03.01.1946

Aussage des Dieter Wisliceny vor dem IMT in Nürnberg

[Der Zeuge Wisliceny betritt den Zeugenstand.]

VORSITZENDER: Wie heißen Sie?

ZEUGE DIETER WISLICENY: Dieter Wisliceny.

VORSITZENDER: Bitte, wiederholen Sie den Eid. Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzufügen werde.

[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]

VORSITZENDER: Sprechen Sie bitte langsam und machen Sie zwischen den Fragen und Antworten Pausen.

OBERSTLEUTNANT SMITH W. BROOKHART, JR. HILFSANKLÄGER FÜR DIE VEREINIGTEN STAATEN: Wie alt sind Sie?

WISLICENY: Ich bin 34 Jahre alt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wo sind Sie geboren?

WISLICENY: Ich bin geboren in Regulowken in Ostpreußen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Waren Sie ein Mitglied der NSDAP?

WISLICENY: Ja, ich war ein Mitglied der NSDAP.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Seit welchem Jahre?

WISLICENY: Ich bin zuerst 1931 in die NSDAP eingetreten, wurde dann von der Mitgliedsliste gestrichen und bin nach 1933 endgültig in die NSDAP eingetreten.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Waren Sie ein Mitglied der SS?

WISLICENY: Ja, ich bin 1934 in die SS eingetreten.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Waren Sie ein Mitglied der Gestapo?

WISLICENY: Ich bin 1934 in den SD eingetreten.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Welchen Rang erreichten Sie?

WISLICENY: Ich bin 1940 zum SS-Hauptsturmführer befördert worden.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Kennen Sie Adolf Eichmann?

WISLICENY: Ja, ich kenne Eichmann seit 1934.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wann und wo haben Sie ihn kennengelernt?

WISLICENY: Wir sind ungefähr zur selben Zeit 1934 in den SD eingetreten. Bis 1937 waren wir in der gleichen Abteilung zusammen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Kannten Sie Eichmann persönlich gut?

WISLICENY: Wir kannten uns ausgezeichnet. Eichmann und ich duzten uns, und ich kannte auch seine Familie sehr gut.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was war seine Position?

WISLICENY: Eichmann war im Reichssicherheitshauptamt Abteilungsleiter im Amt IV, in der Gestapo.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wollen Sie damit sagen, Abteilung IV oder eine Unterabteilung, in letzterem Falle welche Unterabteilung?

WISLICENY: Er leitete die Abteilung IV-A-4. Diese Abteilung umfaßte zwei Referate, das Kirchenreferat und das Referat für jüdische Angelegenheiten.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Sie haben vor sich ein Diagramm, das die Stellung der Unterabteilung IV-A-4-b des RSHA zeigt. Haben Sie dieses Diagramm selbst angefertigt?

WISLICENY: Ja, ich habe dieses Diagramm selbst gezeichnet.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Stellt es in richtiger Weise das Organisationsschema und die Abteilung dar, die sich mit der Judenfrage beschäftigen?

WISLICENY: Ja; das war ungefähr die Abteilung, zu Beginn des Jahres 1944, in ihrem Personalbestand.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Waren Sie mit Bezug auf dieses Diagramm und die Liste der leitenden Persönlichkeiten, wie sie im unteren Teil der Aufstellung verzeichnet sind, persönlich mit jedem der darin Angeführten bekannt?

WISLICENY: Ja, ich habe alle selbst gekannt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Welches war die spezielle Aufgabe der Abteilung IV-A-4-b des RSHA?

WISLICENY: Die Abteilung IV-A-4-b hatte sich mit der Judenfrage für das RSHA zu beschäftigen. Eichmann hatte besondere Vollmachten vom Gruppenführer Müller, dem Chef des Amtes IV, und vom Chef der Sicherheitspolizei. Er war verantwortlich für die sogenannte Lösung der Judenfrage in Deutschland und allen von Deutschland besetzten Gebieten.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Gab es bestimmte Zeitabschnitte für die Tätigkeit gegen die Juden?

WISLICENY: Ja.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Können Sie dem Gerichtshof die ungefähren Perioden nennen und die verschiedenen Arten der Aktionen beschreiben?

WISLICENY: Ja; bis zum Jahr 1940 waren die allgemeinen Richtlinien innerhalb des Referats, die Judenfrage in Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten durch eine planmäßige Auswanderung zu regeln. Als zweite Phase kam von diesem Zeitpunkt ab die Konzentrierung aller Juden in Polen und in übrigen von Deutschland besetzten Gebieten des Ostens, und zwar in Form von Ghettos. Diese Periode dauerte ungefähr bis zu Beginn des Jahres 1942. Als dritte Periode kam die sogenannte Endlösung der Judenfrage, das heißt, die planmäßige Ausrottung und Vernichtung des jüdischen Volkes. Diese Periode dauerte bis zum Oktober 1944, bis Himmler den Befehl gab, diese Vernichtung einzustellen.

[Das Gericht setzt die Verhandlung für 10 Minuten aus.]

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wann traten Sie zum erstenmal mit der Abteilung IV-A-4 des RSHA in Verbindung?

WISLICENY: Das geschah 1940; ich traf Eichmann zufällig...

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was war Ihre Stellung?

WISLICENY: Eichmann machte mir den Vorschlag, nach Bratislava zu gehen, um dort als Berater bei der Slowakischen Regierung für die Judenfrage zu fungieren.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wie lange bekleideten Sie nachher diese Stellung?

WISLICENY: Ich war bis zum Frühjahr 1943 in Bratislava; dann fast ein Jahr in Griechenland, und dann vom März 1944 bis zum Dezember 1944 bei Eichmann in Ungarn. Im Januar 1945 bin ich dann aus Eichmanns Abteilung ausgeschieden.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Hörten Sie in Ihrer dienstlichen Stellung als Angestellter der Abteilung IV-A-4 von irgendwelchen Befehlen, die Anweisung zur Ausrottung der Juden gaben?

WISLICENY: Ja, ich habe einen solchen Befehl zum erstenmal von Eichmann im Sommer 1942 erfahren.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Schildern Sie nun dem Gerichtshof, unter welchen Umständen dies geschah und welches der wesentliche Inhalt des Befehls war.

WISLICENY: Im Frühjahr 1942 waren etwa 17000 Juden als Arbeitskräfte aus der Slowakei nach Polen gebracht worden. Es handelte sich um eine Vereinbarung mit der Slowakischen Regierung. Die Slowakische Regierung fragte ferner an, ob die zu diesen Arbeitskräften gehörenden Familienmitglieder nicht ebenfalls nach Polen gebracht werden könnten. Ursprünglich lehnte Eichmann diesen Antrag ab. Im April oder Anfang Mai 1942 teilte er mir dann mit, daß nunmehr auch geschlossene Familien nach Polen gebracht werden könnten. Eichmann war selbst im Mai 1942 in Bratislava und hat mit den verantwortlichen slowakischen Regierungsmitgliedern gesprochen. Er besuchte Minister Mach und den damaligen Ministerpräsidenten Professor Tuka. Er gab damals der Slowakischen Regierung die Versicherung ab, daß diese Juden in den polnischen Ghettos menschlich und anständig behandelt würden. Dies war ein besonderer Wunsch der Slowakischen Regierung. Infolge dieser Zusicherung wurden etwa 35000 Juden aus der Slowakei nach Polen abtransportiert. Die Slowakische Regierung bemühte sich jedoch, daß diese Juden tatsächlich menschlich behandelt wurden, insbesondere war sie bemüht, für die Juden, die die christliche Konfession angenommen hatten, etwas zu tun. Ministerpräsident Tuka hat mich wiederholt zu sich kommen lassen und den Wunsch ausgesprochen, daß eine slowakische Delegation in die Gebiete reisen durfte, in denen sich die slowakischen Juden angeblich befanden. Ich habe diesen Wunsch Tukas an Eichmann weitergeleitet; er ist sogar auch von der Slowakischen Regierung notifiziert worden.

Eichmann gab zunächst einmal eine ausweichende Antwort. Ich bin dann Ende Juli oder Anfang August zu ihm nach Berlin gefahren und habe ihn noch einmal eindringlich gebeten, den Wunsch der Slowakischen Regierung zu erfüllen. Ich habe ihn darauf hingewiesen, daß im Ausland Gerüchte im Umlauf seien, wonach alle Juden in Polen ausgerottet würden. Ich habe darauf hingewiesen, daß von Seiten des Papstes eine Intervention bei der Slowakischen Regierung erfolgt wäre. Ich habe darauf hingewiesen, daß ein solches Vorgehen, wenn es wirklich stimmen sollte, unser Ansehen, das heißt das deutsche Ansehen, im Ausland ungeheuer schädigen würde; aus all diesen Gründen bat ich ihn, er möge diese Besichtigung zulassen; nach einer längeren Diskussion erklärte mir Eichmann, er könnte einen solchen Besuch in den polnischen Ghettos unter gar keinen Umständen genehmigen.

Auf meine Frage, warum, sagte er, daß diese Juden zum größten Teil nicht mehr am Leben seien.

Ich fragte ihn daraufhin, wer einen solchen Befehl gegeben hätte. Er berief sich, es wäre ein Befehl von Himmler. Ich bat ihn daraufhin, er möchte mir einen solchen Befehl zeigen, denn ich könnte mir nicht vorstellen, daß ein solcher Befehl tatsächlich schriftlich existierte. Er hat...

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wo waren Sie zu dem Zeitpunkt, als Sie sich mit Eichmann trafen?

WISLICENY: Dieses Zusammentreffen mit Eichmann fand in Berlin, Kurfürstenstraße 116, in den Amtsräumen Eichmanns statt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Fahren Sie fort in der Beantwortung der vorhergehenden Frage; sprechen Sie weiter über die Unterhaltung mit Eichmann, über die näheren Umstände und über den Befehl!

WISLICENY: Eichmann sagte mir, er könnte mir auch diesen Befehl schriftlich zeigen, wenn es mein persönliches Gewissen beruhigte. Er holte aus seinem Panzerschrank einen schmalen Aktenband, in dem er blätterte, und zeigte mir ein Schreiben Himmlers an den Chef der Sicherheitspolizei und des SD. In diesem Schreiben stand sinngemäß etwa folgendes:

Der Führer hätte die Endlösung der Judenfrage befohlen. Mit der Durchführung dieser sogenannten Endlösung wurde der Chef der Sicherheitspolizei und des SD und der Inspekteur des Konzentrationslagerwesens beauftragt. Es sollten von der sogenannten Endlösung alle arbeitsfähigen Juden weiblichen und männlichen Geschlechts vorläufig zurückgestellt werden, die in den Konzentrationslagern zu Arbeiten verwendet werden sollten. Dieses Schreiben war von Himmler selbst unterzeichnet. Es ist da gar kein Irrtum möglich, denn ich kannte die Unterschrift Himmlers genau. Ich...

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: An wen war dieser Befehl gerichtet?

WISLICENY: An den Chef der Sicherheitspolizei und des SD, das heißt an die Dienststelle des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: War dieser Befehl noch an irgendwelche anderen Stellen gerichtet?

WISLICENY: Ja, den Inspekteur des Konzentrationslagerwesens. An beide Dienststellen war dieser Befehl adressiert.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Hatte dieser Befehl irgendeine besondere Anordnung zwecks Geheimhaltung?

WISLICENY: Er war geheime Reichssache.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Welches war das ungefähre Datum dieses Befehls?

WISLICENY: Dieser Befehl war von April 1942.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Von wem war er unterschrieben?

WISLICENY: Von Himmler persönlich.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Und Sie haben diesen Befehl persönlich in Eichmanns Büro überprüft?

WISLICENY: Ja. Eichmann reichte mir das Aktenstück herüber, und ich habe den Befehl selbst gesehen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wurde von Ihnen wegen der Bedeutung des in dem Befehl gebrauchten Wortes "Endlösung" eine Frage gestellt?

WISLICENY: Eichmann erklärte mir anschließend diesen Begriff. Er sagte mir, daß in diesem Begriff und in dem Worte "Endlösung" sich die planmäßige biologische Vernichtung des Judentums in den Ostgebieten verbarg. Auch in späteren Diskussionen über das gleiche Thema tauchte dieses Wort "Endlösung" immer wieder auf.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Haben Sie irgendetwas zu Eichmann gesagt, das sich auf die ihm in diesem Befehl gegebene Vollmacht bezog?

WISLICENY: Eichmann sagte mir, daß er persönlich mit der Durchführung dieses Befehls innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes beauftragt wäre. Er hätte für die Durchführung dieses Befehls alle Vollmachten von seiten des Chefs der Sicherheitspolizei bekommen; er wäre persönlich verantwortlich, daß dieser Befehl durchgeführt würde.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Haben Sie zu Eichmann über diese Vollmacht irgendwelche Bemerkung gemacht?

WISLICENY: Ja. Ich war mir vollkommen darüber klar, daß dieser Befehl ein Todesurteil für Millionen von Menschen bedeutete. Ich habe Eichmann gesagt "Gott gebe es, daß unsere Feinde niemals Gelegenheit hätten, Gleiches dem deutschen Volke zuzufügen", daraufhin sagte Eichmann, ich sollte nicht sentimental werden; es wäre ein Führerbefehl, und der müßte durchgeführt werden.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wissen Sie, ob dieser Befehl in Kraft blieb, während Eichmann im Amte war?

WISLICENY: Ja.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wie lange?

WISLICENY: Dieser Befehl blieb in Kraft bis zum Oktober 1944. Zu diesem Zeitpunkt gab Himmler einen Gegenbefehl, der die Vernichtung der Juden untersagte.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wer war der Chef des Reichssicherheitshauptamtes zur Zeit, als dieser Befehl zum erstenmal gegeben wurde?

WISLICENY: Das war Heydrich.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wurde dieses Programm mit der gleichen Strenge unter Kaltenbrunner fortgesetzt?

WISLICENY: Ja. Es hat gar keinerlei Abschwächung oder Änderung erfahren.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Sagen Sie uns, falls es Ihnen bekannt ist, wie lange Kaltenbrunner Eichmann kannte?

WISLICENY: Aus verschiedenen Äußerungen von Eichmann habe ich entnommen, daß Kaltenbrunner und Eichmann sich sehr lange kannten. Beide waren aus Linz, und als Kaltenbrunner zum Chef der Sicherheitspolizei ernannt wurde, gab Eichmann seiner Befriedigung darüber Ausdruck. Er sagte damals zu mir, daß er Kaltenbrunner persönlich gut kenne, daß auch Kaltenbrunner seine Familie aus Linz sehr genau kenne.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Erwähnte Eichmann jemals, daß seine Freundschaft und seine Beziehungen zu Kaltenbrunner für ihn von Nutzen seien?

WISLICENY: Ja, er sagte wiederholt, wenn er irgendwelche ernstlichen Schwierigkeiten hätte, so könnte er jederzeit zu Kaltenbrunner persönlich gehen. Er brauchte aber nicht oft an ihn zu appellieren, da sein Verhältnis zu seinem unmittelbaren Chef, dem Gruppenführer Müller, sehr gut war.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Waren Sie zugegen als Eichmann und Kaltenbrunner sich trafen?

WISLICENY: Ja, einmal habe ich gesehen, daß Kaltenbrunner Eichmann persönlich herzlichst begrüßte. Das war im Februar 1945 in Eichmanns Dienststelle in Berlin. Kaltenbrunner kam jeden Mittag zum Essen nach der Kurfürstenstraße 116. Dort versammelten sich die Chefs der Ämter zum gemeinsamen Mittagessen mit Kaltenbrunner, und bei einer solchen Gelegenheit habe ich selbst gesehen, daß Kaltenbrunner Eichmann herzlich begrüßte und sich nach dem Ergehen seiner Familie in Linz erkundigte.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Ist Ihnen im Hinblick auf die Verwaltung seines Büros bekannt, inwieweit Eichmann seine Angelegenheiten Heydrich und später Kaltenbrunner zur Genehmigung unterbreitete?

WISLICENY: Der normale Dienstweg von Eichmann zu Kaltenbrunner führte über Gruppenführer Müller. Berichte an Kaltenbrunner wurden meines Wissens in regelmäßigen Abständen von Eichmann angefertigt und Kaltenbrunner vorgelegt. Ich weiß auch, daß er im Sommer 1944 persönlich bei Kaltenbrunner zur Berichterstattung war.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Hatten Sie jemals Gelegenheit, Akten im Büro Eichmanns durchzusehen?

WISLICENY: Ja, ich habe öfters in Vorgänge, Akten, in Eichmanns Büro Einsicht nehmen können. Ich weiß, daß Eichmann alle Fragen, die seinen besonderen Auftrag betrafen, alle Akten besonders, vorsichtig behandelte. Er war in allen Dingen ein ausgesprochener Bürokrat; über jede Unterredung, die er mit irgendeinem seiner Vorgesetzten hatte, fertigte er sofort eine Aktennotiz an. Er hat mich immer wieder darauf hingewiesen, daß dies das Wichtigste wäre, damit er jederzeit von oben gedeckt wäre. Er selbst scheute jede eigene Verantwortung und war sehr bemüht, für alle Maßnahmen, die er traf, eine Deckung seiner Verantwortlichkeit seinen Vorgesetzten gegen über, in diesem Falle von Müller und Kaltenbrunner, zu erreichen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Haben Sie jemals die Abschrift eines typischen Berichts, der von Eichmanns Büro durch Müller und Kaltenbrunner zu Himmler kam, in den Akten gesehen?

WISLICENY: Ja, solche Abschriften waren selbstverständlich vielfach in den Akten vorhanden. Der normale Weg war folgendermaßen: Eichmann ließ einen Entwurf durch den Sachbearbeiter anfertigen, oder er fertigte den Entwurf selbst an. Dieser Entwurf ging zu Gruppenführer Müller, seinem Amtschef. Entweder unterzeichnete Müller diesen Entwurf selbst, oder er überließ die Unterzeichnung Eichmann. In den meisten Fällen, wenn es sich um Berichte an Kaltenbrunner oder Himmler handelte, unterzeichnete Müller diese Berichte. Wenn der Bericht ohne Änderung von Müller abgezeichnet war, kam er in Eichmanns Büro zurück, und es wurde eine Reinschrift angefertigt mit einem Durchschlag. Diese Reinschrift ging wieder zu Müller zur Unterschrift, und von da aus wurde sie weiter, entweder an Kaltenbrunner oder an Himmler expediert. In einzelnen Fällen, wo es sich um Berichte an Himmler handelte, hat Kaltenbrunner diese Berichte selbst unterschrieben. Ich habe solche Durchschläge, die Kaltenbrunners Signum trugen, selbst gesehen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wir wollen uns jetzt Gebieten und Ländern zuwenden, in denen antijüdische Maßnahmen getroffen wurden. Wollen Sie uns erklären, von welchen Ländern Sie persönlich Kenntnis haben?

WISLICENY: Zunächst einmal habe ich eine persönliche Kenntnis über alle Maßnahmen, die in der Slowakei getroffen wurden. Ferner weiß ich über die Evakuierung der Juden aus Griechenland nähere Einzelheiten und besonders über die Evakuierung aus Ungarn. Ich weiß ferner noch über gewisse Maßnahmen in Bulgarien und in Kroatien. Von anderen Maßnahmen in anderen Ländern habe ich selbstverständlich gehört, ohne durch eigene Anschauung oder durch genaue Berichte mir ein Bild über die Situation machen zu können.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was die Maßnahmen in der Slowakei angeht, so haben Sie bereits die 17000 Juden erwähnt, die besonders ausgewählt und aus der Slowakei deportiert wurden. Wollen Sie bitte dem Gerichtshof von anderen weiteren Maßnahmen, die sich auf Juden in der Slowakei bezogen, Mitteilung machen?

WISLICENY: Ich erwähnte vorhin schon, daß diesen ersten 17000 Arbeitskräften etwa 35000 Juden, und zwar geschlossene Familien, folgten. Im August oder Anfang September 1942 wurde diese Aktion in der Slowakei eingestellt. Die Gründe dafür waren, daß ein großer Teil der Juden, die noch in der Slowakei vorhanden waren, Ausnahmebewilligungen des Staatspräsidenten oder verschiedener Ministerien zum Verbleiben im Lande hatten; im übrigen wohl auch die ungenügende Antwort, die ich der Slowakischen Regierung auf ihre Bitte um Besichtigung der Judenlager in Polen geben konnte.

Dieser Zustand dauerte bis zum September 1944. Von August 1942 bis September 1944 sind keine Juden aus der Slowakei abtransportiert worden. Es waren noch etwa immerhin 25000 bis 30000 Juden in der Slowakei vorhanden.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was geschah mit der ersten Gruppe von 17000 besonders ausgewählten Arbeitern?

WISLICENY: Diese Gruppe wurde nicht vernichtet, sondern wurde restlos zu Arbeitszwecken in den Konzentrationslagern in Auschwitz und Lublin eingesetzt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Woher wissen Sie das?

WISLICENY: Diese Einzelheit weiß ich, weil der Kommandant von Auschwitz, Höß, 1944 in Ungarn eine solche Bemerkung zu mir machte. Er sagte mir damals, daß diese 17000 Juden seine besten Arbeitskräfte in Auschwitz wären.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wie hieß dieser Kommandant?

WISLICENY: Der Kommandant von Auschwitz hieß Höß.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was geschah mit den ungefähr 35000 Familienangehörigen der jüdischen Arbeiter, die ebenfalls nach Polen deportiert wurden?

WISLICENY: Sie wurden entsprechend dem Befehl behandelt, den mir Eichmann im August 1942 gezeigt hatte. Ein Teil von ihnen blieb am Leben, soweit er zu Arbeitszwecken einzusetzen war. Die anderen wurden getötet.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Woher wissen Sie das?

WISLICENY: Das weiß ich von Eichmann und auch selbstverständlich von Höß aus den Gesprächen in Ungarn.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wieviele aus dieser Gruppe blieben am Leben?

WISLICENY: Höß bezifferte damals in einem Gespräch mit Eichmann, bei dem ich Zeuge war, den Anteil der Juden, die am Leben blieben und zur Arbeit eingesetzt wurden, auf etwa 25 bis 30 Prozent.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wissen Sie, was mit den 25000 Juden, die in der Slowakei bis September 1944 zurückblieben, geschehen ist?

WISLICENY: Nach Ausbruch des slowakischen Aufstandes im Herbst 1944 wurde Hauptsturmführer Brunner, einer von Eichmanns Gehilfen, in die Slowakei gesandt. Mein Wunsch, in die Slowakei zu gehen, wurde von Eichmann abgelehnt. Brunner hat dann mit Hilfe von deutschen Polizeikräften und slowakischen Gendarmeriekräften diese Juden in einigen Lagern konzentriert und nach Auschwitz abtransportiert; nach Angaben von Brunner wurden davon etwa 14000 Menschen betroffen. Eine kleine Gruppe, die in dem Lager Szered zurückgeblieben war, wurde meines Wissens im Frühjahr 1945 nach Theresienstadt überführt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was geschah mit diesen Juden, dieser Gruppe von 25000, nachdem sie aus der Slowakei abtransportiert waren?

WISLICENY: Ich nehme an, daß sie ebenfalls noch der sogenannten "Endlösung" zugeführt wurden, da der Befehl Himmlers zum Einstellen dieser Aktion erst einige Wochen später erfolgte.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was nun die Aktionen in Griechenland angeht, von denen Sie persönlich Kenntnis haben, wollen Sie dem Gerichtshof über diese in zeitlicher Reihenfolge Mitteilung machen?

WISLICENY: Im Januar 1943 ließ mich Eichmann nach Berlin kommen und sagte mir, daß ich nach Saloniki gehen sollte, um dort in Verbindung mit der deutschen Militärverwaltung in Mazedonien die Judenfrage in Saloniki zu lösen. Vorher war bereits Eichmanns ständiger Vertreter, Sturmbannführer Rolf Günther, in Saloniki gewesen. Als Zeitpunkt meiner Abreise nach Saloniki war der Februar 1942 vorgesehen. Ende Januar 1942 wurde mir von Eichmann mitgeteilt, daß zur technischen Durchführung aller Aktionen in Griechenland Hauptsturmführer Brunner von ihm bestimmt sei, der mit mir nach Saloniki abreisen würde. Brunner war mir nicht unterstellt, sondern operierte selbständig. Wir sind dann im Februar 1942 nach Saloniki gefahren und haben dort mit der Militärverwaltung Verbindung aufgenommen. Als erste Aktion...

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Mit wem in der Militärverwaltung hatten Sie zu tun?

WISLICENY: Es war Kriegsverwaltungsrat Dr. Merten, der Chef der Militärverwaltung beim Wehrmachtsbefehlshaber Saloniki-Ägäis.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Ich glaube, Sie haben sich ein oder zweimal auf das Jahr 1942 bezogen. Haben Sie jedesmal 1943 sagen wollen, als Sie von Griechenland sprachen?

WISLICENY: Das ist ein Irrtum. Die Ereignisse in Griechenland fanden 1943 statt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Welche Vereinbarungen wurden durch Dr. Merten getroffen, und welche Schritte wurden unternommen?

WISLICENY: In Saloniki wurden zunächst einmal die Juden in bestimmten Stadtvierteln der Stadt konzentriert. In Saloniki lebten etwa 50000 Juden spaniolischer Abkunft. Im Anfang März kam dann, nachdem diese Konzentrierung durchgeführt war, ein Fernschreiben von Eichmann an Brunner, das die sofortige Abtransportierung aller in Saloniki und Mazedonien befindlichen Juden nach Auschwitz befahl. Mit diesem Befehl sind Brunner und ich zur Militärverwaltung gegangen; von seiten der Militärverwaltung wurden keinerlei Ausstände gemacht, und die Maßnahmen wurden vorbereitet und durchgeführt. Brunner selbst hat die ganze Aktion in Saloniki geleitet. Die Zugsgarnituren, die zum Abtransport notwendig waren, wurden bei der Transportkommandantur der Wehrmacht angefordert. Brunner brauchte lediglich anzugeben, wieviel Waggons und zu welchem Zeitpunkt er diese Waggons benötigte.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wurden irgendwelche jüdische Arbeiter auf Verlangen des Dr. Merten oder der Militärverwaltung zurückbehalten?

WISLICENY: Ja, zu Bauarbeiten an Bahnstrecken hatte die Militärverwaltung etwa 3000 männliche jüdische Arbeitskräfte angefordert, die ihr auch übergeben wurden. Nach Beendigung dieser Bahnarbeiten wurden die Juden wieder an Brunner zurückgegeben; sie wurden gleichfalls, wie alle anderen, nach Auschwitz abtransportiert. Diese Arbeiten fanden im Rahmen der Organisation Todt statt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wieviele jüdische Arbeiter wurden für die Organisation Todt zurückbehalten?

WISLICENY: Etwa 3000 bis 4000.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Befanden sich unter den zum Abtransport versammelten Juden auch Kranke?

WISLICENY: Im eigentlichen Lager, Konzentrie rungslager, waren keine besonderen Krankheitsfälle zu verzeichnen. Jedoch herrschte in den einzelnen Stadtvierteln, die von Juden bewohnt waren, Flecktyphus und auch andere ansteckende Krankheiten, wie besonders Lungentuberkulose.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Haben Sie wegen dieses Typhus irgendwelche Verbindung mit Eichmann aufgenommen?

WISLICENY: Ich habe Eichmann durch ein Telefongespräch, nachdem das Fernschreiben über den Abtransport aller Juden aus Saloniki eingetroffen war, auf diese Typhusfälle aufmerksam gemacht. Er ist aber nicht auf diesen Einwand eingegangen, sondern befahl die sofortige Aufnahme des Abtransportes.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wieviele Juden wurden insgesamt in Griechenland erfaßt und abtransportiert?

WISLICENY: Es waren über 50000 Juden; ich glaube etwa 54000 Juden, die aus Saloniki und Mazedonien abtransportiert wurden.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Worauf begründen Sie diese Zahl?

WISLICENY: Ich habe selbst einen umfassenden Bericht, den Brunner nach Beendigung des Abtransportes an Eichmann verfaßte, gelesen. Brunner verließ Saloniki Ende Mai 1943. Ich selbst war von Anfang April bis Ende Mai nicht in Saloniki, so daß Brunner die Aktion allein durchgeführt hat.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wieviele Transporte wurden für den Abtransport der Juden aus Saloniki benötigt?

WISLICENY: Es waren über 20, etwa zwischen 20 und 25 Transportzüge.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wieviele wurden in jedem Transport verschickt?

WISLICENY: Die Belegung war mindestens 2000; in manchen Fällen auch zweieinhalbtausend.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Welche Art von Eisenbahnwagen wurde für diese Transporte verwendet?

WISLICENY: Es wurden geschlossene Güterwaggons verwendet; den zu Evakuierenden wurde Verpflegung auf ungefähr zehn Tage mitgegeben, die im wesentlichen aus Brot, Oliven und anderen trockenen Lebensmitteln bestand, außerdem Wasser und verschiedene andere sanitäre Einrichtungen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wer stellte diese Eisenbahnwaggons zur Verfügung?

WISLICENY: Das Transportmaterial wurde von der Transportkommandantur der Wehrmacht gestellt, das heißt die Waggons und die Lokomotiven; die Lebensmittel wurden von der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was hatte die Unterabteilung IV-A-4 zu tun, um diese Transportmittel zu erhalten, und wer in dieser Unterabteilung befaßte sich damit?

VORSITZENDER: Oberstleutnant Brookhart, Sie brauchen auf solche Einzelheiten nicht einzugehen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Herr Vorsitzender, diese spezielle Frage wird meiner Meinung für die Beteiligung der Militärverwaltung von Bedeutung sein, aber ich kann die Besprechung anderer Einzelheiten einschränken.

VORSITZENDER: Gewiß. Sie haben ziemlich viel Zeit verwendet, um zu beschreiben, wieviele von ihnen zusammengetrieben wurden, ob es 60000 waren, oder wieviele für die Organisation Todt zurückbehalten wurden; alle diese Einzelheiten sind wirklich unnötig.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Gewiß, Herr Vorsitzender.

VORSITZENDER: Ich glaube, Sie müssen nach eigenem Ermessen handeln, wieviel Sie weglassen können. Ich weiß nicht, welche Einzelheiten und welche Tatsachen Sie beweisen wollen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Herr Vorsitzender, dieser Zeuge hat bestätigt, daß er in der Lage ist, über nahezu alle Einzelheiten in diesen Balkanländern auszusagen. Wir wünschen nicht, noch mehr zusätzliches Beweismaterial vorzubringen, aber seine Zeugenaussage gibt ein vollständiges Bild des Verfahrens vom Chef des Reichssicherheitshauptamtes an über die verschiedenen Feldoperationen bis zur "Endlösung".

VORSITZENDER: Gut, was soll er betreffs dieser 50000 Juden beweisen?

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was endgültig mit ihnen in Auschwitz geschah, soweit es ihm bekannt ist.

VORSITZENDER: Gut, Sie können fortfahren, um darzulegen, was man schließlich mit ihnen getan hat.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Jawohl, Herr Vorsitzender.

[Zum Zeugen gewandt]:

Welches war der Bestimmungsort dieser Judentransporte aus Griechenland?

WISLICENY: In allen Fällen Auschwitz.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was geschah letzten Endes mit diesen von Griechenland nach Auschwitz gesandten Juden?

WISLICENY: Sie wurden ausnahmslos der sogenannten "Endlösung" zugeführt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Mußten die Juden während der Zeit vor ihrem Abtransport für ihren eigenen Unterhalt Sorge tragen?

WISLICENY: Ich habe diese Frage nicht genau verstanden.

VORSITZENDER: Oberstleutnant Brookhart, ist dies nicht einerlei, da sie doch der "Endlösung" zugeführt wurden, was meines Wissens nach Tod bedeutet?

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Herr Vorsitzender! Dieser Zeuge wird aussagen, daß 280 Millionen Drachmen in der Griechischen Nationalbank für den Unterhalt dieser Leute hinterlegt wurden, und daß dieser Betrag später von der deutschen Militärverwaltung beschlagnahmt wurde. Das ist alles was ich hoffte, mit dieser Frage beweisen zu können.

[Zum Zeugen gewandt]:

Ist das eine richtige Erklärung Ihrer Aussage?

WISLICENY: Ja. Das Bargeld, das diese Juden besaßen, wurde ihnen abgenommen und auf ein Sammelkonto bei der Bank von Griechenland niedergelegt. Nach Ende des Abtransportes der Juden aus Saloniki wurde dieses Konto von der Militärverwaltung übernommen. Es waren damals etwa 280 Millionen Drachmen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wenn Sie sagten, daß die Juden in Auschwitz der "Endlösung" zugeführt wurden, so wollten Sie damit was sagen?

WISLICENY: Ich meine das damit, was Eichmann mir unter "Endlösung" erklärt hat, daß sie also biologisch vernichtet wurden. Soviel ich aus Gesprächen mit Eichmann entnommen habe, geschah diese Vernichtung in Gaskammern. Die Körper wurden anschließend in Krematorien verbrannt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Herr Vorsitzender, dieser Zeuge ist in der Lage, über die Aktionen in Ungarn auszusagen, die ungefähr 500000 Juden betroffen haben.

VORSITZENDER: Fahren Sie fort. Sie müssen nach Ihrem eigenen Ermessen handeln. Ich kann den Fall für Sie nicht vortragen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Ich habe nicht den Wunsch, zusätzliches Beweismaterial vorzubringen.

[Zum Zeugen gewandt]:

Wir wollen uns den Aktionen in Ungarn zuwenden. Wollen Sie die dort vorgenommenen Aktionen und Ihre Teilnahme daran kurz schildern?

WISLICENY: Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn ging Eichmann persönlich mit einem großen Kommando nach Ungarn herunter. Durch einen Befehl, der vom Chef der Sicherheitspolizei unterzeichnet war, wurde ich zu Eichmanns Kommando bestimmt. Eichmann begann seine Tätigkeit Ende März 1944 in Ungarn. Er nahm Verbindung auf mit Mitgliedern der damaligen Ungarischen Regierung, insbesondere mit Staatssekretär Endre und Staatssekretär von Baky. Die erste Maßnahme, die Eichmann in Verbindung mit diesen ungarischen Regierungsbeamten traf, war eine Konzentrierung der Juden in Ungarn an bestimmten Orten und bestimmten Plätzen. Diese Maßnahmen begannen zonenweise und nahmen ihren Anfang in dem sogenannten Karpa tho-Rußland und in Siebenbürgen. Der Beginn dieser Aktion war Mitte April 1944.

In Karpatho-Rußland wurden über 200000 Juden von diesen Maßnahmen betroffen. Dadurch entstanden in den kleinen Städten und Landgemeinden, in denen die Juden konzentriert wurden, unhaltbare Verhältnisse hinsichtlich ihrer Verpflegung und Unterbringung. Aus dieser Situation herausmachte Eichmann den Ungarn den Vorschlag, diese Juden nach Auschwitz und in andere Lager zu übernehmen. Er bestand jedoch darauf, daß ein entsprechender Antrag der Ungarischen Regierung oder eines ungarischen Regierungsmitglieds bei ihm vorgelegt werde. Dieser Antrag fand durch den Staatssekretär von Baky statt. Die Durchführung der Evakuierung wurde von der ungarischen Gendarmerie durchgeführt.

Eichmann selbst beauftragte mich als Verbindungsoffizier bei Oberstleutnant Ferency, der vom ungarischen Innenministerium mit dieser Aktion beauftragt war. Die Abbeförderung der Juden aus Ungarn begann Anfang Mai 1944, und zwar erfolgte der Abtransport ebenfalls zonenweise, beginnend in Karpatho-Rußland, dann Siebenbürgen, dann Nord-Ungarn, dann Süd-Ungarn und dann West-Ungarn. Budapest sollte Ende Juni von Juden geräumt werden; jedoch unterblieb die Räumung, da der Reichsverweser von Horthy es nicht zuließ. Von dieser Aktion wurden ungefähr 450000 Juden betroffen. Eine zweite Aktion fand dann...

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Bevor Sie hierauf eingehen, wollen Sie bitte dem Gerichtshof mitteilen, was zur Organisierung einer Einsatzgruppe zur Lösung der Judenfrage in Ungarn getan wurde?

WISLICENY: Im Anfang März 1944 wurde eine sogenannte Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des SD in Mauthausen bei Linz zusammengestellt. Eichmann selbst führte ein sogenanntes Sonder-Einsatzkommando, zu dem er alle Leute, die in seiner Abteilung irgendeine Funktion bekleideten, beorderte. Dieses Sonder-Einsatzkommando sammelte sich ebenfalls in Mauthausen; es war personell dem Führer der Einsatzgruppe, damals Standartenführer Dr. Geschke, unterstellt; in sachlicher Hinsicht jedoch unterstand Eichmann nur dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was bedeutet die Bezeichnung "Sonder-Einsatzkommando Eichmann" in Beziehung zu den Vorgängen in Ungarn?

WISLICENY: Eichmanns Tätigkeit in Ungarn umfaßte alle Angelegenheiten, die mit der Judenfrage in Verbindung standen.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Unter wessen unmittelbarer Aufsicht wurde das "Sondereinsatz-Kommando Eichmann" organisiert?

WISLICENY: Ich sagte schon, daß in allen Personalangelegenheiten und wirtschaftlichen Angelegenheiten Eichmann dem Führer der Einsatzgruppe, Standartenführer Dr. Geschke, unterstellt war. In sachlicher Beziehung konnte Geschke Eichmann keine Vorschriften machen. Eichmann berichtete auch über alle Aktionen, die er unternahm, direkt nach Berlin.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wem?

WISLICENY: Entweder an Gruppenführer Müller, oder in wichtigeren Fällen an den Chef der Sicherheitspolizei und des SD, also an Kaltenbrunner.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wurde während des Zeitraums, in dem die ungarischen Juden erfaßt wurden, eine Verbindung von dem Vertreter Eichmanns mit dem "Joint Distribution Committee on Jewish Affairs" hergestellt?

WISLICENY: Das "Joint Distribution Committee" bemühte sich, mit Eichmann eine Verbindung zu bekommen, um zu versuchen, das Schicksal der ungarischen Juden abzuwenden. Ich selbst habe diese Verbindung mit Eichmann hergestellt, da ich eine Möglichkeit suchen wollte, daß die halbe Million Juden – daß die Juden in Ungarn nicht von den bisherigen Maßnahmen betroffen wurden. Das "Joint Distribution Committee" hat Eichmann Vorschläge gemacht und als Gegenleistung gefordert, daß die Juden in Ungarn verbleiben sollten. Diese Vorschläge waren besonders finanzieller Natur. Eichmann sah sich veranlaßt, äußerst widerwillig diese Vorschläge an Himmler weiterzuleiten. Himmler hat dann mit den weiteren Verhandlungen einen Standartenführer Becher beauftragt. Standartenführer Becher hat dann mit dem Delegierten des Joint, Dr. Kastner, weitere Verhandlungen gehabt. Eichmann aber hat sich von Anfang an bemüht, diese Verhandlungen zum Scheitern zu bringen. Noch ehe ein konkretes Resultat herauskam, wollte er fertige Tatsachen schaffen, das heißt möglichst viele Juden nach Auschwitz abbefördern.

VORSITZENDER: Müssen wir auf all diese Verhandlungen eingehen? Können Sie nicht zum Ende der Sache kommen?

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Der Zeuge neigt dazu, lange Antworten zu geben, das hat sich schon in den vorgerichtlichen Verhören ergeben. Ich werde versuchen...

VORSITZENDER: Sie verhören ihn!

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Jawohl, Herr Vorsitzender.

[Zum Zeugen gewandt]:

War in der Zusammenkunft zwischen Dr. Kastner und Eichmann von Geld die Rede?

WISLICENY: Ja.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wieviel?

WISLICENY: In der ersten Besprechung übergab Dr. Kastner etwa drei Millionen Pengö an Eichmann. Wie hoch die Beträge waren, die in späteren Verhandlungen genannt wurden, weiß ich nicht genau.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wem gab Dr. Kastner das Geld, und was geschah damit?

WISLICENY: Es wurde an Eichmann gegeben, der es seinem Geldverwalter übergab, dann wurde dieser Betrag dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Ungarn übergeben.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Die von Ihnen beschriebenen Aktionen betrafen ungefähr 450000 Juden, die aus Ungarn verschleppt wurden. Wurden irgendwelche offizielle Berichte über diese Transporte nach Berlin gesandt?

WISLICENY: Ja. Für jeden abgehenden Transport wurde ein Fernschreiben nach Berlin abgesandt. Eichmann erstattete auch von Zeit zu Zeit Sammelberichte an das Reichssicherheitshauptamt und an den Chef der Sicherheitspolizei.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was geschah mit den in Budapest verbliebenen Juden?

WISLICENY: Nachdem Szalasi die Regierung in Ungarn übernommen hatte....

VORSITZENDER: Oberst Brookhart, wir haben noch nicht gehört, was mit jenen Juden aus Ungarn geschah? Falls es gesagt wurde, dann habe ich es überhört.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Ich werde diese Frage jetzt stellen, Herr Vorsitzender.

[Zum Zeugen gewandt]:

Was geschah mit den Juden, von denen Sie bereits gesprochen haben, ungefähr 450000?

WISLICENY: Sie wurden restlos nach Auschwitz gebracht und dort der "Endlösung" zugeführt.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Meinen Sie, daß sie getötet wurden?

WISLICENY: Ja, mit Ausnahme von etwa 25 bis 30 Prozent, die zu Arbeitszwecken verwendet wurden. Ich nehme darauf Bezug auf meine Erwähnung einer Unterredung, die zwischen Höß und Eichmann in diesem Zusammenhang in Budapest stattfand.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was geschah mit den in Budapest verbliebenen Juden?

WISLICENY: Im Oktober, November 1944 wurden von diesen Juden etwa 30000, vielleicht noch ein paar Tausend mehr, herausgenommen und nach Deutschland verbracht. Sie sollten beim Bau des sogenannten Südostwalles, einer Verteidigungsstellung in der Nähe von Wien, als Arbeitskräfte eingesetzt werden. Es handelte sich meistens dabei um Frauen.

Diese Juden mußten den Weg von Budapest bis zur deutschen Grenze zu Fuß machen, fast 200 km. Sie wurden in Marschgruppen zusammengestellt und gingen in besonders vorgeschriebenen Marschrouten. Ihre Unterbringung und Ernährung während dieses Marsches war außerordentlich schlecht. Die meisten von ihnen wurden von Krankheiten befallen und waren entkräftet. Ich hatte den Auftrag von Eichmann, an der deutschen Grenze diese Gruppen zu übernehmen und sie an die Gauleitung Niederdonau zu Arbeitszwecken weiterzuleiten. Ich habe in vielen Fällen die Übernahme dieser sogenannten Arbeitskräfte abgelehnt, weil die Menschen völlig entkräftet und durch Krankheiten heruntergekommen waren. Eichmann zwang mich jedoch, auch diese Menschen zu übernehmen, indem er in diesem Falle sogar mir androhte, er würde mich Himmler zur Einweisung in ein Konzentrationslager melden, wenn ich ihm weitere politische Schwierigkeiten machen würde. Durch diese Tatsache wurde ich dann auch aus Eichmanns Abteilung entfernt.

Ein großer Teil dieser Menschen ist dann in den sogenannten Arbeitslagern in Niederdonau an Entkräftung und Seuchen gestorben, Ein geringer Prozentsatz, etwa 12000, wurde nach Wien und die Umgebung von Wien gebracht, und ein Transport von ungefähr 3000 ging nach Bergen-Belsen und von da in die Schweiz. Das waren Juden, die im Zuge der Verhandlungen mit dem Joint aus Deutschland herausgelassen wurden.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wenn wir die Länder Griechenland, Ungarn und Slowakei zusammennehmen, wieviele Juden wurden ihrer persönlichen Kenntnis nach von Maßregeln der Gestapo und des SD in diesen Ländern betroffen?

WISLICENY: In der Slowakei waren es ungefähr 66000. In Griechenland waren es ungefähr 64000, in Ungarn war es über eine halbe Million.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wie viele Juden wurden in den Ländern Kroatien und Bulgarien, über die sie einige Kenntnisse besitzen, von den Maßnahmen betroffen?

WISLICENY: In Bulgarien meines Wissens etwa 8000. Von Kroatien weiß ich nur die Zahl von etwa 3000 Juden, die im Sommer 1942 nach Auschwitz gebracht wurden, und zwar aus Agram.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Haben jene Spezialisten für Judenfragen des Amtes IV a Sitzungen abgehalten, deren Namen auf diesem Papier erscheinen, auf das wir bereits Bezug genommen haben?

WISLICENY: Ja, Eichmann hatte die Gewohnheit, alle Jahre eine große Sitzung seiner Sachbearbeiter in Berlin einzuberufen. Diese Sitzung fand meistens im November statt. An diesen Sitzungen mußten alle Männer, die im Ausland von ihm eingesetzt waren, über ihre Tätigkeit Bericht erstatten. Im Jahre 1944 hat ein solches Treffen meines Wissens nicht stattgefunden, weil Eichmann im November 1944 noch in Ungarn war.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wieviele Juden, über deren Schicksal Sie persönlich Bescheid wissen, wurden der "Endlösung", also der Tötung, unterworfen?

WISLICENY: Die genaue Zahl läßt sich für mich außerordentlich schlecht feststellen. Ich habe nur einen Anhaltspunkt, und das ist das Gespräch zwischen Eichmann und Höß in Wien, in dem er sagte, daß von den Juden, die aus Griechenland nach Auschwitz gekommen wären, nur sehr wenige Arbeitskräfte dabei gewesen wären. Die Juden aus der Slowakei und aus Ungarn waren etwa 25 bis 30 Prozent arbeitsfähig. Es ist für mich daher sehr schwer, eine gültige Totalsumme genau anzugeben.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Haben Sie in den Besprechungen mit den anderen Spezialisten über Judenfragen und mit Eichmann irgendwelche Kenntnis oder Auskunft über die Gesamtzahl der unter diesem Programm getöteten Juden erhalten?

WISLICENY: Eichmann persönlich sprach immer von mindestens vier Millionen Juden, manchmal nannte er sogar die Zahl von fünf Millionen. Nach meiner persönlichen Schätzung müssen es mindestens vier Millionen Juden gewesen sein, die von der sogenannten "Endlösung" betroffen wurden. Wieviele davon wirklich am Leben geblieben sind, kann ich natürlich nicht angeben.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Wann sahen Sie Eichmann zum letztenmal?

WISLICENY: Ich habe Eichmann zuletzt Ende Februar 1945 in Berlin gesehen. Er äußerte damals, daß, wenn der Krieg verloren wäre, er Selbstmord begehen würde.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Sagte er damals irgendetwas über die Zahl der getöteten Juden?

WISLICENY: Ja, er drückte das in einer besonders zynischen Weise aus. Er sagte: Er würde lachend in die Grube springen, denn das Gefühl, daß er fünf Millionen Menschen auf dem Gewissen hätte, wäre für ihn außerordentlich befriedigend.

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Der Zeuge steht den anderen Vertretern zur Verfügung.

VORSITZENDER: Hat irgendein anderer Anklagevertreter den Wunsch, den Zeugen zu verhören?

MR. G D. ROBERTS, ERSTER ANKLÄGER FÜR DAS VEREINIGTE KÖNIGREICH VON GROSSBRITANNIEN UND NORDIRLAND: Herr Vorsitzender, ich habe nicht den Wunsch, Fragen an ihn zu stellen.

VORSITZENDER: Wünscht der russische Anklagevertreter Fragen zu stellen?

OBERST POKROWSKI: Die Sowjetunion hat in diesem Augenblick keine Fragen zu stellen.

VORSITZENDER: Hat der französische Anklagevertreter Fragen zu stellen?

[Keine Antwort.]

DR. SERVATIUS: Herr Zeuge, Sie haben über den Einsatz von Juden zur Arbeit gesprochen und zwei Fälle genannt, einmal Einsatz von Juden aus der Slowakei, die nach Auschwitz kamen, wovon die arbeitsfähigen zur Arbeit versandt wurden; dann später von den Juden, die aus Ungarn zum Südostwall kamen. Ist Ihnen bekannt, ob der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, Sauckel, mit diesen Aktionen in Verbindung stand, ob es auf seine Anordnung geschehen ist, und ob er sonst mit diesen Sachen zu tun hatte?

WISLICENY: Soweit es die Juden aus der Slowakei betrat, hatte der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz mit diesen Dingen nichts zu tun. Es war eine rein interne Angelegenheit des Inspekteurs des Konzentrationslagerwesens, der diese Juden für seine eigenen Zwecke einsetzte. Soweit der Einsatz von Juden beim Bau des Südostwalls geschah, kann ich diese Frage nicht konkret beantworten. Ich weiß nicht, wie weit der Bau des Südostwalls von dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz gesteuert wurde. Die Juden, die von Ungarn für diesen Bau heraufkamen, wurden der Gauleitung Niederdonau übergeben.

DR. SERVATIUS: Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen.

VORSITZENDER: Haben andere Verteidiger Fragen zu stellen?

RA. BABEL: Herr Zeuge, Sie haben von Maßnahmen der Sicherheitspolizei und des SD gesprochen, und Sicherheitspolizei und SD in Ihren Aussagen mehrmals erwähnt. Ist diese Bezeichnung lediglich die Amtsbezeichnung, oder ist aus dieser Angabe zu schließen, daß der Sicherheitsdienst, der SD, als solcher irgendwie beteiligt war?

WISLICENY: Die Aktionen, die ich erwähnt habe, wurden vom Amt IV, das heißt der Gestapo, durchgeführt. Wenn ich den Chef der Sicherheitspolizei und des SD erwähnt habe, so habe ich ihn deshalb erwähnt, weil es eine Dienststellenbezeichnung ist, nicht um den SD selbst zu erwähnen.

RA. BABEL: War also der SD bei diesen Judenmaßnahmen, die Sie erwähnt haben, irgendwie beteiligt, erstens zahlenmäßig, zweitens ausführungsmäßig?

WISLICENY: Der SD als Organisation selbst nicht. Einige von den Führern, die bei Eichmann tätig waren, stammten aus dem SD. Ich selbst persönlich auch. Aber wir waren zum Amt IV zur Gestapo kommandiert.

RA. BABEL: Waren nun die früheren Mitglieder der SS oder des SD, die dann später in der Gestapo tätig wurden, noch Mitglieder ihrer ursprünglichen Organisationen, oder waren sie jetzt Mitglieder der Gestapo?

WISLICENY: Nein, sie waren noch beim SD.

RA. BABEL: Und haben also dann als Mitglieder des SD da mitgewirkt oder lediglich in Ausführung von Aufträgen der Gestapo?

WISLICENY: Wir gehörten für die Dauer unserer Kommandierung zur Gestapo. Wir wurden lediglich vom SD noch bezahlt und personalmäßig betreut. Unsere Befehle bekamen wir ausschließlich von der Gestapo, vom Amt IV.

RA. BABEL: In diesem Zusammenhang noch eine Frage. Konnte sich denn ein Fernstehender in diesem Gewirre von Ämtern und so weiter überhaupt auskennen?

WISLICENY: Nein, das war fast unmöglich.

VORSITZENDER: Will irgendein anderer Verteidiger diesen Zeugen ins Kreuzverhör nehmen? Oberst Amen oder Oberst Brookhart, wollen Sie den Zeugen nochmals verhören?

OBERST AMEN: Nein, wir haben keine weiteren Fragen vorzulegen, Herr Vorsitzender.

VORSITZENDER: Sehr gut, das ist alles.

[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]

Quelle:

  1. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 11, S. 438-472
nach oben
© Jürgen Langowski 2019
Impressum | Datenschutz