten sie, uns mit freundlichen Worten und Versprechungen zu beeinflussen. Eine "wichtige Persönlichkeit" kam aus der zentralen Dienststelle in Lublin. Wir waren alle versammelt, und er hielt uns eine kleine Predigt: "Ein Judenstaat wird gerade errichtet, in dem die Juden die volle Autonomie besitzen. Wenn ihr eure Arbeit gut macht, euch anständig verhaltet und unser Vertrauen verdient, werdet ihr natürlich die besten Posten im zukünftigen Judenstaat bekommen. Ihr werdet die Führer und Ältesten sein."

Als diese freundlichen Worte nichts bewirkten, begannen die Deutschen zu drohen: Sie würden uns ausziehen und uns zwingen, völlig nackt zu arbeiten. Jeder Versuch zu fliehen würde Folter und Tod nach sich ziehen. Um uns zu überzeugen, dass dies keine leere Drohung sei, fingen sie am nächsten Tag zwei Jungen, die angeblich zu fliehen versucht hatten. In der Mitte des Platzes wurde ein Galgen errichtet, um den sich alle Lagerarbeiter versammeln mussten. Der Kommandant hielt eine kurze Ansprache, und die beiden Opfer wurden nackt an den Füßen aufgehängt. Eine halbe Stunde lang schlugen zwei Deutsche mit ihren Peitschen auf die noch lebenden, pendelnden Körper ein, bis schließlich einer von ihnen seinen Revolver zog und beide erschoss.

Die Lagerverwaltung führte langsam etwas Ordnung und Stabilität in das Lagerleben ein, als sie einsah, dass all dies nichts half. Irgendwie begriffen sie allmählich, dass diejenigen Gefangenen, denen man erlaubte, längere Zeit zu arbeiten, produktiver waren, denn sie verfügten über mehr Erfahrung als die Neuankömmlinge. Es war besser, sie am Leben zu erhalten, solange sie nützlich waren, anstatt sie ständig zu ersetzen.

Zwei Baracken im Hof nahe den Werkstätten wurden leer geräumt und mit Pritschen und elektrischem Licht ausgestattet. Die Arbeiter wurden in drei Blöcke (einer existierte bereits) eingeteilt. Auf diese Weise wurde die gesamte Belegschaft in einem Bereich konzentriert, und Treblinka hatte nun sein eigenes "Ghetto".

Nummerierungen wurden eingeführt. Jeder Schlafplatz bekam eine Nummer. Der Inhaber des Schlafplatzes trug die gleiche Nummer auf einem roten Dreieck. Jeder Block hatte eine andere Farbe. Das Nummernsystem wurde entwickelt, um zu verhindern, dass Männer aus neuen Transporten in die Reihen der Arbeiter geschmuggelt wurden. Jeder Gefangene war verantwortlich für seine beiden Nachbarn, d. h. seine Pritschennachbarn auf beiden Seiten, und so wurde jeder Gefangene gezwungen, die anderen zu beobachten. Das Nummernsystem war [den Deutschen] noch auf andere Weise nützlich: Wenn man ein "Verbrechen" begangen hatte, konnte man sicher sein, dass, abgesehen von einer Bestrafung an Ort und Stelle, die eigene Nummer beim Abendappell aufgerufen wurde, und man nicht von den "25" oder "50" verschont blieb.

Um neun Uhr abends wurden die Baracken von außen durch die Tageswache verschlossen, und ein Nachtwächter blieb drinnen. Neben dem Lagerältesten wurden auch drei Blockälteste ernannt. Jeder Block hatte auch einen deutschen Führer, der über die Zustände in seinem Block sehr gut informiert war. Wir mussten blockweise einrücken, wobei der Blockälteste seinem Führer Bericht erstattete, und der Führer wiederum dem ranghöchsten Scharführer.

Diesen Appell zelebrierte man zweimal täglich, morgens vor der Arbeit und abends, nachdem die Arbeit beendet war. Ein ziemlich großes Areal rund um die Baracke wurde durch einen hohen Stacheldrahtzaun mit einem Tor in der Mitte umgeben. Das Tor wurde verschlossen und bewacht, sobald die Kolonnen von der Arbeit zurückgekehrt waren. Jetzt war das Ghetto in Treblinka komplett.

Zahlreiche Lampen umgaben unsere Baracken mit Rotlicht und beleuchteten den gesamten Platz während der Nacht. Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme wurde die Befestigung um das Lager mit schweren eisernen Blöcken [spanische Reiter], die mit einem Netz von dünnem Stahldraht verwoben waren, verstärkt. Der Appell fand nicht an der Rampe statt, wie es früher üblich gewesen war, sondern auf dem Platz im Ghetto. Beim Morgenappell wurde jedem Kapo und Vorarbeiter seine Gruppe von Leuten, für die er während des Tages verantwortlich war, zugeordnet. Es dauerte einige Zeit, bis sich alle diese neuen Regeln und Vorschriften richtig eingespielt hatten. Inzwischen zögerte niemand mehr, und wer in der Lage war zu verschwinden, tat dies auf jede erdenkliche Weise.

Dennoch ergab sich für Zygmunt keine Gelegenheit. Die Situation wurde von Tag zu Tag schwieriger. Er und seine drei engsten Freunde, Sevek, Moniek Herszkowicz und Jakob Goncarski, wollten zusammen fliehen. Sie hatten alle möglichen Pläne geschmiedet, aber jedes Mal ging etwas schief. Ich persönlich hielt nichts vom "Abhauen". Ich sah nicht die geringste Möglichkeit, außerhalb zu überleben. Es ergab keinen Sinn, in das [Tschenstochauer] Ghetto zurückzukehren. Ich hatte dort niemanden mehr. Ich hatte keine christlichen Freunde auf der "arischen" Seite, auf deren Hilfe ich mich verlassen konnte. Zygmunt wollte, dass ich mitkomme, aber er konnte mich nicht überzeugen. Zur gleichen Zeit konnte ich ihm nicht raten, nicht zu gehen.

Die Tage und Wochen verstreichen. Während der Arbeit auf dem Lumpensortierungsplatz hortet Zygmunt eine große Menge Geld, Gold und Schmuck, die er mir gibt, um sie zu verstecken. Ich habe keinen Platz, um alles zu verstecken. Es ist lebensnotwendig, extrem vorsichtig zu sein. Der geringste Verdacht bedeutet nicht nur das Lazarett, sondern auch eine "großzügige Zuteilung" vorher. Ich verbiete ihm kategorisch, mehr zu bringen. Zu einem geeigneten Zeitpunkt vergrabe ich den Schatz in der Werkstatt, und dort mag er ruhen, bis der richtige Moment kommt. Zygmunt ist noch nicht bereit, seine Pläne aufzugeben, und deshalb will er nicht zu mir kommen und mit mir in der Werkstatt arbeiten. Er will nicht, dass ich im Falle einer Denunzierung die Verantwortung trage. Aus dem gleichen Grund offenbaren wir nicht allzu vielen Leuten, dass wir Brüder sind. Dann verschaffe ich Nachum Eljaszewicz, einem Klempner aus Tschenstochau, Arbeit in meinem Laden.

November und Dezember gingen vorüber. Es trafen noch immer Transporte ein, aber das Tempo hatte etwas nachgelassen. Sie stammten jetzt meist aus Orten im Osten wie Bialystok, Grodno und deren Umgebung. Der Anblick dieser nackten, bei Schnee und Frost zitternden Männer, Frauen und Kinder war unerträglich. Die Kleinen zitterten und weinten: "Mama, ich friere ..." Mehr als einmal war ich fast froh, dass meine Frau und Kinder dieses Schicksal hinter sich hatten und es nicht noch einmal erleiden mussten.

Einige Transporte kommen noch immer aus Warschau herein, und einige treffen sporadisch aus kleineren Orten wie Kossow, Wegrow und anderen Orten und Lagern ein. Sie werden immer weniger. Im Januar hören sie fast auf. Der große Sortierungsplatz wird leerer und leerer. Die Waren werden verpackt, verladen und abgeschickt. Es verbreiten sich Gerüchte über eine bevorstehende Selektion. Es ergeben sich keine weiteren Möglichkeiten zur individuellen Flucht. Eine letzte Gruppe versucht ihr Glück, kann aber nicht durchkommen und kehrt in die Baracke zurück.

Dieses Ereignis hätte vertuscht werden können, wenn da nicht der Blockälteste Kuba gewesen wäre, der schlimmste Stiefellecker und Denunziant, ein dummer junger Bursche, der alles tat, um in die Gunst der Deutschen zu gelangen. Hunderte von Juden gingen ins Lazarett wegen Kubas Kampagne gegen die "Spekulation" in Treblinka, aber das ist ein anderes Kapitel. Auch dieses Mal konnte er wieder der Versuchung nicht widerstehen, die Deutschen zu informieren, dies auf Kosten der Leben von acht Opfern.

Der Winter kam mit Frost und Schnee. Die Arbeit auf dem Platz wurde unerträglich. Schließlich willigte Zygmunt ein, in die Werkstatt zu kommen und mit mir zu arbeiten. Wir hatten vor, gemeinsam auf eine Gelegenheit zu warten um "abzureisen". Es gelang mir, ihn und Nachum in die Reihen der "Hofjuden" zu integrieren. Jetzt waren wir endlich wieder vereint, wir schliefen sogar nebeneinander.

Kapitel 4

Korruption

Das Leben in der Werkstatt war recht komfortabel. Wir litten keinen Hunger. Wir konnten es sogar einrichten, ein wenig für uns zu kochen. Am Anfang gab es ein reichhaltiges Angebot an Lebensmitteln wie Nudeln, Bohnen, Mehl und Fetten. Wir mussten nur aufpassen, nicht von einem Deutschen erwischt zu werden. Als später kein Proviant mit den Transporten hereingebracht wurde, stahlen wir Kartoffeln aus den Kellern und kochten sie. Auch wenn wir sehr vorsichtig waren, ließ es sich nicht vermeiden, gelegentlich erwischt zu werden und die "25" auf den Hintern zu bekommen. Trotzdem wollten wir das Kochen nicht drangeben. Es war unmöglich, allein mit dem Essen aus der Lagerküche zu überleben. Brot war nicht mehr im Überfluss vorhanden, sondern wurde auf ein Viertel Kilogramm pro Tag rationiert. Oft genug wurde auch das nicht ausgegeben. Die Leute fingen an zu hungern.

Auf dem Platz gab es kein Geld mehr, aber fast jeder hatte welches versteckt, und langsam entwickelte sich ein Handel: die "Spekulation" in Treblinka oder der Schwarzmarkt. Es hatte ihn schon früher in kleinerem Maßstab mit Luxusartikeln wie Schinken und Wodka gegeben. Nun wurde daraus ein Handel mit notwendigen Dingen. Die Kolonnen der Arbeiter, die nach draußen in die Wälder arbeiten gingen, schmuggelten Geld und Wertsachen. Die Bauern aus den umliegenden Dörfern waren begierig darauf, einen fetten Gewinn zu machen, und lieferten von allem das Beste. Die Preise waren unverschämt, und die Bauern in der Gegend wurden reich. Wie bereits erwähnt, war Geld kein Problem in Treblinka. Wenn es den Arbeitern nicht gelang, das Geld draußen auszugeben, zogen sie es vor, es wegzuwerfen, anstatt es zurückzubringen.

Die Wachen wussten, was da vor sich ging. Nicht nur, dass sie sich daran nicht störten, sie waren sogar mit von der Partie. Natürlich schöpften sie den Rahm für sich ab. Es fällt schwer, sich den Luxus vorzustellen, den die Deutschen und die Wachmänner von Treblinka genossen. Schließlich wurde es ihnen zu viel, dass all das Geld und Gold aus dem Lager geschmuggelt wurde. Außerdem wollten sie uns darauf beschränken, dass allein die Lagerküche für unsere Verpflegung zuständig sei. Dies würde bald zu unserer "Liquidation" führen und ihnen so die zusätzliche Arbeit ersparen. So war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, zu "spekulieren" und auch Brot oder andere Lebensmittel von den Transporten an sich zu nehmen. Bis jetzt hatte man diese Praxis fast als "koscher" angesehen.

Und die Deutschen sprachen keine leeren Drohungen aus, Schüsse fielen links und rechts. Der geringste Verdacht genügte, um Gefangene einzeln und in Gruppen wegzuschaffen. Es wurde ein großer Tag für die schlimmsten Elemente - die Denunzianten, der Verwaltungshelfer Chaskiel und der Blockälteste Kuba waren ganz vorne dabei. Nicht nur die Gefangenen, sondern auch die Kapos und einige Deutsche fürchteten Chaskiel, eine schmierige, üble Kreatur aus der Warschauer Unterwelt, ein dummer und eingebildeter Junge. Den ganzen Tag tobte er auf dem Platz und in den Werkstätten herum wie ein wildes Tier auf der Suche nach Beute. Dabei spähte er in jede Ecke. Er durchsuchte sogar Brotbeutel und Taschen. Wehe dem, den er mit etwas nicht "Koscherem" erwischte oder beim Kochen oder bei einem Nickerchen auf der Arbeit! (Wir haben ihn mehr als die Deutschen gefürchtet.) Nichts half - weder Tränen, noch die Intervention seiner eigenen "Kameraden". Die Sache war reif, der Lagerverwaltung vorgebracht zu werden. Wenn ein Späher, der in jedem Betrieb postiert wurde, Chaskiels Kommen signalisierte, wurde alles schnell und sorgfältig aufgeräumt und rasch die Arbeit aufgenommen. Chaskiel genoss das volle Vertrauen der Lagerverwaltung. Er verwaltete die Magazinschlüssel und fraß das Beste von allem weg. Er behauptete, die Deutschen hätten ihm sogar versprochen, ihn nach dem Krieg nach Berlin mitzunehmen. Das glaubte er wirklich und sprach bei jeder Gelegenheit ganz stolz darüber. Seine Unverfrorenheit war so groß, dass er es tatsächlich wagte, eigenmächtig Befehle zu erteilen.

Die frommen Juden hatten einen Minjan [Quorum für ein öffentliches Gebet] organisiert und hielten Gebete in den frühen Morgenstunden und am Abend in der Tischlerei ab. Chaskiel gönnte ihnen nicht einmal dieses Vergnügen und löste den Minjan auf. Erst nach einer Intervention bei der Lagerverwaltung wurde der Minjan wieder einberufen.

Der andere sehr aktive Denunziant war der Blockälteste Kuba, ein "Intellektueller" aus Lodz. Er lief ständig mit der Absicht herum, den Deutschen auf Kosten einzelner Gefangener sowie ganzer Gruppen zu gefallen und zu dienen. Er war nie zufrieden, genug getan zu haben. Dazu ein Beispiel: Als keine Transporte mehr eintrafen und die Sachen alle sortiert und abgeschickt worden waren, wurde den Gruppen der "Roten" und "Blauen" und anderen Arbeit innerhalb des Ghettos übertragen. Eine Gruppe von "Roten" wurde beauftragt, den Hof zu planieren. Als sie die ersten Schaufeln Erde aushoben, entdeckte man die in Treblinka übliche Abfallgrube. Unter dem Müll und Exkrementen lagen Stapel von Fotos und Dokumenten, Schätze aus Gold und Schmuck, sowie Leichen. Wir baten die Arbeiter: "Deckt es zu und behaltet es für euch, lasst uns versuchen, wenigstens diese Überreste des abgeschlachteten jüdischen Volkes zu bewahren." Kapo Jurek, ein weiterer "feiner" Mann, ließ sich schließlich erweichen, aber Kuba duldete es nicht. Er machte sich auf die Suche nach dem Oberscharführer, bis er ihn fand. Ein Kommando von Müllsortierern wurde aufgestellt. Jedes Foto und Dokument exhumierten und verbrannten sie sorgfältig. Geld, Gold und Wertsachen werden gereinigt und in Geldbomben beiseite getan. Die Leichen werden ausgegraben und im Lazarett verbrannt, so dass keine Spur bleibt, Gott bewahre, von der Vernichtung der Juden.

Kuba zeichnete sich auch im Kampf gegen die "Spekulation" aus. Es wurde nahezu unmöglich, Geld hinauszubringen und Essen herein. Die Arbeiter wurden beim Verlassen des Lagers und bei der Rückkehr gefilzt. Darüber hinaus erhielt jede Gruppe mit einem blauen Wachmann beim Verlassen nun auch einen deutschen dazu. Aber nicht einmal die Deutschen waren immun gegen hohe Bestechungsgelder. Egal wie hart und riskant es war, es wurde dennoch Geld hinausgeschmuggelt. Die Wachen erledigten den Einkauf, und der Deutsche übernahm die Verteilung, natürlich in einer Weise, dass er nicht zu kurz kam. Die Menschen versuchten auch, mit den Wachen im Inneren des Lagers ins Geschäft zu kommen. Sie gaben einem Wachmann, mit dem sie vertraut waren, einen Geldbetrag, und er hinterlegte dafür ein Paket an einem bestimmten Ort. Oft nahm der Wachmann das Geld, aber lieferte kein Paket. Viele gingen das Risiko ein, direkt von den Wachen zu kaufen. Für 30 US-Dollar oder 15 Goldrubel bekam man ein kg Brot, 100 Zigaretten oder einen halben Liter Wodka. Für 5.000 Zloty konnte man manchmal ein bisschen Butter kriegen.

Kuba, Chaskiel und ihre Agenten hatten alle unter Beobachtung. Sie durchsuchten ständig die Pritschen und die Brotbeutel und waren oft erfolgreich. Der Verräter Kuba organisierte auch eine besondere Wache rund um unseren Zaun, über den einige Wachen gewöhnlich Handel trieben und Pakete an ihre Juden übergaben. Trotz all dieser Schwierigkeiten hörte der Handel nicht auf.

Im Laufe der Zeit wurden drei Gesellschaftsschichten etabliert - ähnlich wie im richtigen Leben. Die Oberschicht, die "Aristokratie", setzte sich aus den Ältesten, den Kapos, den Magazinverwaltern und den Ärzten zusammen. Sie lebten im Luxus, ergingen sich in wilden Partys, betranken sich und versanken immer tiefer in Ausschweifungen. Es gab etwa 30 Frauen in Treblinka. Die meisten waren in der deutschen, ukrainischen und jüdischen Wäscherei tätig. Einige nähten Unterwäsche; eine war Zahnärztin, eine andere Ärztin und eine weitere Krankenschwester in der ukrainischen Krankenstation. Ein paar von den Frauen wurden mit verschiedenen Handarbeiten wie Stricken und Häkeln beschäftigt. Die Frauen arbeiteten nicht hart. Sie kleideten sich luxuriös und verhielten sich schändlich.

Fünf der Frauen waren mit ihren Ehemännern im Lager, und ihr Verhalten war tadellos. Der Rest, sowohl die jungen als auch die älteren, hatten ohne Ausnahme "Verehrer" aus den Reihen der Treblinka-Aristokratie. Diese reichen Verehrer versorgten sie mit dem Besten von allem. Die Frauen gingen auf die Feste, betranken und vergnügten sich bis zum Äußersten. Nicht nur, dass sie sich in einer verabscheuungswürdigen Weise verhielten, sie benutzten auch die unanständigste und obszönste Sprache. Die dort, unsere Treblinkafrauen, waren nicht einmal zimperlich mit den Deutschen oder Ukrainern! Sie erhielten keinerlei körperliche Bestrafung. Im Allgemeinen wurden sie mit Hausarbeit bestraft oder waren gezwungen, in ihrer Freizeit in ihren Baracken zu bleiben. Sie durften sich nicht mit ihren Liebhabern treffen oder wilde Partys besuchen. Tatsächlich, diese Strafen waren nur schwer zu ertragen!

In einigen hartnäckigen Fällen wurden einige Frauen ins Lager 2 geschickt. Während meiner Zeit in Treblinka gab es keine Fälle, wo eine der arbeitenden Frauen ins Lazarett geschickt worden wäre.

Die Mittelschicht in Treblinka bestand aus den Handwerkern in den Werkstätten, sowie einigen der genialen "Spekulanten". Die Betriebe hatten den Vorteil, einen Herd oder eine Küche zu haben, und das half eine Menge, das Leben leichter zu machen. Da die Handwerker alle Arten von Jobs für die Wachen erledigten, erhielten sie oft Brot, Fleisch, Zigaretten und gelegentlich sogar Whisky. Und so hatten wir in den Werkstätten selbst in den schlimmsten Zeiten nicht übermäßig zu leiden.

Allerdings konnte die Unterschicht, die gewöhnliche Masse der Lagerarbeiter, nicht mithalten. Jeder versuchte, das Beste daraus zu machen, aber Hunger und Elend wurden täglich schlimmer.

Kapitel 5

"Kultur"

Während es immer weniger Brot gab, gab es mehr und mehr Musik. Schon am Anfang hatte man im Lager ein kleines Orchester eingerichtet. Dort spielten einige professionelle Musiker wie die drei Sherman-Brüder aus Warschau, ein gewisser Schnitzer und andere. Allerdings hatten sie keinen großen Erfolg.

Bei Anbruch des Winters traf der bekannte Musiker und Komponist Arthur Gold mit einem Transport ein. Seine Warschauer Bewunderer empfahlen ihn, und so wurden er und einige andere Musiker ausgewählt. Die Deutschen bewunderten ihn sehr und gaben ihm die Aufgabe, ein Orchester zu bilden, auf das Treblinka stolz sein könnte. Gold widmete dieser Aufgabe seine ganze Energie. Die Deutschen halfen auf jede erdenkliche Weise. Es gab keinen Mangel an Instrumenten. Sie wurden auf dem Platz zurückgelassen, wenn ihre Besitzer ins "Bad" gingen. Nur ein paar Jazzinstrumente fehlten. Die Becken und Trommelstöcke brachte der Hauptscharführer aus seinem Urlaub mit. Das Schlagzeug wurde im Lager gebaut, und, was für ein Glück, so bekamen wir auch eine Jazz-Combo. Ein ausgezeichneter Schlagzeuger war mit dem gleichen Transport wie Gold angekommen.

Ein gemischter Chor von Männern und Frauen wird gegründet. Ein tschechischer Jude schreibt die Texte, und Gold komponiert die Musik. Er komponiert auch einige schöne Stücke für sein Orchester. Um das Bild zu vervollständigen, haben wir auch einen Solisten, einen Warschauer Künstler, mehrere Amateure und Jerzyk, einen Nachtklub-Tänzer.

Auf Lalkas Geheiß liefert die Schneiderei Kostüme für alle Orchestermitglieder: weiße Jacketts mit blauem Kragen und Revers. Gold erscheint im weißem Frack mit den gleichen Zutaten, maßgeschneiderten gestreiften Hosen, schwarzen Lackschuhen und einem weißen Hemd mit Fliege. Treblinka kann sich alles leisten. Es gibt sogar elegante Notenständer mit der Aufschrift "Goldorchester". Man kann im feinsten Urlaubsdomizil nichts Besseres erwarten.

Wie ich bereits erwähnte, war Lalka ein großer Anhänger des Boxsports. Er konnte daher nicht zulassen, dass Treblinka in diesem Bereich rückständig war. Ein hervorragender Boxring wurde gebaut, und Boxhandschuhe und Ausrüstung entsprechend den Notwendigkeiten des Sports geliefert.

Nach dem deutschen "Sieg" im Warschauer Ghetto Ende April trafen neue Transporte mit einigen guten Boxern und einem Trainer ein. Treblinka wurde vom Boxfieber ergriffen. In den freien Abendstunden sah man Gruppen von Leuten um zwei Narren mit geschwollener Nase und blauen Augen stehen.

Fast jeden zweiten Samstag fand eine Show statt: Konzerte, Boxen, Leichtathletik-Wettkämpfe. Der Ring wurde in der Mitte des Ghettoplatzes errichtet. In der ersten Reihe standen Armstühle für die Regenten, die Deutschen. Alle kamen, vom Obersturmführer bis zum Unterscharführer. Um mehr Spaß zu haben, versäumten die Deutschen nie, Bier, Schokolade und Limonade mitzubringen. Auf der einen Seite des Rings standen lange Bänke für die Frauen, Kapos und Vorarbeiter. Auf der anderen Seite drängelte sich das gemeine Volk. Jeder musste die Show besuchen. Niemand durfte in der Baracke oder den Werkstätten bleiben, erst recht nicht das Ghetto verlassen. Das Tor wurde verschlossen, und der Zaun wurde von Wachen umstellt. Die Deutschen bekamen ein hübsch arrangiertes Programm.

Die Show wurde in der Regel mit der Gold-Kapelle eröffnet. Sie spielte Arien aus berühmten Opern sowie Golds eigene Kompositionen. Salver, ein neu angekommener Vorsänger aus einer Warschauer Synagoge, sang Arien und Lieder. Danach wurden humorvolle Sketche dargeboten, natürlich auf Deutsch, mit etwas leichter Ironie über das "Erholungsheim" Treblinka. Dann präsentierte Jerzyk sein Cabaret-Repertoire. Der Chor nahm ebenfalls teil.

Schließlich folgten Boxen und Leichtathletik. Zunächst wurden die Kämpfe auf einem einigermaßen anständigen Niveau gehalten. Die Boxer waren Mitglieder aus Warschauer Sportvereinen. Lalka wollte jedoch andere Kämpfe. In späteren Shows wurden spezielle Paare ausgewählt, z. B. zwei Friseure, die bei den Deutschen arbeiteten - keiner von ihnen war jung und beide vollkommene Idioten. Natürlich hatten sie keine Vorstellung vom Boxen, und von den Deutschen bejubelt, zerschlugen sie sich gegenseitig, bis das Blut strömte wie Wasser. Lalka fiel fast aus seinem Sessel und krümmte sich vor Lachen. Den Deutschen und der ganzen Menge bereitete es genauso ein Vergnügen. Das Los der Latrinenputzer war nicht besser. Und so ging es weiter. Es gab für die Schaukämpfe keinen Mangel an Dummköpfen, und die Zuschauer hatten ihren Spaß, während auf der anderen Seite des Zauns, im Totenlager, das Feuer beständig brannte, um die kürzlich ausgegrabenen Leichen der ersten Opfer des Warschauer Ghettos zu verschlingen. Die Show endete mit einem erneuten Auftritt der Gold-Kapelle.

Gold feierte seinen 40. Geburtstag mit großem Pomp und Brimborium. In der Schneiderei waren die Tische beladen mit dem Allerbesten. Die Bäckerei in Treblinka lieferte Gebäck, das deutsche Magazin Getränke und Süßigkeiten. Gold arrangierte zu diesem Anlass ein spezielles Programm. Der Saal war wunderschön dekoriert, und das Orchester trat in Galakleidung auf. Besondere Einladungen wurden an alle Deutschen und die jüdische Lageraristokratie ausgegeben. Toasts wurden auf den deutschen Sieg ausgebracht. Gold erreichte den Höhepunkt mit seiner Rede, in der er die Deutschen für ihre Wohltaten lobte, und erklärte, dass ihre Behandlung der Juden verständlich sei und im Interesse des deutschen Volkes liege. Ich habe keine Ahnung, was die Deutschen bei dieser Rede gedacht haben. Ich weiß nur, dass Gold von diesem Moment an bei mir und den meisten von uns all seinen Charme und das Vertrauen, das er erworben hatte, verlor. Wir verloren auch unseren Respekt vor seinem künstlerischen Talent.

Gold verhielt sich sogar gegenüber seinen eigenen Musikern schäbig. Bis zu seiner Ankunft erhielten die Musiker, die bei den abendlichen Feiern und Banketten der Deutschen zu Ehren derer Gäste spielten, Essen, Getränke und Zigaretten. Diese wurden gerecht unter ihnen aufgeteilt. Aber Gold packte alles für sich ein, und seine Kollegen konnten kaum etwas von ihm bekommen. Dies hatte zur Folge, dass die Musiker wie alle anderen Hunger litten, während Gold im Reichtum schwamm.

Das Orchester spielte jeden Abend in gewöhnlicher Kleidung beim Appell. Der Chor sang die musikalische Begleitung. Jeder musste mitmachen und das eigens komponierte Lied "Treblinka" singen, und zwar während des Abendappells und beim Marschieren.

Bei der gleichen Zeremonie bekamen auch die Arbeiter ihre Peitschenhiebe, die sie sich während des Tages "verdient" hatten. Die geringste Strafe waren 25 oder 50 Peitschenhiebe. Eine besondere Strafbank und eine Peitsche wurden für diesen Zweck bereitgehalten. Das Opfer wurde auf dem Bock mit einem Riemen über den Schultern festgebunden. Seine Beine wurden nach unten gezogen und gefesselt, so dass sein Gesäß straff war und die Peitsche höchst wirksam. Zunächst wurde es den Opfern erlaubt, ihre Hosen anzubehalten. Als Lalka sich jedoch einmal einen jungen Mann vornahm, gefiel ihm der Klang der Peitschenhiebe nicht so ganz. Er befahl dem Jungen, seine Hose auszuziehen und ... da war ein Handtuch. Für dieses Verbrechen wurde das Opfer nackt ausgezogen. Es wurde bis zu einer unkenntlichen Masse von rotem Fleisch geschlagen und dann schließlich im Lazarett erschossen. Von nun an wurden die Peitschenhiebe auf den nackten Hintern "geliefert", und Lalka konnte sicher sein, dass man ihn nicht betrog. Normalerweise verabreichte Lalka persönlich die Schläge. Diese Arbeit war ihm eine ständige Quelle der Freude. Kiewe belegte den zweiten Platz. Wenn es allerdings so viel Arbeit gab, dass diese beiden armen Kerle es nicht allein schafften, so mussten sie zu ihrem tiefen Verdruss einiges davon mit den anderen Scharführern teilen, die nicht annähernd so tüchtige Handwerker waren.

Die Opfer reagierten auf die Peitschenhiebe unterschiedlich, die Mehrheit mit zusammengebissenen Zähnen. Andere schrien und schlugen, zerbrachen den Bock und mussten mit Eisenketten fixiert werden, um die Strafe zu ertragen. Das allerschrecklichste war das Schlagen der Jugendlichen. Es gab einige 12- bis 14-jährige Jungen, die mit ihren Vätern in Treblinka waren. Nach den ersten Peitschenhieben auf ihr nacktes Fleisch erschütterten ihre Schreie und ihr Weinen, ihre Rufe nach der Mama, den Himmel. Die härtesten unter uns weinten mit ihnen. Kiewe jedoch ließ das alles kalt. Im Gegenteil, je herzzerreißender die Schreie, desto mehr genoss er seinen Job.

Nach dem Begleichen der täglichen Rechnung werden der Bock und die Peitsche in den Lagerraum geschafft. Gold besteigt das Podium, und das Konzert beginnt mit etwas leichter Klassik wie "Cavalleria rusticana" oder etwas ähnlichem. Danach führt der Chor etwas auf, und dann singt die gesamte Menge "Treblinka", bis wir endlich den lange ersehnten Befehl hören: "Abtreten". Wir stoßen einen Seufzer der Erleichterung aus. Gold und seine Band treten zur Seite und spielen einen lebhaften Marsch. Auf dem Weg hinunter in die Küche zum Abendessen marschieren wir Block um Block zur Parade an den Mächtigen vorüber. Man muss sehr darauf achten, Schritt zu halten, sonst bekommt man von Kiewe immer noch ein paar Peitschenhiebe über den Kopf.

Nach dem Abendessen wird wieder Musik geboten - diesmal in der Schneiderei, die den größten und schönsten Saal im Ghetto hat. Draußen färbt sich der Himmel rund um das Lager rot von den höllischen Flammen des riesigen, neu gebauten Ofens. Der Wind trägt den üblen Geruch von verbranntem und verwesendem menschlichen Fleisch und Knochen herüber. Es ist unmöglich, draußen Luft zu holen.

In der Schneiderei trifft sich unsere Aristokratie mit ihren Freundinnen. Einige gelangweilte Deutsche und Wachmänner schauen auch vorbei. Unsere Damen und Gentlemen tanzen zur gut einstudierten schönen Musik der Gold-Kapelle, unterhalten und betrinken sich ... Nacht für Nacht. Später spielt das Orchester bei schönem Wetter außerhalb in der Nähe des geschlossenen Tors. Auf der anderen Seite des Tores präsentieren Gruppen von Ukrainern ihre Volkstänze. Das ist das tägliche Bild in Treblinka.

Wie bereits erwähnt, fehlte es uns nur an Brot. Wir hatten dafür mehr als genug Musik, Peitschenhiebe und Todesfälle.

Kapitel 6

Ärzte und die Krankenstation

Die ersten Warschauer Transporte brachten zwei Ärzte ins Lager: Dr. Chorazycki, der bekannte Kehlkopfspezialist, und eine Ärztin namens Irka. Die beiden Ärzte nahmen ihre Tätigkeit auf, aber sie durften keine Juden behandeln. Dr. Chorazycki betreute die Deutschen, und Dr. Irka behandelte die ukrainischen Wachmänner. Juden durften nicht krank sein. In dem Moment, wo einem Deutschen (vor allem dem "Krummen Kopf") auffiel, dass jemand nicht ganz auf der Höhe war, nahm er ihn sofort mit ins Lazarett, wo der Patient umgehend "geheilt" wurde.

Im Lager 1 arbeiteten mehr als 1.000 Menschen, und etwa 300 im Lager 2. Eine große Anzahl Menschen litt an Hautinfektionen, die oft einer operativen Behandlung bedurften. Natürlich war dies streng geheim zu halten. An den Abenden kamen die beiden Ärzte mit Medikamenten und halfen den Kranken. Wenn eine Operation durchgeführt werden musste, wurden Dr. Irka und der Patient von einer Gruppe von Leuten, die laut sangen, umgeben, um so die Schreie des Patienten zu übertönen.

Nach vielen Bitten an die Lagerverwaltung erhielt der Lagerälteste, Ingenieur Galewski, eine Erlaubnis, jeden Morgen 15 Freischeine an kranke Arbeiter zu verteilen. Dr. Chorazycki konnte dann diese Menschen ganz offiziell behandeln.

Im Laufe der Zeit stabilisierte sich die Lage etwas, und zwei neu angekommene Ärzte wurden den jüdischen Arbeitern zugeteilt: Dr. F. Bach [oder Bak] aus Warschau und Dr. Reizman aus Tomaszow. Letzterer kam mit dem Transport aus Rawa. Ein kleiner Raum wurde in der ersten Baracke als Notbehelfskrankenrevier eingerichtet. Dort wurden die Patienten am Abend untersucht.

Mit Einbruch des Winters brach Typhus aus. Bald verbreitete er sich in erschreckender Weise und forderte viele Opfer. Es gab keine Mittel, um ihn zu bekämpfen: In erster Linie konnten wir nicht zulassen, dass die Deutschen von der Epidemie erfuhren, und in zweiter Linie gab es keine Möglichkeit, die Kranken zu isolieren. Nach großen Anstrengungen erhielten die Ärzte schließlich die Vollmacht, die schwerkranken Patienten von der Arbeit freizustellen. Die Anzahl wurde jedoch auf ein Maximum von 20 pro Tag begrenzt. Die Ärzte mussten die Zahl der Patienten im Krankenzimmer bei jedem Morgenappell melden. Wenn die Zahl die Obergrenze überstieg, drangen Lalka oder Kiewe, aber meistens der "Krumme Kopf", in die Baracke ein und "säuberten" die Pritschen. Nur ein paar Günstlinge verschonten sie.

Die Ärzte befanden sich in einer sehr prekären Situation - zwischen Hammer und Amboss: auf der einen Seite war die Angst, die Vorgabe zu verletzen, und auf der anderen die große Zahl schwerkranker Menschen mit Fieber von 40° C und mehr. Das Krankenzimmer füllte sich jetzt mit der Lageraristokratie: Ingenieur Galewski, Kapo Rakowski, Oberkapo Bloch und die Denunzianten Kuba und Chaskiel. Die Deutschen machten sich speziell um diese letzten beiden Sorgen und verpflegten sie mit Essen aus der Küche mit Äpfeln, Orangen, und so weiter. Darüber hinaus hatte die Lagerverwaltung Angst, dass die Ärzte ihre geliebten Patienten ein wenig vor deren Zeit ins Jenseits befördern würden (wovon wir die Ärzte zu überzeugen versuchten), und so wurde ein täglicher Bericht über ihren Gesundheitszustand verlangt.

Die wenigen verbliebenen Plätze im Krankenzimmer wurden mit den kränksten Patienten belegt, die erst nach dem sechsten oder siebten Tag mit hohem Fieber eingelassen wurden, wenn sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten. Sie wurden wieder weggeschickt, sobald das Fieber zu sinken begann. Die Ärzte durften niemanden eines natürlichen Todes sterben lassen. Die Hevra Kadisha, "die Roten", kamen gewöhnlich wegen der hoffnungslosen Fälle und brachten sie zum Lazarett, wo sie von einem Deutschen erschossen und dem Feuer übergeben wurden, um zu "braten". Nur die Aristokratie blieb davon verschont. Wenn einer von ihnen starb, wurde ein Begräbnis nach jüdischer Tradition angeordnet, mit Kaddisch und El Molai Rachamim [Gebete für die Toten], die Kapo Meyer vortrug.

Trotz aller Bemühungen gelang es den Ärzten nicht, die Quote zu halten. Eine große Zahl von Menschen, sowohl einzelne als auch Gruppen, wurden täglich von den Hevra Kadisha zum Lazarett geschafft. Vor Angst waren die Kranken nicht mehr bereit, auf die Krankenstation zu gehen. Sie schleppten sich mit Fieber von 40° und mehr auf die Arbeit. Eine große Zahl überlebte die Krankheit, ohne jemals das Krankenzimmer gesehen zu haben. Die Ärzte versuchten, die Kapos in dem Sinne zu beeinflussen, dass sie die Kranken ein wenig schonten, sie nicht schlugen, und wenn möglich, ihnen eine leichtere Arbeit gaben. Auf dem Platz musste man natürlich ständig in Bewegung sein, und es war unmöglich sich zu setzen. Daher wurde die Latrine zum rettenden Hafen für die Kranken, und sie saßen dort stundenlang. Die Kapos schauten weg. Allerdings wurde es Kiewe zu viel. Er ernannte einen "Latrinenwächter". Diese Wache wurde wie ein Vorsänger aus einer Synagoge gekleidet und trug einen achteckigen Hut. Auf Lalkas Befehl musste er sich einen kleinen Kinnbart wachsen lassen. Auf seiner Brust trug er einen großen Wecker und in seiner Hand eine Peitsche. Er musste dafür sorgen, dass nicht mehr als fünf Personen gleichzeitig die Latrine besetzten. Es wurden nicht mehr als zwei Minuten zugestanden, um sich zu erleichtern. Der "Latrinenwächter" wurde ermächtigt, seine Peitsche nach Herzenslust zu verwenden, und in Fällen schweren Ungehorsams die Nummer des Täters Kiewe zu melden. So wurde das Latrinen-Sanatorium in Treblinka dichtgemacht.

Einer der ersten, die zu Beginn des Winters erkrankten, war unser Freund aus Radomsko, Hershl Kaczkewicz. Er litt lange an der schweren Krankheit. Allerdings genoss er die besondere Aufmerksamkeit von Dr. Reizman, den er von zu Hause kannte und der ihn im Krankenzimmer lange Zeit schützte. Zygmunt und ich versuchten unser Bestes, um ihm alles Notwendige zukommen zu lassen. Wir kochten extra für ihn und kümmerten uns um ihn. Er erholte sich endlich wieder soweit, um an die Arbeit zurückzukehren, aber er war sehr schwach. Dr. Reizman intervenierte bei Kapo Rakowski, der ihm eine sitzende Tätigkeit in der Baracke verschaffte, bei der er Pelze auftrennte. Einige Tage vergingen. Die Abende verbrachte er in der Regel mit uns in unserer Werkstatt. Wir sorgten weiterhin nach besten Kräften für ihn, auf dass er so schnell wie möglich wieder zu Kräften komme.

Eines Abends, wohl im Januar, kommt Hershl nicht zum Abendessen. Wir gehen los, um ihn zu suchen und finden heraus, dass Hershl nie wieder zu uns zum Abendessen kommen wird … Der "Krumme Kopf" hat ihn und eine Gruppe anderer mit ins Lazarett genommen.

Unser Arbeitskollege Nachum Eljaszewicz machte auch einen schweren Fall von Typhus durch. Er entging den scharfen Krallen des "Krummen Kopfes" nur dank der Tatsache, dass er zu jener Zeit der Werkstatt angehörte.

Ende März bekam auch ich hohes Fieber. Wir begriffen, dass ich auch mit von der "Partie" war. Mein Bruder war schrecklich besorgt um mich. Ich zitterte vor Angst, und war sicher, ich würde ihn mit mir ins Verderben reißen. Wir schliefen beieinander. Doch irgendwie blieb er verschont. Ich hielt sechs Tage durch, aber am siebten Tag musste ich ins Krankenzimmer gehen. Meine Beine versagten mir den Dienst. Ich konnte mich als Handwerker und "Hofjude" ein bisschen sicherer im Krankenzimmer fühlen. In ein paar Wochen erholte ich mich so weit, um in meine Werkstatt zurückzukehren, obwohl ich immer noch kaum in der Lage war, mich auf den Beinen zu halten.

Anfang April kam es zu einem Vorfall zwischen Dr. Chorazycki und Lalka, als der Arzt in seinem Zimmer beschäftigt war. Lalka fand angeblich etwas Geld bei ihm … Was dort wirklich passierte, bleibt ein Geheimnis. Chorazycki rannte nach draußen, nahm ein Gift, das er am Körper mitgeführt hatte, und brach auf der Stelle tot zusammen. Ich sah, wie er, bereits tot, an den Füßen durch das ganze Lager geschleift wurde, mit dem Kopf im Schmutz. Man beließ ihn bis zum Abend auf dem Platz. Er lag besudelt und dreckig da wie ein Haufen Dreck. Beim Abendappell teilte Lalka allen mit, dass er bei dem Arzt Geld gefunden und dass Chorazycki vermutlich Vorbereitungen zur Flucht getroffen habe. Dies war sicherlich eine plumpe Lüge. Chorazycki war bereits ein älterer Mann und einer der anständigen Menschen in Treblinka. Er kleidete sich sehr bescheiden, vermied Gesellschaft und verkehrte auch gewöhnlich nicht mit den anderen Ärzten. Er verbrachte seine Abende gewöhnlich allein auf seiner Pritsche. Er beriet die Kranken leise und praktisch, und wenn nötig, verschrieb er einige Medikamente.

Seinen Platz in der Krankenstation nahm Dr. Rybak ein, der das genaue Gegenteil von Chorazycki war. Elegant gekleidet, immer gut gelaunt, arbeitete er schnell und mit Begeisterung. Er nahm an allen Empfängen und Unterhaltungen teil und schaffte es sogar, ein Techtelmechtel mit einer jungen Zahnärztin aus Bialystok anzufangen. Nach dem Vorbild von Kapo Jurek und des Denunzianten Chaskiel ging er so weit, eine Hochzeit mit großer Zeremonie, Tanz und Musik zu feiern - natürlich mit Unterstützung und Zustimmung der Deutschen. Die gesamte deutsche SS und die jüdische Prominenz nahmen daran teil. Eine Chuppa [Hochzeitsbaldachin] wurde aufgebaut, und Kapo Meyer führte durch die Trauung und sang Festlieder. Gold und sein Orchester gaben sich die Ehre.

Kapitel 7

Die Verschönerung des Lagers

Wie bereits erwähnt, sank die Zahl der Transporte zu Beginn des Jahres 1943. Ein paar bulgarische Transporte trafen ein. Die leeren Baracken und Magazine füllten sich erneut mit Kleidung, Lebensmitteln und Zigaretten, die die Bulgaren in großen Mengen mitbrachten. Es wurde jedoch alles sortiert und schnell abtransportiert.

Die Anzahl der Lagerarbeiter wurde auf etwa 750 reduziert. Die Arbeit war erledigt, und für die übrigen Häftlinge mussten neue Arbeiten gefunden werden. Die Lagerverwaltung und insbesondere Lalka kamen auf die Idee, Treblinka herauszuputzen und in ein Schmuckstück zu verwandeln, auf das man stolz sein konnte. Neue Straßen und Alleen wurden mit Steinen gepflastert und erhielten verschiedene Namen, z. B. Kurt-Seidl-Strasse, benannt nach dem Chef der "Straßenbau"-Brigade, und Siedlerstrasse, die in Richtung Lager 2 führte. Neue Wohnblöcke und Baracken wurden für die Ukrainer gebaut. Über dem Eingang zum schön angelegten Innenhof hing ein großes Schild, "Max-Biala-Kaserne" - eine Hommage an den SS-Mann, der von dem Warschauer Juden Isaak Berliner getötet worden war.

Dies war im September 1942 während eines Abendappells geschehen. Alle Arbeitsjuden sowie die Ukrainer und Deutschen waren auf dem Platz versammelt. Plötzlich trat Isaak Berliner, ein Mann von etwa 50 Jahren, der bei den "Goldjuden" arbeitete, aus der Reihe, näherte sich schnell einem der SS-Männer und stieß ihm ein Messer in den Rücken. Der Deutsche brach auf der Stelle tot zusammen. Alle Deutschen rannten vom Platz und dachten, es sei eine organisierte Revolte ausgebrochen. Als Erster kehrte Lalka mit einer Handgranate zurück. Allerdings blieben die Juden auf dem Platz völlig ruhig. Berliner wurde dann einfach mit Mistgabeln in Stücke gerissen, und von da an wurden die ukrainischen Baracken nach dem getöteten SS-Mann benannt.

Die Deutschen richteten sich ihre Wohnräume recht komfortabel ein und hatten sogar spezielle Gästezimmer. Ein großes Badehaus mit einem Wasserturm wurde gebaut. Die schwarze SS-Fahne wehte von dem hohen Turm. Geräumige, moderne Ställe für Pferde und Kühe wurden gebaut, ebenso ein Schweinestall. Es gab einen großen Garten mit einem Teich und einen Auslauf für die Geflügelzucht. Ein Park mit einem Zoo und einem wunderschönen Gehege für die Tiere und Vögel wurde angelegt. Ein Gemüsegarten wurde um das ganze Lager herum in dem Streifen zwischen Zaun und Stacheldraht gepflanzt. Die Arbeit führte eine Gruppe von Gärtnern unter Sudowicz aus, einem jüdischen Agronom aus Tschenstochau, und unter einem deutschen Aufseher. Zwei neue Brunnen wurden ebenfalls gegraben: einer im ukrainischen Innenhof und einer im jüdischen Ghetto. Dies war keine leichte Aufgabe in Treblinka, denn das Gelände war hügelig und sandig. Chaim Mika, ein Bauunternehmer aus Nowy Dwor, überwachte diese Arbeiten. Er errichtete auch Kellerräume zur Lagerung von Eis und Kartoffeln und führte das Kommando, das für die Lagerung von Kartoffeln verantwortlich war. Treblinka, das einst von einem alten Kiefernwald bedeckt wurde, verwandelte sich in einen anderen Ort. Alle Straßen und Plätze wurden planiert und gepflastert. Die Rampe, wo gewöhnlich die Transporte ankamen, wurde mit besonderer Sorgfalt renoviert. Ihre gesamte Länge wurde so eben wie eine Tischplatte planiert und mit Stacheldraht umgeben. Diese Arbeit wurde von Berl Kot aus Tschenstochau ausgeführt, einem ausgezeichneten Mechaniker und Schweißer.

Berl Kot baute auch einen speziellen Eisenschrank auf Befehl des Unterscharführers Schmidt, des Leiters der Schlosserei und Cheferbauers der Fabrik in Treblinka. Innen gab es einige Metallgitter wie bei einem Bratrost. Auf einem speziellen Brett befanden sich eine kleine Flasche Benzin und einige Streichhölzer, und darunter eine große Glasflasche mit mehreren Litern Benzin. Darüber hing ein Gewicht an einem Seil, das außerhalb des Schrankes arretiert wurde. Dieser Schrank wurde im Verwaltungsbüro aufgestellt. Die geheimen Dokumente von Treblinka wurden auf den übrigen Regalböden im Schrank aufbewahrt. Ein Rohr führte aus dem Schrank durch das Dach wie aus einem Ofen. All dies diente folgendem Zweck: Bei einem plötzlichen, unerwarteten Angriff konnten all diese belastenden Dokumente sofort und vollständig verbrannt werden. In einem solchen Fall würde der Inhalt der kleinen Flasche verschüttet und entzündet werden. Die Türen des Schrankes würden dicht geschlossen und das Seil gelöst, wodurch das Gewicht herunterfallen und die große Flasche zerbrechen würde. Das Benzin würde dann Feuer fangen und die Dokumente verbrennen.

Der gesamte Ankunftsplatz wird für einen speziellen Zweck hergerichtet. So hängt zum Beispiel eine große Tafel am Eingang, auf der "Station Obermajdan" und nicht Treblinka steht. Ein großer Pfeil weist auf das Tor des Umschlagplatzes und zeigt "Verbindungen nach Bialystok und Wolkowysk" an. Die Türen und Fenster der Baracken, die parallel zur Rampe stehen und als Magazine für die Kleidung und die anderen Güter aus den Transporten dienen, werden mit Schildern "Warteraum erster Klasse, zweiter Klasse und dritter Klasse" verziert. Über einem der größeren Fenster befindet sich eine Tafel mit der Aufschrift "Fahrscheine". An einer Wand gibt es eine große Streckenkarte der "Station Obermajdan". An anderen Fenstern erscheinen Wegweiser wie "Auskunft" und "Stationsvorsteher". An den Wänden zeigen große Pfeile "Zu den Toiletten" und "Zum Parkhaus". Eine falsche Tür ist an die Wand gehämmert, und an die Tür ein Schild "Stationsvorsteher". An auffälliger Stelle wird eine falsche Uhr mit einem Durchmesser von 70 Zentimetern aufgehängt. All diese Dekoration dient begreiflicherweise dazu, die Neuankömmlinge zu verwirren und ihnen den momentanen Eindruck zu verschaffen, dass sie lediglich an einem Durchgangsbahnhof eingetroffen seien.

Lalka reicht dies alles noch nicht. Er ist ständig auf der Suche nach Holzschnitzern unter den Neuankömmlingen. Im Januar findet er schließlich zwei in einem Transport aus Warschau. Einer von ihnen ist ein sehr talentierter Handwerker. Seine erste Aufgabe besteht darin, illustrierte Hinweisschilder zu kreieren, die auf den Straßen von Treblinka aufgestellt werden. Auf der Straße zur Rampe steht ein Schild "Zum Bahnhof" mit einem geschnitzten Bildnis von Juden, die bärtig und mit Brille ihre Habseligkeiten zum Bahnhof schleppen. Auf dem Weg zu den Ställen gibt es ein Schild mit Kühen, Hühnern und einem Hirten, das "Zum Vieh" lautet. Der Wegweiser "Zur Kaserne" zeigt marschierende Soldaten. Auf dem Weg zu unserem Quartier ist der Wegweiser "Zum Ghetto" mit einem Bild von Juden geschmückt, die Werkzeuge wie Schaufeln, Hämmer und Spitzhacken tragen. Alle Betriebe auf der Hauptstraße, der Kurt-Seidl-Strasse, bekommen fein gearbeitete Embleme im mittelalterlichen Stil. Zum Beispiel baumelt ein großes Hörnchen vor der Bäckerei, die vor kurzem gebaut und mit Sorgfalt und Luxus ausgestattet worden ist. Es ist aus Holz gefertigt und so bearbeitet, dass es den Eindruck eines echten Hörnchens vermittelt. Vor dem deutschen Friseurladen befinden sich drei wunderschön polierte Kupferplatten, beim Zahnarzt eine große Skulptur eines Backenzahns, und so weiter. Am Eingang zum Geflügelgehege steht ein wunderschön geschnitzter, hölzerner Hahn. Momentan arbeitet unser Bildhauer an einem steinernen Frosch, der in der Mitte eines Teiches im Zoo aufgestellt werden soll, und aus dem Froschmund soll eine Fontäne sprühen.

Der Frosch wurde fertiggestellt und war ein schönes Meisterwerk, aber während sie die Grenzsteine, die den Teich umgeben sollten, meißelten, brach der Aufstand aus. Treblinka ging in Rauch auf, und alle schönen Pläne und Träume des armen Lalka wurden zunichte gemacht.

Trotz der Tatsache, dass wir über 50 Männer zur Arbeit in verschiedenen Berufen in Lager 1 hatten, wurde der Schreinermeister Wiernik, ein Meister seines Fachs, täglich aus Lager 2 mit seinen beiden Helfern hereingebracht. Sie begannen mit dem Bau der Wache und des Haupttores. Die Arbeit wurde abgeschlossen und war eine Sehenswürdigkeit. Die Wache und das Tor mit seinen beiden kleinen Eingängen waren wirklich großartig. Alles wurde im mittelalterlichen Stil erbaut, und auch die Innenräume wurden in diesem Stil eingerichtet. In der Klempnerwerkstatt hämmerten wir besondere Laternen aus dickem Blech, die an schweren Eisenketten über dem Tor und über dem Eingang zur Wache hingen. Auf dem Tor befand sich eine schöne, eiserne Dekoration, die unseren Schmiedemeister Herszel Jablkowski aus Stoczek viele Stunden Mühe und Arbeit gekostet hatte.

So, wie die Deutschen zuvor ihren gesamten Elan dem Bau der "Fabrik" gewidmet hatten, taten sie dies nun bei der Verschönerungsarbeit. Der Hauptscharführer selbst besuchte uns in der Werkstatt, gab Anweisungen und überwachte den Verlauf der Arbeiten. Die Deutschen mussten, Gott bewahre, keinen der notwendigen Baustoffe kaufen. Alles wurde aus geräumten jüdischen Geschäften und Häusern aus der nahe gelegenen Stadt Kossow errichtet. Unnötig zu erwähnen, dass die ganze Arbeit ausschließlich von jüdischen Händen geleistet wurde.

Kapitel 8

Die Morde und die Beseitigung der Leichen

Während wir in Lager 1 mit dem Bau und der Verschönerung beschäftigt waren, setzte man das Exhumieren und Verbrennen der Leichen der ersten Opfer des Warschauer Ghettos in Lager 2 intensiv fort. Es gab ein paar extrem große Massengräber, die jeweils mit Zehntausenden von ermordeten Menschen gefüllt waren. Die Schichten von Leichen wurden mit Chlorkalk bedeckt. Zu Beginn trafen gewöhnlich Waggonladungen von Chlorkalk ein. Die Leichen wurden nun ausgegraben und verbrannt, um alle Spuren zu beseitigen. Dies war keine leichte Aufgabe. Seit vielen Monaten ratterten drei Bagger von vier Uhr morgens bis Einbruch der Dunkelheit. Die Arbeit im Zweischichtbetrieb ging sehr energisch voran. Die Bagger gruben ständig Erde aus, die mit Körperteilen vermischt war. Die Körperteile mussten sorgfältig herausgenommen und auf hölzernen Tragen zu den großen Öfen gebracht werden, wo sie verbrannt wurden. Sobald eines der Massengräber geleert war, wurde die Erde ausgetauscht und sorgfältig eingeebnet, um ihr ein Aussehen zu geben, als ob dort niemals irgendetwas geschehen sei. Die Deutschen feierten, indem sie Whisky tranken und einen Toast ausbrachten - "Bis zum letzten Juden" - und feuerten am Ende drei Salutschüsse ab.

Die Gräber konnten nie vollständig entleert werden, da sich auf dem Boden mit Blut vermischtes Wasser angesammelt hatte. Motorisierte Pumpen wurden eingesetzt, um es heraus zu pumpen. Allerdings konnten sie es nie schaffen, die unteren paar Meter trocken zu legen, und so wurden die Gräber einfach mit Erde überdeckt.

Drüben in Lager 2 gab es außerdem das Bad ... Es war ein großes, gemauertes Gebäude, das auf einem Fundament aus Beton stand. Auf dem Dach stand von weitem sichtbar ein hölzerner Davidstern. In der Mitte des Gebäudes verlief ein Korridor. Der Eingang wurde mit einem roten Vorhang verhängt. Im Korridor befanden sich Türen, die zu kleinen Kammern führten, in die man die aus den Transporten Angekommenen führte. Draußen auf der Plattform befanden sich große Öffnungen, die mit oben scharnierten Klappen abgedeckt und mit Stahlbändern befestigt waren. Innerhalb der Kabinen bedeckten glatte Fliesen die leicht abgeschrägten Böden und bis auf halbe Höhe die Wände. An der Decke wurden ein paar Duschköpfe montiert. Es gab auch ein kleines Fenster in der Mitte der Decke.

Wie bereits erwähnt lassen die Leute all ihre Habseligkeiten im Lager 1 zurück. Jeder wird dort entkleidet. Die Frauen, die bereits nackt sind, müssen auf einer langen Bank Platz nehmen, wo ihnen die Haare abgeschnitten werden. Dies wird durch etwa 40 Friseure bewerkstelligt. Anschließend wird das Haar mit Dampf gereinigt. Dabei wird ein Dampfkessel verwendet, den man speziell für diesen Zweck hergebracht hat. Das Haar wird dann in Ballen verpackt und zusammen mit der Kleidung und anderen Gütern verschickt.

Die Opfer kommen in Lager 2 bereits nackt und kahl an und werden sofort in die Kammern gequetscht. Es gibt keine Trennung mehr: Männer, Frauen und Kinder werden alle in den kleinen Kammern so eng zusammengepresst, dass dies allein ausreichen würde, um sie zu ersticken. Die Türen werden luftdicht geschlossen, und die Motoren beginnen zu arbeiten. Die innere Luft wird abgesaugt und die Abgase von verbranntem Benzin hineingeleitet. Die Schreie aus dem Inneren sind etwa 10 Minuten zu hören, dann wird es still. Der gesamte Prozess von der Ankunft im Lager bis zu den Öfen dauert nur etwa eine halbe Stunde. Bei den meisten Opfern in den Kammern setzen Blutungen ein.

Ein Deutscher kontrolliert den Fortschritt der "Arbeit" durch die kleinen Fenster in der Decke. Sobald er sicher ist, dass alle Menschen im Inneren tot sind, öffnet er die Seitenklappen, und die Leichen fallen auf die Betonplattform. Ein älterer Jude aus Tschenstochau, der als der "Zahnarzt" bekannt ist, überprüft die Leichen auf Gold- oder Metallzähne, die er herauszieht. Die Leichname werden dann auf Tragbahren gestapelt und zu den Öfen gebracht, wo sie ins Feuer geworfen und verbrannt werden. Das Blut, das sich in den Kammern angesammelt hat, strömt in speziell angelegte Gräben.

Das "Bad" bestand aus 10 Kammern: vier große und sechs kleinere.

Wie ich bereits erwähnte, war es uns im Lager 1 streng verboten, Lager 2 zu betreten. Wenn jemand zufällig ins Lager 2 hinüberkam, musste er dort bleiben. Es gab keine Rückkehr ins Lager 1. Ich erhielt meine Informationen über die Regelungen und Abläufe in Lager 2 hauptsächlich von Herszel Jablkowski, einem soliden und anständigen Mann, mit dem ich viele Monate in der Werkstatt zusammenarbeitete: er als Schmied und ich als Klempner. Er kam am 18. Juni 1942 in Treblinka an, also eine geraume Zeit vor den ersten Transporten. Seinen Angaben nach kam der erste Transport am Tisha B'Av 1942 (23. Juli) [jüdischer Fasten- und Trauertag]. Jablkowski war dabei, als das erste Massengrab ausgehoben wurde. Zu dieser Zeit gab es keinen Bagger. Später wurde er als Schmied für den Bau des "Bades" eingesetzt. Es gab zu dieser Zeit nur ein Lager. Am Tag bevor der erste Transport ankam, wurden Lager 1 und Lager 2 geteilt. Als gelernter Kaufmann wurde Jablkowski ins Lager 1 geschickt. Ich erhielt auch einige Informationen über Lager 2 von Szymon Goldberg, einem Tischler aus Radomsko, der vier Monate lang in Lager 2 gearbeitet hatte. Er entkam während des Aufstands, und wir trafen uns 10 Monate später im Wald.

Kapitel 9

Aufstand und Flucht

Die Idee und der immer stärkere Wille, irgendwie der Hölle von Treblinka zu entkommen, gingen den meisten von uns nie aus den Köpfen. Als die Transporte anfangs noch regelmäßig eintrafen, dachten die "Hofjuden", die besondere Privilegien hatten und besser behandelt wurden, nicht positiv über eine Flucht. Später sahen sie jedoch ein, dass auch sie nur Juden waren, und wurden schließlich aufgrund der besseren Möglichkeiten die aktivsten Organisatoren des Aufstandes.

In den ersten Wintermonaten fingen wir an, in den Abendstunden in der Tischlerei zusammenzukommen. Wir waren eine Gruppe enger Freunde: Mordechai, ein anständiger und sehr kluger junger Mann aus Legionowo, der in Chaim Tiks Kartoffelkolonne arbeitete, und ebenfalls aus Legionowo Berl Borenstein und sein Vater, ein Zimmermann aus der Werkstatt. Letzterer war ein sehr ruhiger und guter Mann. Er erkrankte an Typhus, dem er erlag. Da war Simcha Wilk aus Warschau, auch ein Zimmermann, ganz kämpferisch und nicht auf den Kopf gefallen, und der Vorarbeiter Adolf aus Lodz, ein kluger, viel gereister Mann über 30, der schließlich auch in Treblinka gelandet war.

An einem dieser Abende präsentierte Mordechai den folgenden Plan, um aus dem Lager zu entkommen. Fast jeden Abend kamen gewöhnlich einige Deutsche der Musik und Unterhaltung wegen in die Schneiderei. Wir sollten deshalb eine "Kampfgruppe" unter uns organisieren und einen Posten an der Tür der Schneiderei aufstellen, der nicht zu viele Leute und unerwünschte Gäste hereinließe. Die Wache würde dabei nicht besonders misstrauisch werden, da wir oft einen Posten an die Tür stellten. Zu einem verabredeten Zeitpunkt würde die Gruppe die Deutschen angreifen, sie ohne Lärm töten und ihre Waffen an sich nehmen. Dann würde einer von uns in eine deutsche Uniform schlüpfen und einen der ukrainischen Wachmänner hereinrufen, ihn töten, dann den zweiten und noch einen dritten rufen. Nach der Beseitigung der Wachen würden wir uns ruhig versammeln und aus dem Lager entweichen. Dieser Plan schien etwas zu fantastisch zu sein und gewann nicht besonders viele Unterstützer. Doch mit der Zeit war es nicht so sehr der Plan, sondern die Idee eines bewaffneten Aufstands, die langsam zu reifen begann. Ein kleines Komitee wurde gebildet, das sich verschiedene Pläne überlegte. Ende März fiel die Entscheidung schließlich zugunsten eines bewaffneten Aufstands.

Zwischen den beiden deutschen Baracken stand ein kleines Backsteingebäude. Darin befanden sich das deutsche Bad sowie die Waffenkammer, die mit einer schweren eisernen Tür verschlossen wurde. Die Tür und das Schloss waren in unserer Schlosserwerkstatt gebaut worden. Zur gleichen Zeit wurde ein Zweitschlüssel angefertigt, der später an das Komitee ausgehändigt wurde. Dies erlaubte uns, die Tür der Waffenkammer zu öffnen und zu schließen, ohne jede äußere Aufmerksamkeit zu erregen. Wir mussten nur scharf aufpassen, dass sich kein Deutscher näherte, insbesondere Kiewe, der immer auf seinem Fahrrad herumfuhr und an jeder Ecke auftauchte.

Tagsüber waren die deutschen Baracken fast leer, weil die Deutschen auf ihren Dienstposten beschäftigt waren. Es gab nur ein paar ukrainische Frauen, die in der Küche arbeiteten und die Zimmer reinigten, sowie ein paar jüdische Jugendliche, die Stiefel polierten. Unter ihnen war Marcus, ein mutiger und energischer 20-Jähriger aus Warschau.

Der Tag und die Stunde wurden festgelegt. In den frühen Morgenstunden nahm Marcus zwei Kisten Handgranaten aus dem allgemeinen Vorrat in der Waffenkammer und übergab sie dem Komitee. Zu diesem Zeitpunkt bestand das Komitee aus Kapo Kurland, Chaim Tik und Zalcberg, er war ein Textilhändler aus Kielce und ein sehr kluger und erfahrener Mann von etwa 40 Jahren, der in der Schneiderei arbeitete. Seine beiden Söhne waren in Treblinka bei ihm: Heniek, etwa 13, der in den deutschen Baracken Stiefel polierte, und Velvl, etwa 17, der in der jüdischen Wäscherei arbeitete. Ingenieur Galewski und die [anderen] Kapos kooperierten nicht, aber sie mischten sich auch nicht in das Komitee ein.

Die Nachricht über die Flucht, die für fünf Uhr am Nachmittag angesetzt war, verbreitete sich im Lager wie ein Lauffeuer. Da fast das gesamte Lager davon wusste, bestand die große Gefahr, dass der Plan durchsickern würde. Aber dies geschah nicht. Treblinka brodelte, und jeder schickte sich an, mit was auch immer für einer Waffe zu kämpfen. Die Werkstätten arbeiteten fieberhaft an jedem Kampfmittel, das sie kriegen konnten. Die nervöse Spannung war unerträglich. Der Schmied Herszel Jablkowski, ein ruhiger und zuverlässiger Mann, verbrachte den ganzen Tag damit, Messer und Äxte zu schärfen und Metallfeilen in Dolche zu verwandeln. Wir stellten eine große Anzahl von Gießkannen und gefüllten Glaskolben mit Vitriol her, das wir gesammelt hatten, um es angeblich für die Reinigung der Kessel zu verwenden. Obwohl ich gerade erst das Krankenzimmer verlassen hatte und mich kaum auf den Beinen halten konnte, arbeitete ich mit großer Intensität an der Fertigstellung der Gießkannen, die mit den Flaschen verteilt wurden.

Im letzten Moment wurde die Flucht jedoch abgesagt. Erstens, weil wir herausgefunden hatten, dass die Handgranaten, die wir genommen hatten, nutzlos waren, da sich die Zünder in einer dritten Kiste befanden, die in der Waffenkammer zurückgelassen worden war. Zweitens verweigerten einige Gruppen aus verschiedenen Gründen die Zusammenarbeit. Von diesem Ausgang waren sehr viele von uns verbittert und enttäuscht. Andere hingegen nahmen die Nachricht mit Erleichterung auf.

Ende April oder vielleicht Anfang Mai - ich kann mich nicht genau daran erinnern - wurde wieder ein Tag für die Revolte angesetzt. Wie es so passiert, kam genau an diesem Tag der letzte Transport nach der Liquidierung des jüdischen Ghettos in Warschau. Eine große Gruppe von Männern und Frauen aus diesem Transport wurde angewiesen, mit uns zu arbeiten. Sie erzählten uns Einzelheiten des Kampfes in Warschau. Sie waren entmutigt und pessimistisch: "Man kann nirgendwo hin fliehen oder sich verstecken; die deutsche Übermacht ist erdrückend." Mit einem Wort, sie entmutigten uns völlig, und alles blieb wie zuvor.

Danach wurde es still. Es war keine Rede mehr von einem Aufstand. Niemand glaubte, dass er gelingen könnte. Wieder begannen wir, individuelle Pläne zur Flucht zu schmieden.

Zygmunt und ich beschlossen, zusammen mit unserem Freund Moniek Herszkowicz, dem ehemaligen Besitzer einer Konservenfabrik in Lodz, zu fliehen. Zu diesem Zeitpunkt war der Zaun, der unser Ghetto umgab, fertig geworden. Elektrische Lampen waren ebenfalls rund um unsere Baracken installiert, aber noch nicht angeschlossen worden. Wir würden den Vorteil der Dunkelheit nutzen. Während der Arbeit auf den Dächern zog ich die Nägel aus dem Dachfenster in der Schneiderei, damit es dann von innen einfach zu öffnen war. Ich installierte auch Haken an verschiedenen Stellen auf dem Dach, von denen Seile herabgelassen werden konnten.

Zygmunt und ich sollten unsere Baracke nach Plan um Mitternacht verlassen, wenn alle schliefen. Wir würden durch den aus Decken bestehenden Sichtschutz gehen, der die Holzpfosten bedeckte. Dazwischen gab es genügend Platz für einen Mann, um hindurchzukommen. Von dort aus würden wir über das benachbarte Magazin in die Schneiderei gelangen, wo Moniek, nachdem er sich vor dem Vorarbeiter versteckt hätte, auf uns warten würde. Moniek schlief in der zweiten Baracke auf der uns gegenüberliegenden Straßenseite, und es wäre ihm nicht möglich gewesen, bei Nacht in die Schneiderei zu gelangen. Wir hatten alles vorbereitet: Geld, Seile, um vom Dach zu klettern, eine Drahtschere, und so weiter. Allerdings gelang es Herszkowicz nicht, sich in der Schneiderei zu verstecken. Der diensthabende Deutsche fand ihn, während er den Ort vor dem Abschließen inspizierte. Zygmunt wollte, dass wir beide ohne ihn gehen. Ich konnte mich nicht entscheiden, und erst im letzten Moment verließ mich der Mut …

Einige Zeit später kam eine Gruppe von Kameraden mit dem folgenden Vorschlag zu uns: Da die Ukrainer, die auf der gegenüberliegenden Wandseite unserer Werkstatt lebten, dabei waren, in die für sie neu erbauten Baracken umzuziehen, sollten wir durch die Holzwand brechen oder einen Durchschlupf unter ihr graben. Zwei ukrainische Wachmänner würde man an diesem Abend bestechen. Alle Teilnehmer (rund 15 Personen) würden sich vor der Schließzeit in der Werkstatt treffen. Die bestochenen Wachen würden uns ein Zeichen geben, uns durch den Stacheldraht führen und uns einige Waffen geben.

Rakowski stand an der Spitze dieser Unternehmung. Damals war er wegen seiner Verbindungen zu den Deutschen Lagerältester, während Ingenieur Galewski Kapo war. Rakowski hatte eine sehr gute Beziehung zu den Ukrainern. Sie versorgten ihn mit allem, was er wollte, und wie er uns einmal sagte, versuchten sie, ihn fast gegen seinen Willen aus dem Lager zu schaffen. Er war daher unser Garant, dass dieser Coup gelingen könnte.

Wie es das Schicksal so will, kommt zu dieser Zeit der "Krumme Kopf" in unsere Werkstatt und nimmt Herszel, den Schmiedemeister mit in das Kapozimmer, um Fenster für Gitter auszumessen. In dem Zimmer sieht er Rakowski mit seiner Freundin am Frühstückstisch sitzen. Auf dem Tisch stehen eine Flasche Whisky, Weißbrot, Schinken, usw. Der "Krumme Kopf" spricht in seiner gewohnten Art, leise und mit einem kleinen Grinsen: "Na, Rakowski! Du spekulierst ja immer noch!" Rakowski erklärt, dass er das Essen von einer Wache bekommen hat. Herszel nimmt die Maße ab, und der "Krumme Kopf" verlässt den Raum. Rakowski ist nicht beunruhigt. Er beendet sein Frühstück und geht als Lagerältester hinaus, um zu kontrollieren, was so vor sich geht.

Aber den "Krummen Kopf" kann man nicht hinters Licht führen. Er eilt ins Büro und berichtet alles. Kurz darauf kommt er mit zwei Zügen Wachmännern wieder (die meisten von ihnen sind ukrainische Volksdeutsche). Es ist niemand im Kapozimmer. Sie durchsuchen das Bett, entfernen die Wandverkleidung und finden einen wahren Schatzbeutel voller Gold und Geld. Rakowski wird hereingebracht. Er versucht, sich zu verteidigen und behauptet, er wisse nichts, und es sei wahrscheinlich Chorazycki gewesen, der das Geld versteckt habe. Dr. Chorazycki hat erst kürzlich das Zimmer mit ihm geteilt, doch jetzt ist er nicht mehr am Leben. Aber es nützt nichts. Rakowski wird bis zum Abend bewacht und dann unter schwerer Bewachung mehrerer Züge Wachmänner und Deutscher ins Lazarett eskortiert, wo er erschossen wird.

Das ganze Geld war wahrscheinlich gesammelt worden, um die Wachen zu bestechen, und um es mit auf den Weg zu nehmen. Es war ihm nie eingefallen, dass jemand es wagen würde, ihn zu filzen, Rakowski, den Liebling von Treblinka. Er konnte sich in der Tat glücklich schätzen, dass Lalka zu der Zeit nicht da war, sonst hätte er sicherlich das gleiche Schicksal wie Stern geteilt. Stern war ein kräftiger junger Mann aus Warschau, der als "Goldjude" arbeitete. Ihm wurde vorgeworfen, mit den Ukrainern "Spekulationen" zu betreiben und ihnen Geld gegeben zu haben. Kurzerhand nahm Lalka ihn am Morgen heraus, bestrafte ihn, wie nur er es tun konnte, und ließ ihn mit den Händen über dem Kopf am Eingang des Ghettos in die Kniebeuge gehen, so dass alle Vorbeigehenden ihn sehen konnten. Auf seinen Befehl stand der Blockälteste und Denunziant Kuba bei ihm, um ihn an der Veränderung seiner Position zu hindern. Lalka kam alle paar Minuten zurück, schmiss das Opfer zu Boden und trat und peitschte es. Nichts außer einer geschwollenen Masse blutigen Fleisches blieb von dem Mann übrig, und auch diese versetzte Lalka wieder in die Hocke. Das ging so bis zum Abend. Es bleibt unbegreiflich, wie der Mann einen solchen Tag überstand. Beim Abendappell bekam er weitere "50" verpasst und wurde schließlich ins Lazarett geschickt.

Nach Rakowskis Tod weigerten sich die Wachen, mit irgendeinem von uns zu handeln, und so wurde aus dem ganzen Geschäft nichts. Ingenieur Galewski wurde wieder einmal als Lagerältester bestimmt.

Der Mai und der Juni kommen und gehen, und alles ist ruhig in Treblinka ... das heißt, das Komitee ist ruhig. Die Schreie der geschlagenen und gequälten Opfer kann man öfter denn je hören. Kiewe wird irgendwie noch rasender. Auf der gegenüberliegenden Wandseite in unserer Werkstatt, in der nun von den Ukrainern verlassenen Baracke, arbeiten die Sattler, die von einem gewissen Piasek angeführt werden. Er war eine üble Kreatur. Er war mit Frau und sechs Kindern nach Treblinka gekommen, benahm sich aber wie ein Straßenflegel, sang schmutzige Lieder, fraß sich voll, betrank sich und belästigte die Frauen, die versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen.

Der allgegenwärtige Kiewe kommt in die Sattlerei und findet zwei Jungen, die sich des einen oder anderen Vergehens schuldig gemacht haben. Er lässt sie sich nackt ausziehen, Kopf an Kopf auf den Boden legen, und beginnt sie mit der Peitsche zu bearbeiten. Ihre schrecklichen Schmerzensschreie dringen zu unserer Werkstatt herüber, und sie sind so voller Angst und Schrecken, dass wir eine Gänsehaut bekommen. Wir haben noch nie so herzzerreißende Schreie gehört, nicht einmal in Treblinka.

Am selben Tag bestrafte Kiewe auch meinen Freund Mordechai und zwei andere, die er verdächtigte, ein paar Kartoffeln aus dem Kartoffelkeller gestohlen zu haben, obwohl sie es tatsächlich nicht getan hatten. Im Alleingang malträtierte er alle drei, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen waren. Er ließ nur dank der Intervention des Hauptscharführers von ihnen ab, da es Hinweise darauf gab, dass sie die Kartoffeln nicht gestohlen hatten. Ohne diese glückliche Fügung wären sie in seinen Klauen geblieben bis zum tödlichen Ende im Lazarett. Es ist unmöglich, auch nur einen kleinen Teil der Gräueltaten zu erzählen. In Treblinka gehörten sie zur Tagesordnung und zählten nach Hunderten.

Der Juli rückt näher. Aus den Zeitungen, die Marcus von den Deutschen gestohlen hat, und die unter großer Geheimhaltung von einem engen Kreis von Freunden in der Werkstatt gelesen werden, erfahren wir von der Niederlage Mussolinis und den großen Siegen der sowjetischen Armeen. Nach allgemeiner Überzeugung wird Deutschland nun jeden Tag zusammenbrechen. Wir sind uns jedoch sicher, dass wir, egal wie der Ausgang des Krieges sein wird, niemals Treblinka lebendig verlassen werden. Deshalb haben wir nichts zu verlieren. Diejenigen, die sich bis jetzt ferngehalten haben, und auch diejenigen, die eine Revolte abgelehnt haben, werden nun überzeugt. Nur ein paar der schlimmsten Elemente, also diejenigen, die sich "sicher" gefühlt und an nichts anderes als Fressen gedacht, sich betrunken und mit den Weibern rumgemacht haben, werden ausgeklammert. Außerdem befindet sich Lager 2 in einem dauernden Alarmzustand, seit die Arbeit dort zu Ende geht, und dann ... wer weiß, was passieren wird?

Das frühere Komitee verstärkte sich nun um Ingenieur Galewski und den Kapo der "Hofjuden" Moniek, einen jungen Burschen von etwa 20, aber ziemlich schlau, energisch und dazu ein Schnelldenker. Ein paar andere junge, energische Leute schlossen sich an. Chaim Tik wurde vom Komitee wegen seiner etwas unwilligen und konservativen Haltung ausgeschlossen. Die Treffen wurden vor allem in unserer Werkstatt abgehalten. Die Verschwörung wurde so streng vertraulich behandelt, wie es in Treblinka, wo so viele Menschen auf so engem Raum zusammengedrängt waren, nur möglich war. Es gelang uns tatsächlich, die Arbeit des Komitees bis zum letzten Augenblick vor den Massen geheim zu halten. Ein detaillierter Aktionsplan wurde ausgearbeitet. Alle teilnehmenden Mitglieder wurden in Fünfergruppen mit jeweils einem Leiter eingeteilt. Jede Gruppe erhielt ihren Einsatzort und ihre spezifische Aufgabe. Die gesamte Aktion würde geräuschlos ablaufen und aus plötzlichen und unerwarteten Angriffen auf die Deutschen bestehen.

Vor dem Beginn der Aktion sollte die Waffenkammer ausgeräumt werden, die Waffen würden heimlich zum Sortierplatz gebracht, dort verteilt und versteckt. Zu Beginn der Operation würde jede Fünfergruppe mit ihrem Anführer die Werkstatt gesondert verlassen und zu den leeren deutschen Baracken gehen, die dort gefundenen Waffen aufnehmen und dann ihre Position einnehmen. Dem äußeren Anschein nach würde die Arbeit im Lager normal weitergehen, damit die Deutschen nicht mitbekämen, dass sich etwas zusammenbraut. Wenn ein Deutscher in die Baracke einer Werkstatt oder zu einer anderen Position ginge, würde er geräuschlos auf der Stelle von der Gruppe getötet werden, die diese Position besetzt. So würde auch mit weiteren verfahren, die dort auftauchten.

Die wirkliche Revolte würde erfolgen, nachdem eine große Anzahl Deutscher auf diese Weise eliminiert worden wäre. Das Büro der Lagerverwaltung würde dann angegriffen werden, die Deutschen getötet und die Telefonleitungen gekappt. Die Öl- und Benzinfässer würden ausgekippt und das Lager in Brand gesteckt. Die Gruppen, die die Aufgabe hatten, von ihren Verstecken aus die ukrainischen Baracken zu beobachten, würden dann die Baracken besetzen, die Ukrainer entwaffnen und sie in der Lagerhalle unter Bewachung einsperren. Gleichzeitig würden die Wachtürme unter Beschuss genommen und die Wachen gezwungen werden, sich zurückzuziehen.

Nach Kurlands Plan würden wir auch Maschinengewehre an dem Tor aufstellen, das zum zwei Kilometer entfernten Arbeitslager Treblinka führt. Wir würden den ankommenden Zug anhalten, die Deutschen und die Wachen entwaffnen und die Arbeiter befreien. Am Ende würden wir alle in Formation aus dem Lager marschieren. Es wurde davon ausgegangen, dass die Häftlinge von Lager 2 informiert werden würden, und zum Zeitpunkt der Revolte würde natürlich die Trennung zwischen den beiden Lagern aufgehoben werden. Das ist, was dem Plan nach geschehen sollte. Die Realität sah ganz anders aus.

Am 2. August wurde am späten Vormittag die Waffenkammer ausgeräumt, dieses Mal bis zum letzten Ausrüstungsstück. Die Baubrigade lud die Waffen unter Haufen von Holz, Mörtel und Ziegel auf ihre Wagen und brachte sie zum Sortierplatz, damit sie dort verteilt würden.

Die Arbeit in den Betrieben geht derweil intensiv weiter. Messer, Äxte, alles, was verwendet werden kann, wird hastig vorbereitet. Die Anspannung ist groß. Die Arbeit im Lager scheint jedoch wie gewohnt zu verlaufen. Der Aufstand ist für fünf Uhr verabredet. Zu dieser Uhrzeit sollen wir von den Werkstätten zu den deutschen Baracken gehen, unsere Waffen holen und unsere Positionen einnehmen.

Gegen vier Uhr kommt Kiewe in unseren Hof. Der Blockälteste steht an der Tür von Baracke Nr. 2 und ruft Kiewe herein. Sie bleiben einige Zeit drinnen. Wir sind uns alle sicher, dass Informationen über den Aufstand durchgesickert sind. Was sollen wir tun? Was macht man in einer solcher Situation? Zalcberg, ein Mitglied des Komitees, kommt in unsere Werkstatt gerannt und ist furchtbar aufgeregt. Seiner Meinung nach müssen wir Kiewe sofort aus dem Weg räumen, bevor es zu spät ist. Dieser Fall war nicht im Plan vorgesehen. Wir können Kiewe jetzt nicht unerwartet angreifen, wir sind nicht einmal bewaffnet. So rennt einer der Männer auf den Platz, wo die Waffen bereits verteilt sind. Inzwischen verlässt Kiewe die Baracke und läuft auf den Appellplatz in Richtung des Magazins im Ghetto.

Mir fällt nicht auf, dass Kiewe ungewöhnlich vorsichtig beim Verlassen der Baracke ist. Ich sehe auch keinen Revolver in seiner Hand. Er sieht sich nicht um und läuft unbeeindruckt geradeaus. Es ist daher möglich, dass Kuba keinerlei Informationen über den Aufstand verraten hat, oder dass Kiewe vielleicht einfach nicht glaubt, dass die Juden zu so etwas in der Lage seien.

Wie auch immer, als sich Kiewe dem Magazin nähert, kommt Wolowanczyk, der wahrscheinlich bereits mit einer Maschinenpistole bewaffnet ist, auf den Platz gerannt. Ein paar Schüsse sind zu hören, einer nach dem anderen.

Wolowanczyk ist eine berüchtigte Figur der Warschauer Unterwelt gewesen. Er ist groß und blond, etwa 20 Jahre alt, sehr kräftig, energisch und extrem hart. Ich habe einmal erlebt, wie Lalka mit ihm zu tun hatte. Wie üblich begann er, mit ihm zu boxen. Wolowanczyk war jedoch so flink, dass er jedem Schlag ausweichen konnte. Lalka wurde sehr wütend, packte ihn am Revers und versuchte mit aller Kraft, ihn auf den Kopf zu schlagen. Der Junge warf sich auf den Boden und Lalka schlug daneben, verlor das Gleichgewicht und landete auch flach auf dem Boden. Lalkas Wut kannte danach keine Grenzen. Er bewarf Wolowanczyk mit Steinen und Ziegeln, warf den Jungen zu Boden und trat und schlug ihn erbarmungslos. Ich beobachtete die Szene vom Dach aus und war überzeugt, dass Wolowanczyk ermordet worden war. Aber nein, er stand auf, schüttelte sich und ging zur Arbeit, als ob nichts geschehen wäre.

Die ersten Schüsse, die man vom Ankunftsplatz hört, signalisieren den Beginn des Aufstandes. Kurz darauf hören wir schrecklichen Kanonendonner und mehrere Explosionen auf dem großen Platz. Der gesamte Abschnitt des Lagers, der die deutschen Baracken, die Lebensmitteldepots, die Bäckerei und den Schuppen mit den Öl- und Benzinfässern umfasst, wird nun von einem riesigen Feuer verschlungen. Die Flammen erreichen und blockieren unser Tor. Unser ganzer Plan ist umgeworfen. Die rund 300 Menschen in unserem Hof werden von Panik ergriffen. Keine Fünfergruppen, keine Führer. Jeder versucht nun um jeden Preis, aus dem abgesperrten Hof zu entkommen. Eine große Menschenmenge sammelt sich in der Schlosserei und der Zimmerei. Wir brechen die Eisenstangen in den Fenstern heraus und springen nach draußen. Mit Zangen und Äxten trennen wir den Stacheldraht durch und brechen die Zäune des Ghettos und die weiteren Barrieren nieder. Die dicht gedrängte Menschenmasse läuft in Richtung Lager 2. Wir kommen durch ein kleines Tor. Dort im Lager 2 steht alles in Flammen. Es bleibt keine Zeit, um sich umzusehen. Ich achte nur auf eines: meinen Bruder in der Menge nicht zu verlieren. Ich sehe Menschen, die durch die Flammen zu einer Lücke im Zaun springen. Zygmunt und ich tun das gleiche und finden uns auf einer freien Fläche wieder. Wir müssen ein weiteres Hindernis überwinden: den dicht verschlungenen Stacheldraht. Wir laufen mit der Menge mit. An einer Stelle haben so viele Füße den Draht niedergetreten, dass wir ohne viel Mühe durchklettern können.

Ich bemerke, wie ein Ukrainer aus der Entfernung auf die laufende Menge schießt. Maniele fällt nieder, eine feine, anständige Frau. Sie ist mit ihrem Ehemann Chaim, der den Spitznamen "Malpe" (Affe) hat, in Treblinka. "Chaim Malpe" läuft weiter, ringt die Hände und schreit: "Oje, mein Maniele ist getötet worden!"

Während wir praktisch ganz durch Lager 1 und 2 hindurch liefen, sahen wir überhaupt keine andere Wache, weder deutsche noch ukrainische. Wahrscheinlich liefen sie alle gleich zu Beginn des Aufstandes davon und versteckten sich. Es waren in der Regel etwa 40 Deutsche und etwa 150 Wachmänner, die in beiden Lagern arbeiteten. Für sie existierte eigentlich nur ein Lager (die Aufteilung galt nur für uns Häftlinge). Ein Drittel der Deutschen war in der Regel im Urlaub. Es kam recht selten vor, dass alle zur gleichen Zeit da waren. Darüber hinaus war Lalka aus verwaltungstechnischen Gründen oft für ein paar Tage abwesend. Der Tag des Aufstandes wurde sorgfältig ausgewählt, so dass einige der Deutschen sich im Urlaub befanden. Lalka, den wir am meisten fürchteten, da er der verwegenste und gefährlichste von allen war, war fort.

Sobald wir aus dem Lager raus sind, bricht die Masse der Menschen in kleinere Gruppen auseinander, und alle laufen in verschiedene Richtungen. Etwa 12 von uns laufen nach Osten. Wir laufen lange Zeit und strengen uns dabei bis an die Grenzen unserer Belastbarkeit an. Wir gehen quer durch ein Dorf, über Eisenbahnschienen, Felder und Sümpfe. Schließlich finden wir erschöpft und atemlos einen Graben, der auf beiden Seiten von dichtem Gebüsch geschützt wird. Wir legen uns hin und warten, bis die Dämmerung hereinbricht. In der Ferne hören wir einzelne Schüsse und das Brummen von Automotoren.


[Oskar Strawczynski beendete seine Erinnerungen mit einem erneuten Schreiben zum Gedenken an seine Frau, die in Treblinka umgekommen war.]

Meine liebste Hannele!

Mehr als 18 Monate sind vergangen, seit wir auf brutalste Weise voneinander getrennt wurden. Während dieser ganzen Zeit habe ich unter den härtesten Bedingungen nie den Gedanken aufgegeben, die Erinnerung an dich zu verewigen, meine Liebste und Geliebte, und ebenso die Erinnerung an unsere beiden kleinen Engel, Guta und Abus, sowie die an meine geliebten Eltern Josef und Malka. Ich kann euch keinen Grabstein errichten. Eure heiligen Körper wurden in den Öfen von Treblinka verbrannt, zusammen mit Tausenden und Abertausenden von anderen jüdischen Opfern.

Die Erinnerung an das, was ich während der zehn Monate in Treblinka sah und durchmachte, soll euer Denkmal sein, obwohl ich weiß und schon bei den ersten Worten fühle, wie die Wunden, die niemals heilen werden, wieder aufgerissen werden und wie in den ersten Tagen bluten.

Dies möge die letzte blutige Seite in der jüdischen Geschichte sein.

Oskar

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© Jürgen Langowski 2017