5.12.1940

Darlegungen Hitlers zur Kriegslage

1. Zur Frage Libyen: Ist für uns erledigt.

2. Augenblickliche Lage in Albanien: Ist in ihrer Auswirkung nicht zu übersehen. Die italienische Widerstandslinie ist angeknabbert. Wenn sie nicht gehalten werden kann, dann ist die Versammlung von 30 Divisionen, wie beabsichtigt, unmöglich. Es besteht dann die Gefahr, daß die Jugoslawen Albanien in die Hand nehmen. Die Unsicherheit der Lage Albaniens kommt darin zum Ausdruck, daß die Jugoslawen auf die Aufforderung zum Anschluß an den Dreierpakt bisher noch keine Antwort gegeben haben. Zunächst soll noch gewartet werden, ehe ein Druck ausgeübt wird.

3. Erschwerend auf die Entwicklung der Dinge in unserem Sinn wirkt Rußland. Es versucht, auf Bulgarien Einfluß zu gewinnen mit dem Ziel, auf dem Umwege über einen Garantiepakt Truppen in die Nähe der Meerengen zu bekommen. Die hierdurch entstehenden Schwierigkeiten können überwunden werden, wenn auch jetzt, nachdem Bulgarien den Beitritt zum Pakt vorläufig abgelehnt hat, die Überwindung schwierig geworden ist. Die Bulgaren haben gebeten, Sachverständige für Küstenschutz, Luftschutz usw. zu entsenden. Die Bitte ist erfüllt.

Jede Schwächung in der Stellung der Achse führt zu einem Vordringen der Russen. Sie können nicht von sich aus uns das Gesetz des Handelns vorschreiben, aber sie werden jede Gelegenheit ausnützen, um die Stellung der Achse zu schwächen.

Sollte England gezwungen werden können, um einen Waffenstillstand zu bitten, so wird es versuchen, Rußland als seinen kontinentalen Degen zu gewinnen.

4. Hilfe für Italien. a) (heute eingeleitet): Einsatz von Sturzkampfbombern, um die englische Flotte anzugreifen. 2 Stuka-Gruppen nach Sizilien, 2 Stuka-Gruppen nach Apulien, die Tobruk als Zwischenlandeplatz benutzen sollen. Kondorstaffel soll Suezkanal verminen. b) Wegnahme von Gibraltar: Die psychologische Auswirkung der italienischen Niederlage macht die Wegnahme nötig. England muß fallen nicht durch ein Kampfmittel, sondern durch eine Mehrheit von Schlägen (Luftwaffe, U-Boote), darunter auch Abriegelung der internationalen Verbindungen. Dabei ist der Fall Gibraltars - eines Wahrzeichens der englischen Größe - ein entscheidendes Element.

5. Frankreich lehnt Zugeständnis an Italien schroff ab. Ein Entgegenkommen der Vichy-Regierung gegenüber Italien würden die französischen Kolonien nicht mitmachen. Zusammenspiel der Kolonien gegen Vichy ist nicht ausgeschlossen. Wenn Französisch-Nordafrika sich selbständig erklärt, wird die Lage für uns schwieriger. Es besteht dann die Gefahr, daß die Regierung von Vichy sich außerstande erklärt durchzugreifen. Das wird sofort anders, wenn wir in Marokko stehen. Durch unser Einrücken in Marokko und durch die Beherrschung der Meerenge von Gibraltar durch uns trifft man den Engländer und die französische Gefahr gleichzeitig. ist die Meerenge in unserer Hand und stehen deutsche Truppen in Marokko, dann kann man mit der Regierung Vichy deutlich reden; dann kann sie nicht mehr ausweichen.

6. Balkan: Unsere Drohungen gegen Griechenland haben den Erfolg, daß der Engländer bis jetzt Rumänien nicht angreift. Die Griechen wollen nicht durch den Engländer in einen Konflikt mit uns gezogen werden. Auch die Türken scheinen in dieser Richtung zu wirken, um die Bildung einer englischen Front am Balkan zu verhindern. Es ist zu hoffen, daß durch diese Einwirkung der Engländer 2-4 Monate hingehalten wird, ohne Angriffsmaßnahmen gegen die rumänischen Ölgebiete zu ergreifen.

Jugoslawien macht mit uns alles, mit den Italienern nichts. Sie halten sie für politisch und militärisch unzuverlässig.

7. Die unerfreuliche Lage in Albanien hat auch ihre Vorteile: Italien vermindert seine Ansprüche. Der Mißerfolg wirkt als gesunde Zurückschraubung der italienischen Ansprüche auf die natürlichen Grenzen des italienischen Vermögens.

8. Wenn die Griechen nicht selbst den Engländer hinaussetzen, wird für uns eine bulgarische Aktion notwendig werden. Es ist möglich, daß diese Erkenntnis auch in Griechenland dämmert, besonders dann, wenn die Italiener zum Abzug aus Albanien kommen sollten. Setzt der Grieche den Engländer hinaus, dann ist ein Angriff unsererseits nicht nötig.

Für alle Falle aber ist es notwendig, den Angriff "Marita" vorzubereiten.

9. Die Entscheidung über die europäische Hegemonie fällt im Kampf gegen Rußland.

10. Angriff "Felix" [Eroberung Gibraltars]: Soll etwa Anfang Februar wirksam werden. Dann kann unter diesem Eindruck Griechenland sein Verhältnis zu England ändern. Aus diesem Grund erhalten wir zunächst die Beziehungen zu Griechenland aufrecht. Wir sind Griechenland gegenüber ein "nicht kriegführender Staat"

11. Die Türkei hat Angst, in den Krieg hineinzuschliddern. Das Ende würde der Verlust von Thrazien sein. Die Türkei wird nicht in einen Kampf zwischen Deutschland und Griechenland eingreifen. Wenn wir die Türken angreifen, dann wird auch Rußland auf den Plan gerufen.

Die Operation "Marita" [gegen Griechenland], die vorzubereiten ist, bedeutet keinen Verlust für unsere sonstigen Pläne.

12. Rumänien wird gegen Rußland mitmachen.

13. Wenn wir durch Bulgarien gegen Griechenland vorgehen, werden die Russen nichts tun, sondern nur auf die Türken schauen. Finnen und Rumänen müssen mit uns gehen, denn ihre Zukunft ist an den Sieg Deutschlands gebunden.

14. Wenn die Italiener sich in Albanien halten, dann wird der Grieche bis zum kommenden Frühjahr nicht an Stärke gewinnen können. Es ist möglich, daß angesichts der dann veränderten Stärkeverhältnisse der Grieche auf kleinere italienische Forderungen eingeht. Durchführung der Operation "Marita" Anfang oder Ende März geplant. Die Durchführung der Operation unsererseits kann bis 4 Wochen dauern.

15. Luftlage: Der jetzige Luftkrieg kostet uns keine großen Opfer. Wir sammeln materielle und personelle Kräfte auf.

Die Engländer werden durch den Luftkrieg in der Stärke ihrer Luftmacht nicht sehr stark geschwächt sein. Sie waren offenbar einmal an einem kritischen Punkt angelangt. Vielleicht hat die Einstellung unserer Tagesangriffe sie vor der Vernichtung ihrer Jagdwaffe gerettet. Unsere Angriffe gegen die englische Industrie können diese nicht zertrümmern. Die Wirkung dieser Angriffe gleicht Windbrüchen, Die eingetretenen Verluste können in England selbst nicht ersetzt werden. Amerikanische Lieferungen gleichen aus. Man darf sie nicht überschätzen. Im letzten Jahr hat England - auf den Kaufwert umgerechnet - nur für 150 Millionen aus Amerika bezogen.

Bis zum nächsten Sommer ist keine wesentliche Steigerung der amerikanischen Hilfeleistung zu erwarten (neue Werkstätten werden erst 1941 fertig).

Die Engländer werden im Frühjahr 1941 keine stärke Flugwaffe haben als jetzt. Sie können damit eine wirksame Offensive gegen das Reichsgebiet nicht leisten. Die Nachtfliegerei wird im Frühjahr für uns günstiger. Unsere Luftwaffe wird im nächsten Frühjahr wesentlich stärker sein als im vergangenen. Unsere Jagdwaffe ist den Russen an Modellen überlegen. Im Mai/Juni kommen die ersten Serien unserer neuen Modelle heraus. Sie gehen nach dem Westen. Die älteren Typen sollen gegen Rußland verwendet werden.

Voraussetzung dafür, daß die Luftlage tragbar bleibt, ist rasches Fortschreiten der Landoperationen.

16. Rußland: Die bisherigen Feldzüge beweisen, daß Angriffe an einem günstigen Zeitpunkt gestartet werden müssen. Die Gunst des Zeitpunktes hängt nicht nur von der Witterung ab, sondern auch von dem gegenseitigen Verhältnis der Kräfte, der Bewaffnung usw. Der Russe ist uns waffenmäßig unterlegen wie der Franzose. Er hat wenige moderne Feldbatterien, alles andere ist nachgebautes altes Material. Uns gibt unser Panzer 111 mit 5-cm-Kanone (im Frühjahr 1.500 Stück) eine klare Überlegenheit. Die Masse der russischen Panzer ist schlecht gepanzert.

Der russische Mensch ist unterwertig. Die Armee ist führerlos. Ob die in letzter Zeit gelegentlich festgestellten richtigen Erkenntnisse der militärischen Führung in der Armee ausgewertet werden, ist mehr als fraglich. Die innere Neuorientierung der russischen Armee wird im Frühjahr noch nicht besser sein.

Wir haben im Frühjahr einen sichtlichen Höchststand in Führung, Material, Truppe, die Russen einen unverkennbaren Tiefstand. Wenn diese russische Armee einmal geschlagen ist, dann ist das Desaster unaufhaltsam.

Bei einem Angriff gegen die russische Armee muß die Gefahr vermieden werden, die Russen vor sich her zu schieben. Durch die Art unseres Ansatzes muß die russische Armee zerlegt und in Paketen abgewürgt werden. So muß eine Ausgangsposition geschaffen werden, die es gestattet, zu großen Umfassungsoperationen zu kommen. Werden die Russen durch starke Teilschläge getroffen, dann werden von einem gewissen Moment ab, wie in Polen, das Verkehrswesen, das Nachrichtenwesen usw. zusammenbrechen und eine volle Desorganisation eintreten.

Bis zum Frühjahr kommen 1.600 schwere Flaks und Beute-Flaks neu heran. Ferner zweieinhalb bis dreitausend kleinkalibrige Flaks. Dann sind Tagesangriffe im Sommer nicht mehr möglich.

17. Seelöwe: Nur möglich, wenn englische Jäger restlos ausgeschaltet sind, Das ist nicht zu erwarten, auch wenn unsere Luftwaffe im Frühjahr stärker sein wird als im vergangenen Frühjahr 1940.

18. Ergebnis: Felix: sobald wie möglich. Spätester F-Tag 10. 1. 41. Zwischen dem ersten Luftüberfall und dem Beginn des artilleristischen Angriffs soll ein möglichst geringer Zeitabstand liegen. Marita: Vorbereitungen voll durchführen nach Vorschlag derart, daß Einmarsch in Feindgebiet Anfang März erfolgen kann. Otto: Vorbereitungen entsprechend den Grundlagen der Planung voll in Gang setzen. In Aussicht genommener Zeitpunkt der Durchführung: Ende Mai. Seelöwe: kann außer Betracht bleiben. Libyen: kommt nicht mehr in Frage.

Quelle:

  1. Hans-Adolf Jacobsen
    Der Weg zur Teilung der Welt
    Koblenz/Bonn, 1977, S. 89ff
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