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21.09.1938

Die Aufwiegelung Ungarns

Aufzeichnung aus dem Auswärtigen Amt über die Unterredung zwischen Adolf Hitler und den ungarischen Staatsmännern

Legationsrat Brücklmeier teilt mir soeben fernmündlich folgendes über die gestrige Unterredung zwischen dem Führer, Ministerpräsident Imredy und Außenminister von Kanya mit:

Der Führer habe zunächst den ungarischen Herren Vorwürfe über die unentschlossene Haltung Ungarns im gegenwärtigen Krisenzeitpunkt gemacht. Er, der Führer, sei entschlossen, die tschechische Frage selbst auf die Gefahr eines Weltkrieges zu lösen. Deutschland verlange sämtliche deutschen Gebiete. Er sei überzeugt, daß England und Frankreich nicht marschieren würden. Es sei jetzt der letzte Moment für Ungarn gekommen, sich einzuschalten, da er sonst nicht in der Lage sein werde, für die ungarischen Interessen einzutreten. Seiner Auffassung nach wäre es das beste, die Tschechoslowakei zu zerschlagen. Auf die Dauer könnte man sicherlich dieses Flugzeug-Mutterschiff im Herzen Europas nicht dulden. Er forderte die ungarischen Herren auf, 1. sofort ihrerseits Abstimmung für die von Ungarn gewünschten Territorien zu verlangen, 2. keinerlei Garantien für etwaige neue Grenzen der Tschechoslowakei zu geben. Gegebenenfalls solle Ungarn mit dem Austritt aus dem Völkerbund und der Aufstellung von Freikorps drohen. Die tschechoslowakische Frage werde in spätestens drei Wochen vom Führer gelöst werden. Ministerpräsident Imredy habe geantwortet, daß Ungarn das Tempo der Lösung überrascht habe. In Ungarn habe man an eine Lösung in 1—2 Jahren gedacht. Inzwischen hätten die ungarischen Minderheiten ja bereits Abstimmungen gefordert, und die ungarische Regierung werde diese Forderung sich zu eigen machen. Des weiteren werde Ungarn sofort militärische Vorbereitungen treffen, was innerhalb von 14 Tagen allerdings nur lückenhaft geschehen könne. Hinsichtlich der Haltung Jugoslawiens habe Ministerpräsident Imredy geäußert, daß die dortige Führung nur schwach sei, während das frankophile Militär sehr ernst genommen werden müsse. Vielleicht könne man jedoch durch Geld und Drohungen dort etwas erreichen.

Der Führer habe weiter erklärt, daß er die deutschen Forderungen gegenüber Chamberlain brutal vertreten werde. Seiner Auffassung nach sei die einzig befriedigende Lösung ein militärisches Vorgehen. Es bestände aber die Gefahr, daß die Tschechen alles annehmen.

Ministerpräsident Imredy erklärt, daß Ungarn eine neue tschechoslowakische Grenze nur dann garantieren werde, wenn alle ungarischen Forderungen befriedigt seien. Der Führer erklärte, daß Deutschland keine Garantien geben würde, wenn nicht alle beteiligten Staaten hieran teilhaben würden. Im weiteren Verlauf der Unterredung habe der Führer die deutsche Stellungnahme dahin präzisiert, daß eine derartige Möglichkeit nur nach der Lösung aller Probleme, einschließlich der Frage der Iglauer Sprachinsel, in Frage kommen könnte. Der Führer habe sodann noch einmal darauf hingewiesen, daß er die deutschen Forderungen in Godesberg auf das brutalste vertreten werde. Falls in der Tschechoslowakei hierüber Unruhen ausbrechen sollten, so werde er militärisch eingreifen. Es sei aber immerhin besser, wenn der Vorwand hierfür von tschechischer Seite geliefert werde.

Ministerpräsident Imredy habe zugesagt, dem Führer ein vertraulich zu behandelndes Schreiben noch heute zu übersenden, in dem die ungarischen Forderungen präzisiert sein würden. Dieses Schreiben gedenke der Führer alsdann auch in Godesberg gegenüber den Engländern zu verwerten.





Siehe auch:

Quelle:

  1. Michael Freund
    Externer LinkWeltgeschichte der Gegenwart in Dokumenten (1), S. 165f
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