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"Weisung Grün"

Version vom 20.05.1938

Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht an den Führer

Geheime Kommandosache	               Berlin, 20. Mai 1938
Chefsache. Nur durch Offizier.
Von Offizier geschrieben!
L Ia zu Nr. 38


              Entwurf für die neue Weisung "Grün" (Übergang).


1. Politische Voraussetzungen.

Es liegt nicht in meiner Absicht, die Tschechoslowakei ohne
Herausforderung schon in nächster Zeit durch eine militärische
Aktion zu zerschlagen, es sei denn, daß eine unabwendbare
Entwicklung der politischen Verhältnisse innerhalb der
Tschechoslowakei dazu zwingt oder die politischen Ereignisse in
Europa eine besonders günstige und vielleicht nie wiederkehrende
Gelegenheit dazu schaffen.

2. Politische Möglichkeiten für den Beginn der Aktion.

Ein Überfall ohne geeigneten äußeren Anlaß und ohne genügende
politische Rechtfertigung kommt mit Rücksicht auf die möglichen
Folgen eines solchen Handelns in der jetzigen Lage nicht in
Betracht. Die Aktion wird vielmehr ausgelöst werden entweder

a) nach einer Zeit zunehmender diplomatischer
Auseinandersetzungen, die mit militärischen Vorbereitungen
verknüpft sind und die dazu genützt wird, die Kriegsschuld dem
Gegner zuzuschieben. Aber auch eine solche dem Krieg
vorausgehende Spannungszeit wird durch plötzliches, dem Zeitpunkt
und dem Umfang nach möglichst überraschendes militärisches
Handeln unserseits ihren Abschluß finden, oder

b) durch blitzschnelles Handeln auf Grund eines ernsten
Zwischenfalls, durch den Deutschland in unerträglicher Weise
provoziert wird und wenigstens einem Teil der Weltöffentlichkeit
gegenüber die moralische Berechtigung zu militärischen Maßnahmen
gibt.

Militärisch und politisch günstiger ist der Fall b.

3. Folgerungen für die Vorbereitung des Falles "Grün", die den
unter 2 a und b genannten Möglichkeiten Rechnung tragen muß.

a) Für den Waffenkrieg kommt es darauf an, schon in den ersten
vier Tagen eine militärische Lage zu schaffen, die
interventionslüsternen gegnerischen Staaten die
Aussichtslosigkeit der tschechischen militärischen Lage vor Augen
führt sowie den Staaten, die territoriale Ansprüche an die
Tschechoslowakei haben, einen Anreiz zum sofortigen Eingreifen
gegen die Tschechoslowakei gibt.




Siehe auch:

Quelle:

  1. Michael Freund
    Externer LinkWeltgeschichte der Gegenwart in Dokumenten (1), S. 27ff
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