Ansprache Adolf Hitlers vor den Oberbefehlshabern auf dem Obersalzberg am 22.8.1939

Tagebuch Halder

22. August 1939 Besprechung beim Führer (Obersalzberg, 12 Uhr)

Anwesend die Heeresgruppen- und Armeeführer der drei Wehrmachtteile.

I.) Darstellung der Lage und Entschluß (Vormittag)

1.) Entwicklung des Entschlusses zur Lösung der Ostfrage: An sich erwünscht, zunächst den Westen zu bereinigen; da aber immer klarer wurde, daß in jeder schwierigen Lage Polen uns in den Rücken fallen würde, mußte, ehe man an die Westprobleme herangeht, die Ostfrage bereinigt werden.

2.) Augenblickliche Lage Deutschlands für Lösung der Ostfrage günstig. Eine Reihe von Tatsachen sind heute zu unseren Gunsten gegeben, die in einer Reihe von Jahren nicht mehr gegeben sein werden.

a) Persönliche Bedingungen:

Auf unserer Seite: Die Person des Führers. - Die Person Mussolinis als alleiniger Träger der imperialen Idee. Hat seine Stärke in abess. Konflikt erwiesen. - Die Person Francos, der Träger einheitlicher fortschrittlicher Führung und der Deutschfreundlichkeit in Spanien ist.

Auf der Feindseite: Persönlichkeiten des genügenden Formates, um die besonders auf englischer Seite sehr schwierigen Entschlüsse hart und heroisch durchzuführen, sind nicht vorhanden. Die Gegenseite hat viel zu verlieren, wir nur zu gewinnen.

b) Politische Vorteile:

England ist festgehalten: IM MITTELMEER durch die Spannung zu Italien. In OSTASIEN durch die Spannung zu Japan, im NAHEN ORIENT durch die Spannung zu den mohammedanischen Völkern.

England hat im letzten Krieg nicht gewonnen. Bei Eintritt in einen neuen Krieg muß das Empire mit Änderungen in der Struktur rechnen.

Auch Frankreichs Stellung hat sich verschlechtert. Geburtenrückgang.

Auf dem Balkan Gleichgewicht der Kräfte seit Albanien, Jugoslawien gebunden. Rumänien verwundbar und abhängig von der Spannung der anderen Mächte. Türkei hat keine Führung.

"Eine Auseinandersetzung, die man nicht mit Sicherheit auf vier bis fünf Jahre verschieben kann, findet besser jetzt statt."

"Militärischer Waffeneinsatz nötig, bevor letzte große Auseinandersetzung mit dem Westen kommt; Erprobung des Instruments."

"Erwünscht ist nicht eine Generalabrechnung, sondern Herausgreifen einzelner Aufgaben; das ist nicht nur politisch der richtige Weg, sondern auch militärisch."

c) Polen: Verhältnis Polen-Deutschland untragbar. Vorschläge bezüglich Danzigs und Korridorbahn (Devisenfrage) wurden auf ENGLANDS Betreiben abgelehnt. Austrag der polnischen Spannung darf nicht der Lösung durch dritte Kräfte überlassen werden. Zeitpunkt zur Lösung jetzt günstig, daher schlagen! Politisches Risiko dabei nicht zu vermeiden. Ohne Risiko kein ganzer Entschluß.

Gründe, die zum Entschluß führen.

Nur zwei Staaten können sich verpflichtet fühlen (England und Frankreich), Polen zu helfen, England primär, Frankreich im Schlepptau.

Englands Aufrüstung hat die Lage noch nicht wesentlich zu Englands Gunsten verändert. (In der Flotte wird Verbesserung erst 41/42 fühlbar; zu Lande dauert Wirksamwerden auch noch längere Zeit; nur Luftwaffe verbessert.) Verwundbarkeit Englands ist heute noch groß. England wünscht kriegerische Verwicklungen daher erst in drei bis vier Jahren.

Frankreichs Rüstung zum Teil veraltet, aber nicht schlecht. Volkszahl schwindet. Langen Krieg kann sich Frankreich nicht leisten.

Im Westen bleiben nur zwei Möglichkeiten:

Blockade: Nicht aussichtsvoll, da wir den Donauraum ausnützen können. Angriff im Westen:

a) Angriff auf Westwall psychologisch unmöglich, auch militärisch sehr schwierig.

b) Verletzung neutraler Staaten. Diese Staaten wollen wirklich neutral bleiben. Die Neutralität dieser Staaten braucht England selbst.

Daher erwarten wir, daß England und Frankreich Neutralität nicht verletzen. Militärisches Eingreifen daher aussichtslos. "Langer Krieg" reizt nicht. Zu erwartende Leistung Deutschlands in langem Krieg jetzt größer als 1914.

Rußland wird nie so wahnsinnig sein, für Frankreich und England zu kämpfen.

Entwicklung: Abberufung Litwinows: Zeichen für Abschluß der Interventionspolitik, Handelsvertrag. Schon vorher Besprechungen über Nichtangriffspakt auf Anregung Rußlands, Intervention im russisch-japanischen Konflikt, Baltikum. Russen haben mitgeteilt, daß sie bereit sind, Pakt abzuschließen. Persönliche Verbindung Stalin-Führer. "Damit habe ich den Herrschaften ihre Waffen aus der Hand geschlagen. Polen ist in die Lage hineinmanöveriert worden, die wir zum militärischen Erfolg brauchen."

Auswirkung noch nicht zu übersehen: Neuer Kurs! Stalin schreibt, daß er sich für beide Teile viel verspricht. Ungeheure Umwälzung der ganzen europäischen Politik.

II.) Forderungen des Führers an die militärischen Führer.

1.) Rücksichtslose Entschlossenheit: Gegenzüge EnglandsFrankreichs werden kommen. Es muß durchgehalten werden. WAufmarsch wird gefahren. "Eiserne unerschütterliche Haltung aller Verantwortlichen!"

2.) Ziel: Vernichtung Polens - Beseitigung seiner lebendigen Kraft. Es handelt sich nicht um Erreichen einer bestimmten Linie oder einer neuen Grenze, sondern um Vernichtung des Feindes, die auf immer neuen Wegen angestrebt werden muß.

3.) Auslösung: Mittel gleichgültig. Der Sieger wird nie interpelliert, ob seine Gründe berechtigt waren. Es handelt sich nicht darum, das Recht auf unserer Seite zu haben, sondern ausschließlich um den Sieg.

4.) Durchführung: Hart und rücksichtslos. Gegen alle Erwägungen des Mitleids hart machen!

Schnell: Glaube an den deutschen Soldaten, auch wenn Hemmungen auftreten.

Wichtigstes ist Keil von SO bis an die Weichsel, Keil von N bis an Narew und Weichsel.

Neuen Lagen schnell anpassen. Für neue Lagen rasch neue Mittel anwenden.

5.) Neue Grenzziehung: Neues Reichsgebiet? Vorgelagertes Protektoratsgebiet. Militärische Operationen haben keine Rücksicht zu nehmen auf spätere Grenzziehung.

III.) Einzelheiten

1.) Auslösung voraussichtlich: Samstag Morgen.

2.) Slowakei. (List) Anweisung Barckhausen, slowak. Grenzsicherung zu verstärken. Teile der Luft-Div. nach Zipser Neudorf.

Startverbot für slowak. Flieger. Wir übernehmen Garantie gegenüber Slowakei, daß Ungarn nichts unternimmt.

3.) Dirschau: Bei Tagesanbruch des Y-Tages Angriff mit Sturzkampfgruppen auf Westteil Brücke und Stadt (Kasernen, Elektrizitätswerk pp). Gleichzeitig Bahnzug von Marienburg, folgend Panzerzug und übrige Teile (der Gruppe) Medem.

4.) Gdingen: Gleichzeitig mit Dirschau Luftangriff, gleichzeitig absperren. Einsatz Armee Reichenau: Ohne Bemerkungen.

5.) Einsatz Armee Reichenau: Ohne Bemerkungen.

6.) Besprechung der Feindlage vor Heeresgruppe N.

Quellen:

  1. Walther Hofer
    Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, S. 68ff
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